Curt Kowalski

Dieser Eintrag stammt von Rüdiger Kowalski aus Münster Kontakt:rukowalski@t-online.de Januar 2008 :

Das Tagebuch ist Schenkung an das Deutsche Historische Museum. Die Aufzeichnungen meines Vaters geben einen Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt während des Stellungskrieges an der Westfront 1915 sowie in seine Kriegsgefangenschaft in Frankreich von 1915 bis 1918. Curt Kowalski wurde 1883 in Rastenburg (Ostpreußen) geboren. 1903 erfolgte der Eintritt in ein Pionierbataillon als Fahnenjunker, 1904 die Beförderung zum Leutnant. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es im neuen 100.000-Mann-Heer keine Verwendung für ihn und er trat als Major in die Polizei ein. Einsatz als Kommandeur in verschiedenen Städten in Ostpreußen und in Potsdam. 1936 Beförderung zum Oberst und Ernennung zum Inspekteur der Ordnungspolizei in Ostpreußen. Seine reguläre Dienstzeit war am 1. Oktober 1939 beendet, wegen des Krieges kam er jedoch nicht in den Ruhestand, sondern wurde Inspekteur der Ordnungspolizei in Brandenburg. Im Mai 1942 erfolgte die Beförderung zum General und im Oktober 1942 die Versetzung in den Ruhestand. Als ehemaliger Polizeigeneral wurde er 1945 von der Sowjetarmee verhaftet und in Sachsenhausen interniert. Dort ist er – laut russischem Totenschein – 1948 an Tuberkulose verstorben.

Originalaufzeichnungen meines Vaters:

Stellungskrieg

Am 1. Juni 1915 war mein Geburtstag. Ich wurde durch ein Ständchen von meiner 2. Kompanie geweckt, ein Unteroffizier überreicht mir einen Strauß. Die Burschen des Regimentsstabes hatten Stubentüren, Stühle und den Tisch in rührender Weise mit Blumen geschmückt. Mittags kamen die Herren und wünschten mir Glück, darunter auch Leutnant Winkler, 6. Kompanie. Nachmittags um 4 Uhr lag er mit zerrissenem Körper vor mir. Ich hatte ja auch schon viel gesehen in den langen Kriegsmonaten, aber der Tod dieses Jungen, der durch alle Gefahren bei St. Michel unverwundet hervorgegangen war, der Tod auf diese elende Weise, fern ab vom Feind, hat mich mächtig ergriffen. […]

Die erste Zeit, Anfang August, war verhältnismäßig ruhig; Mitte August setzte dann ein heftiges Minenfeuer, aus großen und kleineren Minen bestehend, ein. Das war nicht gerade schön, denn oft wurden in einer Stunde 60 – 80 schwere Minen auf die Stellung verschossen. Einmal wäre ich beinahe zerrissen worden, als ich im Hessengraben zur Stellung wanderte. Die Mine kam genau auf mich zu, so daß ich die mutmaßliche Aufschlagstelle nicht schätzen konnte. Sie detonierte keine 5m von mir auf der rückwärtigen Brustwehr und warf mich im Graben um und um, Sand, Steine und Qualm mir ins Gesicht schleudernd. Ich habe noch lange davon genug gehabt.

Für das Ausweichen und Decken bei Minenschießen hatte ich eine neue Art erfunden. In den „Heldenkeller“ kam man doch nicht so schnell, außerdem war auch nicht immer einer in der Nähe. Jessen hatte allerdings eine merkwürdige Gewandtheit darin Heldenkeller zu finden, sich mit einem Kopfsprung herab zu stürzen und dann ein Hohngelächter anzustimmen. Ich hatte leider bis zum letzten Augenblick das Bücken nicht gelernt. Die Granaten ließen mich herzlich kalt. Also meine Methode war sich an einer Ecke aufzustellen und dann je nachdem wie die Minen einfielen auf die eine oder andere Seite zu springen. Das taten nachher alle meine Herren so.

Ein anderes Bild. Naturgemäß nahm mich das Minieren am Meisten in Anspruch. Stundenlang habe ich bei meinen Leuten vor Ort gesessen und das Klopfen und Arbeiten der Franzosen gehört. Ein eigenartiges Gefühl. Kein Laut ringsum als das Klopfen der Herzen und das Geräusch des arbeitenden Gegners. Ich hätte täglich sprengen können wie es ja Oberleutnant R. tat – ob zum Nutzen der eigenen Stellung bezweifele ich – aber ich wollte die Franzosen bis auf 12 – 15m herankommen lassen und sie dann mit tötlicher Sicherheit vernichten. 20 m waren sie etwa noch entfernt. Da hieß es Nerven behalten. Aber lieber ließ ich die Franzosen sprengen, als daß ich mir mein System zerstörte. Die Franzosen sprengten jedes Mal zu früh und erreichten damit wenig oder nichts. Die Stellung konnten sie nicht zerstören, meine Leute auch nicht abquetschen, da ich einerseits viel tiefer war, andererseits eine gut ausgebaute Minengalerie – das einzig brauchbare von meinem Herrn Vorgänger – besaß.

Drei Mal entstand Panik in der Stellung, in dem die Infanterie behauptete, die Franzosen bohrten bereits unter der vorderen Stellung. Das war ja nun undenkbar; sie hätten dann mindestens in einer Tiefe von 40m arbeitend unter mir durchgehen müssen und das war ausgeschlossen, da sämtliche 26 Stollen, die ich Mitte September in Betrieb hatte, teilweise mit dem Ohr, teilweise mit Horchgerät abgehorcht wurden und zwar dauernd. In den übrigen wurde noch gearbeitet und 8 Horchpausen innerhalb 24 Stunden eingelegt.Einmal stellte ich das Geräusch als das der sehr tief fliegenden französischen Flugzeuge fest, das sich in den Unterständen verfing und wie Bohrgeräusch erschien. Das zweite Mal war es ein starker Regen, das dritte Mal erschrak aber selbst Jessen. Nach wenigen Stunden hatten wir es heraus, es waren nagende Mäuse!, die piepsend enteilten, wenn man auf das Schurzholz schlug. Die Franzosen arbeiteten sehr vorsichtig, schlugen immer mit meinen Leuten zugleich und hörten auf, wenn wir aufhörten. Ich ließ in den gefährdeten Stollen weiter arbeiten und horchte mit Jessen zusammen vom Nebenstollen aus. Man hörte dann ganz genau das geringe Nachklappen der französischen Schläge. […]

Die Arbeiten in den Stellungen wurden stark behindert durch die ungenügende Materialversorgung. Mir waren Minenwerfer zerschossen; trotz mehrfacher Anträge bei der Division habe ich keinen Ersatz erhalten. Schlimmer war es noch mit der Überweisung von Brettern und Faschinen; oft stockte die Arbeit vollständig. Bretter und Balken gab es fast gar nicht. Ich habe mich hierüber des öfteren beim Kommandeur der Pioniere persönlich wie auch bei seinem Adjutanten, beschwert und um reichlichere Materiallieferung gebeten. Der Erfolg war ein geringer. Dabei wurde vom Führer der Armeegruppe gefordert, daß selbst die Läger hinter der Front vorzüglich ausgebaut werden mußten. Die Ärzte wiesen mit Recht darauf hin, daß es im Interesse der Gesundheit der Truppe sei, die Unterstände, die ja tief in der Erde lagen, mit Brettern zu verschalen. Aber wie sollte das gemacht werden, da kaum genügend Holz für die Kampfgräben vorhanden war.

Es ist mir peinlich, aber trotzdem muß es gesagt werden. Kam man in die größeren Ortschaften, in denen die Stäbe lagen, so konnte man sehen, wo das kostbare Material blieb. Villen und Häuser haben sich die Stäbe bauen lassen, von denen jedes ein Kapital ausmachte, und von deren Bretter und Balken man ein ganzes Lager hätte bauen können und die von den vorderen Stellungen händeringend gebraucht wurden. Bezogen sind sie niemals, denn als sie fertig waren, schoß der Gegner in die Ortschaften und es wurde dort zu gefährlich. […]

Der Weg vom Lager zur Stellung war fast unpassierbar geworden. Am 19.9. begab ich mich mit J. und einem Gefreiten zur Stellung. Als wir an den Südrand des Lagers kamen, lag die ganze Schlucht bis zur R-Stellung unter schwerem Granatfeuer. Es war 6 Uhr morgens. Wir warteten eine Weile bis die Gruppen auf einer anderen Stelle lagen und gingen dann weiter. Als wir uns aber gerade in der Mitte zwischen Lager und R.-Stellung befanden, war das Ziel schon wieder gewechselt. Gleich die ersten Lagen detonierten keine 15-20 m hinter uns. Deckungslose Ebene! Bis zur R.-Stellung noch 150m! Ich schrie: Schwärmen marsch, marsch! Und wir versuchten, die R.-Stellung zu erreichen. Lage auf Lage pfiff heran, die Granaten detonierten auf allen Seiten, wir waren mitten in diesem Hexenkessel. Ich glaube, niemand von uns gab einen Pfifferling für sein Leben. Dann stürzten wir in die R.-Stellung. Aber wir hatten die richtige Stelle verfehlt, kein Heldenkeller zu sehen. Wir lagen auf dem Boden und schöpften Luft, während Granate auf Granate dicht neben uns einschlug. Eine zerstörte die Schulterwehr. Als es etwas nachließ, liefen wir in der Stellung weiter, um einen Heldenkeller zu finden. Noch zweimal mußten wir uns hinlegen, ehe wir in seinen rettenden Schoß hinabtauchen konnten. ½ Stunde mußten wir noch sitzen. Wir waren gerade in das schlimmste Feuer hineingelaufen.

Die Schußzeiten und belegten Räume wurden nunmehr beobachtet. Und es gelang ohne Verluste die Ablösungen fast bis zum letzten Augenblick planmäßig aufrecht zu erhalten.

Im Lager hatte ich den Feldküchenraum, das Kasino und später noch meinen Unterstand den Mannschaften eingeräumt, so daß alle nach menschlichem Ermessen gegen Voltreffer bis 15 cm einschließlich geschützt waren. Während dieser Zeit begab ich mich noch täglich vom Lager in die Stellung und kehrte im Laufe des Tages dorthin zurück. […]

Am Abend des 20.9.1915, wir wollten an diesem Tage die Verleihung des EK1 an Leutnant W. feiern, telefonierte mich Hauptmann T. noch an, teilte mir einige wichtige Beobachtungen mit und bat um Rat. Da mir die Nachrichten doch sehr bedrohlich erschienen, und ich sie infolgedessen nicht durch das Telefon abmachen wollte, so begab ich mich zur Gefechtsstelle. […] Es waren Nachrichten gekommen, daß die Franzosen ihre Drahthindernisse forträumten und daß das Art.-Feuer nunmehr auf den Stellungen liege. Der Angriff stand also in Bälde bevor. Daß wir allerdings noch 5 Tage ein namensloses Art.-Feuer würden aushalten müssen, davon ahnten wir glücklicherweise nichts.

Mit Hauptmann T. zusammen legte ich am 21.9. noch eine Stellung fest, die vom Mansteingraben in nordwestlicher Richtung verlief und den Anschluß an die Steilhangstellung zum I.R. 17 bilden sollte, falls die Waldstellung nicht mehr zu halten war. Hier sah es schon seit Tagen furchtbar aus. Es rächten sich hier die schluchtartigen Schützengräben. Oft mußte man über den ebenen Boden springen. Die Infantristen unter Anleitung meiner Leute taten was sie konnten, es ging nichts mehr. Kaum war die Stellung fertig, war sie schon wieder zerstört. Aber es wurde mit zäher Energie weiter gearbeitet. Und es sollte noch schlimmer werden. […]

Das Französische Art.Feuer hatte sich seit dem 20.9. abends ständig an Heftigkeit zunehmend von den Lagern aus schließlich auf die Stellungen gewandt. Aber nicht wie in der Winterschlacht dauerte es wenige Stunden des Tages, sondern ununterbrochen Tag und Nacht lagen die Granaten aller Kaliber bis einschl. 28cm auf den Stellungen und Annäherungswegen. Einzelne Schüsse waren stundenlang übehaupt nicht mehr zu unterscheiden. Es konnte sich nur der einen Begriff machen, der es mit angesehen und miterlebt hatte. […]

Dann ging ich durch die Stellungen. Sie sahen furchtbar aus, besonders die der rechten Flügelkompanie. Schon am 22.9. war die linke Flügelkomp. an 8 Stellen völlig zugeschossen, die rechte Flügelkomp war kaum noch verwendungsfähig. Ich ließ das Minieren einstellen und teilte meine Kompanie sowie die Infantrie-Pion.-Komp. zur Wiederherstellung der zerschossenen Stellungen ein. Dieses gelang auch in der Nacht vom 22./23. 9. Trotz des Art.-Dauerfeuers. Um die Mittagszeit des 23. 9. war ein Verkehr schon nicht mehr möglich. Das Art.-Feuer hatte sich zu einer unerhörten Heftigkeit gesteigert. Und das Schlimmste war, es hörte auch bei Nacht nicht auf. Schon in der Nacht vom 23 .zum 24. 9. war eine Wiederherstellung unmöglich, obgleich bei jeder Kompanie 40 Pioniere und 60 Inf.-Pioniere arbeiteten. Selbst meine besten Unteroffiziere meldeten, daß ein Weiterarbeiten zur Unmöglichkeit geworden war. Dennoch wurde es versucht, einen Erfolg hat es nicht gehabt.

Alle Meldungen, die aus der Front zu den höheren Befehlsstellen abgeschickt wurden, daß ein Halten der vorderen Stellungen nicht mehr möglich sei, schienen nicht weitergegeben zu werden oder wurden nicht beachtet. Es kam auch niemand in die vordere Stellung! Du lieber Gott! Warum kam denn niemand, sich mal diese Stellung anzusehen? Ich glaube, dieser Befehl wäre nie gegeben oder doch wenigstens rückgängig gemacht worden. Aber kein Gen.-Stabsoff., kein Adjutant oder Ordenanzoff. ließ sich blicken. Sie kamen nur an ganz ruhigen und schönen Tagen, wunderten sich über die Ruhe, fanden die Stellung ausgezeichnet, sahen durch die Scharten, fanden das Schußfeld großartig und behaupteten, man könne sich wochenlang in der Stellung halten. Natürlich, wenn die französische Artillerie nicht schoß. Welch bodenlose Unkenntnis! […]

Als ich am Morgen des verhängnisvollen 25. 9. in die Stellung ging, fand ich folgenden Zustand: Alle Gräben waren zum Teil arg zerschossen, die Eingänge in die Stellungen völlig eingeebnet; man mußte von Granattrichter zu Granattrichter springen, denn man sah nur noch Granattrichter. Der Boden war völlig zerwühlt, die Stellung einfach nicht mehr vorhanden. Obgleich ich doch jeden Zentimeter von der Stellung kannte, wußte ich nicht mehr, wo sie lief. Die Absicht, meine Leute zu besuchen, mußte ich aufgeben. […]

Ins Mittellager zurückgekehrt erstattete ich Meldung an Hauptm. T. Noch einmal gelang es, mit dem Regt. Verbindung zu erhalten, uns ich erstattete auf bitten von T. persönlich Oberstltn. B. Meldung, daß ein Halten der Stellung unmöglich sei, da alles vorne vernichtet war. Auch bat ich nochmals um Art.-Unterstützung. Geschehen ist hierauf nichts. Unterdessen hatte sich auch im Mittellager das Bild zu unseren Ungunsten verschoben. Der ganze westliche Teil war von 28cm Granaten völlig vernichtet. Trichter lag an Trichter von 3 – 4m Tiefe und 6 – 7m Durchmesser und noch immer schlugen unaufhörlich mit furchtbaren Detonationen und unheimlicher Präzision die Granaten 150m von unserem Unterstand entfernt ein. Alle Fenster waren gesprungen und erzitterten und bebten.

Schon am 24.9. kam die französische Infanterie vor der linken Flügelkompanie ohne die Drahthindernisse fortgeräumt zu haben aus den Stellungen heraus. Der Zweck wurde uns bald furchtbar klar. Die um die „Heldenkeller“ noch stehen gebliebenen Löcher wurden von unsere Infanterie sofort besetzt. Dann, als das erste Infanteriefeuer begann, zog sich der Gegner rasch in die Stellungen zurück. Der Zweck war ja erreicht. Die während des Kampfes unablässig über den Stellungen kreisenden Flieger hatten die Stolleneingänge, die noch nicht eingeschossen waren, erkannt. Art. und Minenwerfer legten ihr Feuer darauf und bald waren die wenigen noch lebenden Männer verschüttet. Das Schweigen des Todes breitete langsam seine Fittiche über den Stellungen aus. […]

Einen Augenblick fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, mich zu meiner Kompanie zu begeben, von der ich schon 5 Tage abwesend war. Dann verwarf ich es, es klappte ja alles und die paar Unterschriften – wieviel Läuse der Mann habe und so – konnte ja auch W. in meiner Abwesenheit leisten. Hier war ich wichtiger. Das war mein Verhängnis. 2 Stunden später war die Tür ins Schloß gefallen, ein Entkommen nicht mehr möglich. Daran hatte ich zu der Zeit allerdings nicht gedacht.

Gasangriff, Niederlage und Aufgabe

Es mochte gegen 11 Uhr gewesen sein, vorne war es merkwürdig still geworden, da stürzte plötzlich Oberltn. B. mit wenigen Leuten völlig ermattet in das Mittellager und meldete, die vordere Stellung sei von den Franzosen genommen. Die Ereignisse, die Meldungen überstürzten sich. Anscheinend war der Gegner auch bei 17 bereits durchgebrochen, kleinere Abteilungen sahen wir in der Mulde nördlich des Mittellagers. Es wurde der Befehl zum Besetzen der Steilhangstellung gegeben. Aber es war eine Panik ausgebrochen. Ein großer Teil versuchte nach Norden durchzubrechen, dem sich T. und ich entgegen warfen. Da wir ihnen aber nicht entgegen treten konnten, mußten wir es aufgeben. Einen Augenblick schienen wir ganz allein zu sein, dann plötzlich raffte ich mich auf. Die Steilhangstellung mußte gehalten werden, vielleicht war noch etwas zu retten.

Ein ganzer Infanterie- und Jägerzug, darunter ein Wachtmeister, der sich ganz ausgezeichnet benahm, riß ich zusammen, nahm selbst ein Gewehr, einen Patronengürtel hing ich mir um, und einige Handgranaten nahm ich in die Hand und stürzte mit diesem kleinen Trupp, etwa 15 – 18 Mann in die Steilhangstellung. Die Stellung ließ ich beiderseits des Hessengraben besetzen und stellte im Graben nach Süden und nach Norden Posten auf. Denn nördlich des Mittellagers waren bereits stärkere Abteilungen gesehen worden, der westliche Teil, meldete mir eine Patrouille, war vom Feinde besetzt. Also eingekreist! […]

Gegen 12 Uhr griffen die Franzosen vom Mittellager her meinen westlichen Flügel an. Ich zog den größeren Teil meiner geringen Kräfte in die Stellung westlich des Hessengraben und als die Franzosen über den Höhenrand kamen, eröffneten wir ein ruhiges Feuer, das heftig erwidert wurde. Eine halbe Stunde mochte dieser ungleiche Kampf gewährt haben, dann zogen sich die Franzosen zurück. Manchen haben sie liegen lassen müssen. Auf der Brustwehr kniend schoß ich selbst mit. Mit dem Leben hatte ich abgeschlossen, dann sollte es aber wenigstens schnell gehen. Die Stellung war auch gegen diesen zweiten Angriff gehalten worden. Es entstand eine Gefechtspause, die ich benutzte, um erneut Fühlung mit dem linken Bat. aufzunehmen, was nunmehr gelang.

Da ich der Älteste in der Stellung war, übernahm ich die Führung der vorhandenen Kräfte. Zunächst ging ich selbst nach links, um mich von der Stärke zu überzeugen. Ich fand ein MG, das völlig blödsinnig mit einem Schußfeld von 10 – 12 m frontal wirkend eingebaut war.

Ich befahl sodann:

  1. Das MG baut sich etwas vorwärts der Steilhangstellung ein, Front nach Südwesten zur Bestreichung des Drahthindernisses und des Höhenrückens davor.
  2. Die Züge ziehen sich nach rechts auseinander, zwischen zwei Schulterwehren 4 Mann.
  3. ½ Zug, 40 Mann, besetzen die Steilhangstellung zwischen Hesse- und Müllergraben.
  4. Schwache Sicherung nach Süden wie nach Norden, alles übrige in Deckung.

Dann eilte ich wieder an den gefährdeten Flügel. Mittlerweile hatten die Franzosen die Stellung vom Ruhnaugraben westlich besetzt. Man sah mit einer blau-weiß-roten Flagge Winkerzeichen geben. Ich ließ daraufhin zunächst nichts unternehmen, um Ruhe für die Ausführung der gegebenen Befehle zu haben. Dann begab ich mich nochmals durch die Stellung, um mich von der Ausführung der Befehle zu überzeugen. Ein Mann fiel, ein Granatsplitter riß ihm die Schädeldecke ab, das Gehirn fiel heraus, ich wurde an der rechten Schulter verwundet. Es muß ein pfeilartiger Splitter gewesen sein, der von der Seite kommend meine Schulter streifte. Der Schlag war stark schmerzhaft, der Waffenrock war zerrissen und die Haut leicht gestreift.

Ich verteilte die Offiziere. Dann erfuhr ich, das Hptm. S. im Mittellager noch anwesend sei, begab mich zu ihm und meldete die selbständig getroffenen Anordnungen, da ich teilweise über seine Kräfte verfügt hatte. Die Anordnungen wurden gebilligt. Hier erfuhr ich, daß der Gegner ebenfalls schon um 11 Uhr auch beim I.R. 39 links durchgebrochen sei und mit starken Kräften die nach Norden führenden Annäherungswege besetzt habe. Dann lief ich zu Hptm. T., dem ich Mitteilung von den Ereignissen vorne machte. Hptm T. hatte unterdessen das Mittellager mit der Front nach Norden besetzen lassen. Ein großer Teil der vorher ausgerissenen Mannschaft war zurückgekehrt.

Als ich mich erneut in die Stellung begab, griffen die Franzosen zum dritten Mal von Nordwesten her unseren westlichen Flügel an, bereits unterstützt von MGs, die das Mittellager flankierten. In der Stellung waren die Befehle ausgeführt. Es mag gegen 14 Uhr gewesen sein, Oberltn. B. hatte sich soweit erholt, daß er wieder verwendungsfähig war. Ich übertrug ihm den Befehl über die westlich des Hessengraben befindlichen Kräfte, die ich nochmals um 4 Gruppen verstärkte, da das Schwergewicht des Kampfes auf diesem Flügel lag. […]

Gegen 15 Uhr versuchten die Franzosen zum vierten Male vorzukommen. Dieses Mal in Form eines Handgranatenangriffes durch den Müllergraben. Auch dieser wurde mittels Handgranaten abgewiesen. Bei allen vier Angriffen habe ich im Feuer gestanden, persönlich mitgeschossen und geworfen und ein Wunder ist es, daß ich mit dieser leichten Verwundung davon gekommen bin. Zwischen 15 und 16 Uhr wurde das Mittellager mit Gasgranaten belegt, da aber Südwind stand und es ein wenig regnete, konnten sich die Truppen halten. Schön war es nicht. Später wurde dieses Feuer ungefähr 1500m nördlich verlegt und bald stand genau nördlich des Mittellagers eine Gaswolke von 30m Höhe und 1000m Breite.

Die gewaltige Kanonade war verstummt. Dafür feuerten die Franzosen Gasgranaten. Dieses leichte Zischen, die schwachen Detonationen, der betäubende Geruch machte einen halb wahnsinnig. Stunde um Stunde hörte man nur dieses entsetzliche leise Pfeifen. Ich brauchte die Gasmaske. […]

Die Möglichkeit eines Durchbruchversuches nach Norden wurde erwogen. Beide Flügel schwebten in der Luft, der westliche konnte von Geschützen und MGs flankiert werden, starke Kräfte befanden sich vor der Front, die sofort nachgestoßen hätten, und im Rücken. Und wären wir auch unter großen Verlusten durch die Schlucht nördlich des Mittellagers gekommen, hätten wir die Osterstellung überrannt, an der Gaswand wäre der Durchbruch zum Stehen gekommen. Dann aber wäre eine Übergabe unmöglich geworden, denn der Gegner bestand aus Algeriern und Turkos. Wir wären nutzlos niedergemetzelt worden.

Die Hilfe mußte in Form eines Gegenstoßes der Reserven kommen, die wir mit den vorhandenen Kräften mit Erfolg unterstützen konnten. Mein Gott, ich kannte die Stärke der Reserven! Und so wußten wir von vornherein, daß diese Hoffnung sich nicht erfüllen konnte. Dennoch wurde beschlossen: Ein Durchbruch ist unmöglich, wäre sinnloses Morden der paar hundert Mann, die noch übrig waren. Die Nacht soll abgewartet werden, solange ist die Stellung zu halten. Erfolgt am 26. 9. Morgens kein Gegenstoß der Reserven, dann Übergabe. Es lag auch noch eine Gefahr nahe, die, je länger wir warteten, desto handgreiflicher der Gegner werden. Nämlich die, daß einerseits der Gegner wütend über den solange erfolgreichen Widerstandes das Mittellagers unter Art.-Feuer nahm, oder aber unsere Artillerie in Unkenntnis der Lage, das Mittellager vom Gegner für besetzt haltend, ihrerseits das Feuer darauf richtete.

26.9.1915. Gegen 2 Uhr schickten wir einen Parlamentär und ergaben uns, da jeder weitere Widerstand sinnlos gewesen wäre. 2 Stunden später wurde das Mittellager von der deutschen Artillerie zusammengeschossen. So war dieser Kampf zu Ende gekämpft, der am 25.9. so hoffnungsvoll begonnen hatte.

Zwischenstation in Marseille

30. 9. 1915. Um 6 Uhr wurden wir geweckt, dann Apell. Diejenigen, die wollten, konnten sich Essen aus einem in der Nähe gelegenen Hotel holen lassen, es waren fast alle. Kaffee 40 ct., Mittagessen und Abendbrot je 2 Fr. Um es vorweg zu nehmen, das Essen war an und für sich nicht schlecht. Aber wie mußten wir essen. Kleine Teller, das war das einzige, was man uns lieferte. Wie die wilden Tiere nahmen wir mit Fingern und Zähnen das Essen zu uns. Den Wein tranken wir in Ermangelung von Trinkgefäßen aus Konservenbüchsen, die wir uns während der Eisenbahnfahrt zurecht gemacht hatten. Es war furchtbar. Man kam sich so gemein, so elend, gar nicht mehr wie ein gebildeter Mensch vor. Dazu die kleinen Schikanen der aufsichtsführenden Sergeanten. Am Tage konnten wir 30 Minuten auf dem kleinen Hof spazieren gehen, wir mußten antreten, beim Essen nur auf Kommando oder Pfiff hinsetzen, aufstehen, Wendung machen und herausgehen. Dazu kamen die furchtbaren Abortanlagen. Ein hinter einem Bretterverschlag in demselben Saal, in dem wir schliefen, aufgestellter Kübel diente Tag und Nacht zur Verrichtung aller Bedürfnisse. Wie es da bald aussah und roch, kann man sich denken.

Ich sah zum Fenster hinaus. Vor mir lag die Kirche Notre Dame mit ihrer goldenen Marienfigur auf dem Turm. Dieselbe Kirche, auf der ich 1910 als freier Mann gestanden hatte und über Marseille geblickt hatte, zu den Bergen hinauf und dem tiefblauen Meer. Damals hatte ich mir nicht träumen lassen, daß ich fast genau 5 Jahre später als Kriegsgefangener hinter Gefängnismauern durch die vergitterten Fenster zur Kirche hinauf blicken würde.

1. 10. 1915. Als man allmählich ruhiger wurde, betrachtete man seine Umgebung etwas näher. Wir waren in einem Saal des Zuchthauses von Fort St. Nicolas untergebracht. Wie Verbrecher; denn Verbrecher hausten in den um- und unterliegenden Räumen. Männer, Weiber, Neger aller Stämme, fahnenflüchtige Soldaten. Ein widerliches Bild war es, wenn wir sie vom Gefängnishof an den Fenstern sahen. Und wir, deutsche Offiziere, unter diesem Gesindel.

Es lagen in dem Saal 76 Offiziere, Feldwebelleutnants und Offizierstellvertreter. Auch unter diesen Leuten, mit denen das Schicksal zusammen geworfen hatte, sah ich mich etwas genauer um. Oft mußte ich staunen. Hier fühlte man zum ersten Male, was sich später in Corte noch deutlicher zeigte, was alles, nicht gerade zum Heile und zum Nutzen der Armee in letzter Zeit Offizier geworden war. Diese Leute zeigten bei allen nur möglichen Gelegenheiten ein so würdeloses, bauernhaftes Benehmen, daß es mir oft die Schamröte ins Gesicht trieb. Sie schlugen sich fast um das Essen, warfen mit Worten um sich, die sonst nur in den niederen Schichten der Bevölkerung üblich sind. Man erspare mir, hierüber noch weitere Worte zu verlieren. Wir aktiven Hauptleute schlossen uns dann sofort näher zusammen und traten nur aus unserer Abgeschiedenheit heraus, um diese Leute zu belehren.

Am Vormittag des 2. 10. wurden wir vom Inspekteur der Gendarmerie in Marseille besichtigt. Ein ernster, aber anscheinend vornehm denkender Mann. Er bedauerte, daß wir auf der Reise so schlecht behandelt seien; es war ihm fürchterlich peinlich. Später haben wir gelernt, diese Leute sofort richtig zu beurteilen. Alles war Pose, alles Mache! Die Gemeinheit kam dann später zutage. Sie logen alle und spielten alle Theater. Das haben wir später am eigenen Leibe erfahren, als wir die Neger näher kennen gelernt haben. Der Inspekteur verkündete uns, daß wir nach Corte auf Korsika gebracht würden und betonte, daß wir dort standesgemäß untergebracht würden. Nun, wir waren sehr mißtrauisch geworden und erwarteten trotz der Versicherungen nicht viel. Was französische Worte und Versicherungen bedeuteten, hatten wir ja zur Genüge an unserem eigenen Leibe erfahren. So manches hatten wir hier auch noch von anderen Kameraden gehört, die an anderer Stelle gefangen genommen nach Chalons gebracht waren. Dort hatte man ihnen alles, auch Geld und Uhren fort genommen, hatten sie bespieen und beschmutzt, im Triumphzug durch die Stadt geführt und im Zuchthaus untergebracht.

3. 10. 1915. Der Tag des Abtransportes war herangekommen. Ich hatte meine Sachen, Rock, Hose und Mantel, durch die letzten Tage des Kampfes von eigenem und fremden Blut, Schmutz und Staub besuldet, durch den Aufenthalt im Lager und dem Transport im Viehwagen fürchterlich beschmutzt, so gut es ging, gereinigt, die Schuhe mit einem Speckstück geschmiert. Auch hatte ich mich rasieren können, da man mir wunderbarerweise meine beiden Rasiermesser gelassen hatte. Durch die Vermittlung des Dolmetschers Levy war ich in den Besitz von Zigarren gekommen, hatte mir ein Hemd, ein Handtuch und einen Trinkbecher gekauft.

Am Nachmittag wurden wir dann, nachdem uns der komm. General des 15. AK besichtigt hatte, unter Begleitung im Gefängniswagen zum Hafen geschafft. Es war eine interessante Fahrt. Die Stadt wimmelte von Soldaten. Franzosen weniger, umso mehr Engländer, schwarze und weiße, Neger, Araber und anderes Gesindel. Im Hafen lagen viele Schiffe und an den Kais waren gewaltige Massen Kisten, Ballen und Waren aller Art aufgespeichert, die nicht weiter verschickt werden konnten. Der Handel war völlig ins Stocken geraten.

Um 15.30 Uhr kamen wir an der Anlegestelle des Dampfers an. Es war ein kleines Ding, jung auch nicht mehr, er trug den Namen „Pelion“. Sofort wurden wir im Heck unter Deck verstaut. Hier sah man zum ersten Mal, daß wir erwartet waren. Es war alles, soweit möglich, sauber eingerichtet. Jeder hatte eine Matratze, ein Kopfpolster, eine Decke, die sogar neu angeschafft war. Wir bekamen sogar zu essen, Teller mit Messer und Gabel, es war fabelhaft. Allerdings hatte ja jetzt der Kommandant des Schiffes das Sagen, er gestattete uns auf unsere Bitte sogar am Tisch bis 21 Uhr zu rauchen. Um 16 Uhr legte der Dampfer dann ab. Es schien eine geringe See zu stehen, Gott sei Dank. Ich bin auf meinen Reisen ja nie seekrank geworden, aber hier und zu dieser Zeit, an Körper und Nerven geschwächt, wäre ich es sicher geworden. Mein Magen war Dank des energischen Eingreifens von Dr. N. während der Ruhetage in Marseille einigermaßen wieder hergestellt. An Deck durften wir nicht an diesem Tage.

4. 10. 1915. Erst an den darauffolgenden Tage gestattete man uns, in zwei Raten je eine halbe Stunde auf dem oberen Deck an der Kommandobrücke ein wenig frische Luft zu schnappen. Es war ein herrliches Wetter, im Süden sah man die Felsspitzen Korsikas emporsteigen.

Als Kriegsgefangner auf Korsika

Am Nachmittag liefen wir in den Hafen von Bastia ein. Bevor wir das Schiff verließen, wurden wir aufgefordert, ruhig geradeaus zu sehen und nichts zu provozieren, die Bevölkerung sei sehr erregt. Glücklicherweise waren es vom Dampfer bis zum Zuge nur wenige Schritte. Eine tausendköpfige Menge, Herrschaften der Gesellschaft bis herab zum gemeinen Gesindel hatte sich eingefunden, um dieses allerdings seltene und merkwürdige Schauspiel zu genießen. Dank der energischen Absperrung berittener Gendarmen ging die Überführung mit einigen Händen voll Sand glücklich vorüber. Das alles nur Theater war, haben wir erst später gemerkt, als wir tiefer in den Geist dieses feigen Gesindels eingedrungen waren. Wir atmeten auf. Noch eine Station und wir waren am Ziel unserer unfreiwilligen Reise. […]

In einer herrlichen Fahrt durch die Berge kamen wir um 21 Uhr in Corte, unserem Bestimmungsort, an. Der Kommandant erwartete uns auf dem Bahnhof. Wir traten zu Vieren an und marschierten unter Bedeckung von Infanterie und berittenen Gendarmen ab. Manches hatten wir ja schon erlebt, aber dieser Marsch vom Bahnhof zur Zitadelle spottete jeder Beschreibung. Schon beim Verlassen des Bahnsteiges wurden wir mit Johlen, Schreien und Pfeifen, Rufen vive la France, vive l’Angleterre empfangen. Kaum traten wir ins Dunkle, da hagelte es Steine, Sand und Anderes mehr auf uns. Ich wurde wiederholt getroffen, andere Herren auch. Die Brille hatte ich vorsichtshalber abgenommen.

Dann kamen wir in die Stadt. Dort war der Teufel los. Ein größerer Lärm konnte kaum in der Hölle sein. Zu tausenden standen die Menschen beiderseits der Straßen, schrieen, brüllten pfiffen, johlten; wie die wilden Tiere gebärdeten sie sich, Steine flogen, trafen uns und das Begleitkommando. Vor uns ging der Kommandant, die oberste Militärbehörde von Corte, nichts geschah. Kinder, halbwüchsige Burschen begleiteten uns. Steine flogen auf uns herab. Man begann, die Marseillaise zu singen. Es klappte erst nicht recht, dann anscheinend mit geistiger Unterstützung älterer Personen kam die Jugend ins Gleis. Die Jugend sang, man sollte den boches die Haut abziehen und sie roh auffressen. Später erfuhr ich, daß dieses Lied in den Schulen gelehrt sein solle.

Unter diesem Gesang und in dieser liebenswürdigen Begleitung kamen wir glücklich, ohne wesentlich verletzt zu sein, auf der Zitadelle an. Die hier bereits anwesenden Herren begrüßten uns stumm am Eingang. Wir wurden sofort in den Speisesaal geführt. Der Kommandant versammelte uns noch einmal im Saal, ließ uns durch Hauptmann Graf Courten, der als Dolmetscher diente, sagen, er achte und ehre uns als tapfere Soldaten, die das Mißgeschick gehabt hätten, gefangen genommen zusein. Er selbst wäre längere Zeit an der Front gewesen, dort schwer verwundet, und kenne daher den Krieg. Er würde für seine Person alles tun, um uns dieses schwere Los zu erleichtern. Seine Person, wie diese Ansprache, machte den besten Eindruck auf mich.

Dann wurde uns noch ein Abendbrot aufgetragen, was auch sehr zu begrüßen war, da wir seit morgens an Bord noch nichts zu uns genommen hatten. Dann aber machten wir uns an die Wahl unserer Zimmer und der Stubengenossen. 6 Hauptleute und 12 Oberleutnants sollten in je einen Raum kommen. Ich hatte mich nach sorgfältiger Beobachtung während der Zeit unseres Zusammenseins in Marseille an die Hauptleute Kathe, Saenger, Ackermann, Siecke und Tilse angeschlossen. Wir erhielten die Stube 15 zugewiesen und ohne uns umzusehen, warfen wir uns auf die Betten und schliefen.

Am nächsten Tage sahen wir uns unsere Stube zunächst genauer an. Eine Kasematte in der üblichen Form, Fenster nach Nordosten, daher Sonne nur während der Morgenstunden. Verhältnismäßig wenig Licht, da das Fenster fast zur Hälfte mit Brettern verschlossen war, außerdem Eisengitter davor. Die Inneneinrichtung bestand aus 6 Betten, 6 Stühlen, 1 Tisch, 6 Waschbecken auf einer Bank, 1 Wasserkanne und 1 Eimer. Weder Schränke noch Spiegel waren vorhanden. Alles in allem ein trauriges Bild. Dazu kam noch eine ziemlich kleine Lampe, für die es alle 14 Tage ein Liter Petroleum gab. Morgens war ein Apell, anschließend führte uns Graf Courten in der Zitadelle herum und machte uns mit den Bestimmungen bekannt, wo man gehen und stehen durfte und wo nicht.

Hausordnung: 7.45 Uhr Appell, anschließend Kaffee ( 1 Stk. Brot, eine Tasse Kaffe). 11.30 Uhr Lunch. 15 Uhr Appell auf den Stuben, am Sonntag um 17 Uhr auf der Generalsterrasse vor dem Kommandanten. 18.30 Abendessen, 20.00 Uhr Appell auf den Stuben. […]

Die Appelle wurden von einem aus dem Unteroffiziersstand hervorgegangenen alten Oberleutnant abgehalten, ein ruhiger, anständiger Mann, der uns keine Schwierigkeiten gemacht hat. Der Sonntagsappell wurde, wie schon gesagt, vom Kommandanten selbst abgehalten, die Namen wurden dabei verlesen. In der Zwischenzeit konnten wir in den uns zugewiesenen Räumen spazieren gehen oder uns auf den Stuben beschäftigen.

Die Zitadelle liegt sehr hoch über der Stadt mit einem schönen Rundblick über das Tal der Tavignano und zu den Bergen, die im große Kreise die Zitadelle umgeben und sie weit überragen. Das Auge hatte somit freien Blick und konnte sich nach so viel Monaten, in denen man nur weiße Schützengrabenwände und den blauen Himmel gesehen hatte an den herrlichen Farbspielen, Wolken, usw. erfreuen. Allerdings achtete man auf nichts. Ich war noch völlig gebrochen, konnte mich gar nicht hineinfinden, vor allem nicht in die Ruhe. Hatte ich in den vielen Menschen des Feldzuges unter dauernder Lebensgefahr, unter dem furchtbaren Feuer in der Winterschlacht in der Champagne und namentlich in dem Kampf der letzten Septembertagen meine Ruhe und meine Nerven behalten, hier wurde ich nervös. Dazu das Denken. Was mochte aus meiner Kompanie geworden sein, namentlich was aus den vorne eingesetzten Leuten, wie weit mochten die Franzosen vorgekommen sein, hatten sie etwas erreicht? Das alles war unerträglich. […]

Quälend war auch der Gedanke um meine Mutter und meinen Bruder. Ich hatte noch am 25.9. noch eine Karte geschrieben, die ich der Ablösung mitgeben wollte. Dann kam die Gefangennahme, der lange Transport. Aus dem Heeresbericht mußte ja meine Mutter entnehmen, daß an der Stelle, an der ich mit meiner Kompanie stand, eine Schlacht gewesen war; nun solange keine Nachricht von mir. Man sah alles schwarz in schwarz. Dann dauerte es endlos lange, bis ich Nachricht erhielt. Es war furchtbar. Die Stubenkameraden hatten schon lange Nachricht, ich immer noch nicht. Der Zustand, in dem ich mich geistig und seelisch befand, läßt sich nicht schildern. […]

Heute, am 1. 12. Taucht das Gerücht auf, daß einige türkische Offiziere auf der Zitadelle untergebracht werden sollen, und dafür 30 Herren fortkommen, wie schon vor Wochen. Vorläufig glaube ich nicht daran. Jetzt merkt man erst, wie schlecht das Essen ist. Es werden uns täglich 2 Fr., 60 Fr. monatlich von unserem Gehalt zurückbehalten. Wir erhalten 125 Fr. monatlich und dürfen bis zu 25 Fr. wöchentlich abheben. Das ist herzlich wenig, wenn man bedenkt, was alles davon abgeht. Wir müssen uns ja alles selbst anschaffen. Die Stubeneinrichtung ist nicht ganz billig gewesen. Tag aus, Tag ein nur die kahlen vier Wände anzusehen, das wäre ja zum Verrücktwerden. Kaffee oder Tee für den Nachmittag, Petroleum, Spiritus Streichhölzer, Lichte, alle Waschgegenstände, die Wäscherin, das alles muß man von 25 Fr. bezahlen und da sind die Genußmittel wie Zigarren usw. noch gar nicht eingerechnet. Muß man sich die Schuhe besohlen lassen, und die Sohlen sind auf diesem steinigen Boden sehr schnell entzwei, so kommt man ganz schnell in Verlegenheit.

Es kosteten: Petroleum 0,70 Fr

Spiritus 1 Liter 2,60 Fr

1 Dtz. Lichte 2,40 Fr

Schuhe besohlen 8,00 Fr

Dazu kam, daß das Essen nicht nur völlig unzureichend, sondern auch recht schlecht war. Morgens der Kaffee war trinkbar. Dazu gab es eine Scheibe Brot, womit man bis 11.3o Uhr auskommen sollte und mußte. Das zweite Frühstück bestand aus einem Vorgericht, einem Fleischgang und Obst oder Käse. Das Abendessen war das Gleiche, nur anstelle des Vorgerichtes Suppe.

Die Zubereitung war elend. Zwiebel, Knoblauch, kaum anständig gesalzen, Salz gab es zu Tisch nicht, so daß man auch nicht nachsalzen konnte., das Fleisch so zäh, daß schon ein Raubtiergebiss dazu gehörte, um es klein zu kriegen. Man versuchte es aber zuletzt gar nicht mehr. Gab es gar Wurst, so ließen wir den Teller gar nicht erst auf den Tisch kommen. Sie sah so aus, als ob sie schon einmal gegessen und dann in der bekannten geänderten Form wieder in die Därme getan war, sie roch auch so.

Im Oktober war man ja so niedergebrochen, daß man gar nicht hinsah, was einem vorgesetzt wurde. Im November aß ich nur für 20 Cent Ziegenkäse und Brot. Im Dezember ging ich übehaupt nur noch Abends zum Essen; lieber war ich auf der Stube mit einem Stückchen Wurst und Käse zufrieden als dieses Essen auch nur zu sehen. Daher meine Hilfeschreie nach Konserven, die ja dann auch glücklich eintrafen. Makkaroni und Reis, die ich im Frieden schon nicht sehr gerne aß, hier, wo es diese Gerichte mindestens einmal täglich gab und hier konnte ich sie übehaupt nicht mehr sehen.

Einen Teller Suppe aß ich abends, nur um dem Körper einige Flüssigkeit zuzuführen. Fand man nur Haare und Schmutz darin, konnte man noch zufrieden sein. Aber auch Raupen und Regenwürmer haben ihr Leben lassen müssen, um die Suppe etwas fetter zu machen. Wir schafften uns dann gemeinsam eine Bratpfanne an und kochten uns Kartoffeln, aßen Bratkartoffeln mit Eiern. Das Ei kostete 30 Ct., die Flasche Bier 75 Ct., die Flasche Wein 70 Ct. (einfacher Landwein, mal ganz gut, manchmal nicht zu trinken), Kartoffeln 20 Ct. das Pfund, Butter 50 Ct. je 250 Gr. […]

Heiligabend. Meine Gedanken sind bei meiner Kompanie, bei Mutter und Bruder. Mein Gott, daß ich heute nicht unter meinen Leuten sein kann, es ist furchtbar, ich könnte heulen. Um 17 Uhr Andacht durch Leutnant M., die Predigt war sehr gut. Anschließend Essen, Bescherung der Ordennanzen, die reichlich Wäsche, andere Gebrauchsgegenstände und Süßigkeiten durch Sammlung unter uns erhielten. Ich begab mich um 21 Uhr auf die Stube und legte mich hin. In den übrigen Stuben wurde in der üblichen Weise gesoffen und Krach geschlagen. Erst gegen Morgen legte sich der Lärm.

Am 25. 12. abends steckten wir unseren Baum, den wir für 5 Fr. erstanden hatten, an. Es war ja kein heimatlicher Tannenbaum, aber schön war er doch. Aus unseren zusammengesparten Konserven stellten wir ein Abendessen zusammen und aßen unter dem Tannenbaum. Sylvester! Wieder war am Nachmittag Gottesdienst. Die Predigt war dieses Mal nicht so gelungen. Anschließend Essen. Dann dieselbe elende Sauferei wie Heiligabend, scheußlich. Hoffentlich bringt das neue Jahr den so heiß erhofften Sieg unserer Waffen und Befreiung aus dieser elenden Gefangenschaft. Ich bin wieder ganz fassungslos. Was wird das alles nach dem Kriege werden. Und wenn ich mir Tausend Mal sage, Du hast Deine Pflicht getan, treu dem Fahneneid, du kannst nichts dafür, gefangen genommen zu sein, mein Gott, ich bin aktiver Offizier. Der Beruf ist mein ein und alles. Und jetzt nicht mehr mitmachen können, wenn das Signal zum Angriff bläst! Fort! Schluß! Das Neue Jahr beginnt, Gott schenke uns den Sieg und den Frieden!

Das Leben läuft nun wieder seinen gewohnten Gang. Aufstehen, spazieren gehen, essen, lesen oder Skat spielen, schlafen gehen. Und das seit Monaten und kein Ende abzusehen. […] Das enge Zusammenleben auf der Stube ist furchtbar. Nähme ich mich nicht so zusammen, es wäre schon ein heilloser Krach entstanden. Grund genug wäre reichlich vorhanden. Die Nerven gehen einem gänzlich kaputt.[…]

Eins habe ich bisher noch zu schildern vergessen. Das sind die hygienischen Einrichtungen. Die Latrinenverhältnisse sind elend. Für 150 Offiziere sind 4 Abortanlagen vorhanden und was für welche! Jeder Raum kaum 1 qm. Ein Bretterverschlag, in dem Steinfußboden ein Loch, daneben zwei Abzeichnungen einer Fußsohle, ein wenig erhöht. Man muß in Kniebeuge sein Geschäft verrichten, wobei man aufpassen muß, daß man das Loch trifft und nicht mit den naturgemäß völlig schmutzigen Wänden in Berührung kommt. Da nun das Treffen nicht jedermanns Sache ist, so sieht die Latrine bereits nach wenigen Stunden schlimmer aus als ein Schweinestall. Der Geruch ist gar nicht zu ertragen und verpestet die Luft viele Meter außerhalb des Raumes, oft gar die ganze Kaserne. Es ist eine Qual diese für jeden Menschen doch unentbehrliche Anlage zu benutzen. Zur Erhöhung der Appetitlichkeit liegt Küche und Abwaschraum in unmittelbarer Nähe. […]

Seit Anfang 1916 habe ich nicht mehr Tagebuch schreiben können; einerseits hatte ich die bereits geschriebenen Bücher in einem Doppelboden meines Koffers untergebracht, andererseits hatte es keinen Zweck, sich Notizen zu machen, da diese doch bei den dauernden Durchsuchungen abgenommen wären und auch abgenommen sind. Ich muß es daher versuchen, die Ereignisse der Jahre 1916 – 1918 aus dem Gedächtnis zu schreiben. […]

Im Mai wurde ein Fluchtversuch gemacht. Wenn auch der Mut der vier Offiziere zu loben war, so waren doch die ganzen Umstände und die Kindlichkeit, mit der er ausgeführt wurde, geradezu lächerlich. Rund 8o km waren zu Fuß über das schwierige und unwirtliche Gebirge bis ans Meer zurückzulegen. Die Bevölkerung war feindlich, aufgehetzt und sehr findig. Außerdem war damals Italien, wo die Leute landen wollten, bereits im Kriege mit uns, also auch dort hunderte von Kilometern zu Fuß in Feindesland zurückzulegen. Sämtliche Boote waren in See verankert und durch Posten gesichert. Ein großes weißes Segel hatten sich die Herren genäht. Welche Unkenntnis der im Mittelmeer gebräuchlichen Besegelung. Sie wären auf viele Kilometer bereits als Flüchtlinge erkannt und am Lande mit offenen Armen empfangen worden. Karten waren nicht vorhanden und Segeln behauptete nur einer zu können. Dazu kam, daß der Fluchtversuch weder vor den Kameraden noch den Burschen geheim gehalten war, was unbedingt geschehen mußte. Außerdem war die Verschleierung der fehlenden Offiziere durch Kameraden nicht genau eingeübt, so daß es beim Morgenappell schon nicht klappte und die Flucht bemerkt wurde. Das Herauskommen aus der Zitadelle war das Leichteste. Man konnte es bei einigem Geschick am hellen lichten Tage.

Der Kommandant war sehr erregt; nicht des Fluchtversuches an sich wegen, sondern aus Besorgnis um das Leben der Flüchtlinge. Er kannte die Einwohner und wußte, daß diese vor einem Totschlag nicht zurückschrecken würden. Mit Mühe, und nur dem Eingreifen der Gendarmerie, die gerade zur rechten Zeit erschien war es auch nur zu verdanken, daß die Herren nicht totgeschlagen wurden. Schon nach 20 km waren die Flüchtigen entdeckt, gestellt und man ging ihnen gerade mit Knüppeln, Heugabeln usw. zu Leibe als die Gendarmen eintrafen. Am nächsten Tage wurden sie ausgeliefert und eingesperrt. […]

Die Folgen von diesem unbedachten Fluchtversuch, der niemals, auch unter den denkbar günstigsten Umständen, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, war eine noch größere Einschränkung des Bewegungsraumes und mancher anderer Annehmlichkeiten. Nun, wir ertrugen es, wenn es auch manchmal sehr unangenehm war, bereits um 18 Uhr und später noch früher nicht mehr auf die Terrasse gehen zu dürfen. Am 1. Juni feierte ich meinen ersten Geburtstag in der Gefangenschaft. Er war nicht so schön wie damals 1915 an der Front. Abends hatte ich einige Herren zum Abendessen bei mir. Es gab Pasteten mit Kraftbrühe, kalten Aufschnitt mit Gemüse, gebackene Hühner mit Gurkensalat, Butter und Käse sowie Kaffee und Torte.

Das Essen war schon schöner; die Gedanken aber waren zu Hause und bei meiner Kompanie. Am Abend vorher hatte ich gerade den Geburtstagsbrief von Mutter und von Wolf erhalten. Wenigstens ging es Mutter und Wolf gut. Dann saßen wir noch lange bei einer Flasche Wein und Bier. Eine ganz große Freude aber hatten wir alle an diesen Tagen. Die englische Flotte wurde von der deutschen Schlachtflotte am Skagerak mächtig verdroschen. Unsere Flotte hatte nur verhältnismäßig geringe Verluste: Lützow selbst versenkt, Pommern, einige kleine Kreuzer und Torpedoboote gesunken. […]

Wir saßen gerade beim Aktzeichnen, als der Kommandant hereinkam und uns eröffnete, das Lager würde auf Wunsch der deutschen Regierung aufgelöst, „das Klima wäre zu ungesund“. Na, wenn irgend etwas hier gesund war, dann war es das Klima. Wir glaubten es natürlich nicht. […]So kam auch für uns am 1.10.16 der Tag des Abmarsches heran. In der Nacht brachen wir auf. Nach herzlichem Abschied von unseren Burschen zogen wir mit unserem Handgepäck beladen aus den Mauern der Zitadelle, die ein langes Jahr unser Gefängnis gewesen war. Die armen Kerls! Die Meisten heulten wie die Schloßhunde. Sie ahnten, welchem Schicksal sie wieder entgegengingen. Hier hatten wir sie doch vor Übergriffen schützen können, und es auch redlich getan. Gegen 5 Uhr fuhren wir mit der Bahn von Corte ab nach Ajaccio, von wo wir mit dem Dampfer nach Marseille gebracht werden sollten. […] In Marseille wurden wir wie üblich nach Fort St. Nicolas geschafft und dort notdürftig untergebracht. Abends erhielten wir Essen, das gut war. Um 21 Uhr wurden wir dann in den selben Wagen zum Bahnhof gebracht, um nach Uzes transportiert zu werden.

In Uzes und Entlassung aus der Gefangenschaft

In Uzes wurden wir von der Bevölkerung mit dem üblichen Gejohle begrüßt, das selbst die Entrüstung dieser gelben und schwarzen Mannschaft erregt. Dann mußten wir auf dem Kasernenhof bleiben und wurden einzeln auf der Kommandantur auf das genaueste durchsucht. Und dennoch gelang es uns, fast alles, was wir durchschmuggeln wollten, auch durch zu kriegen. Beinahe wäre bei mir 400 M in Gold, die S. gehörten, und die ich in meinem Spiegel verstaut hatte, entdeckt worden, wenn ich nicht geistesgegenwärtig rasch meine Zeichnungen vorgeholt hätte, die den Kapitän mehr interessierten als der Spiegel. Viele Sachen wurden auf dem Kasernenhof unter Bäumen vergraben und später geholt. Wir waren diese Durchsuchungen ja schon gewöhnt. Aber immer wieder empörte einen die schonungslos unwürdige Art, mit der sie vorgenommen wurde. Die Beherrschung hier nicht mal zuzuschlagen kostete immer ein Bündel Nerven.

Ich kam auf eine Stube mit Courten, S., A., W. und T. zusammen. Jeder hatte 4 qm zur Verfügung. Die Ausstattung war gut, die Stuben sauber. Aber die Behandlung war schlimm, sehr schlimm. Wir wurden geradezu wie Verbrecher behandelt. Die Fenster hatten natürlich Gitter, zur Straße hin sogar Holzblenden davor, die weder Licht noch Luft durchließen. Sie waren der Gegenstand vieler Beschwerden, und trotzdem von dem Schweizer Abgesandten diese Einrichtung stets beanstandet wurde, sind sie bis zum Schluß geblieben. Die Herren, die auf diesen Stuben leben und arbeiten mußten, sind halb verrückt geworden, Augenleiden stellten sich ein.

Die Eß- und Unterrichtsräume waren reichlich bemessen, eine größere Bücherei stammte noch aus der Zeit, als Uzes Zivilgefangenenlager war. In diesem Lager, in dem jetzt rund 300 Offiziere untergebracht werden sollten, waren damals 800 Zivilgefangene; in jeder Stube, wo jetzt 6 Offiziere lagen, wohnten damals 17 Zivilgefangene. Es muß furchtbar gewesen sein. Die Verpflegung mußten wir in Selbstverwaltung nehmen, natürlich alles selbst anschaffen, von der Kücheneinrichtung bis zum Teelöffel. Und zu welchen Preisen! Doch waren, die wir zuerst auch den Bier- und Weinverkauf hatten, die Einnahmen so gut, daß das Lager auf geheimen Wegen 14000 Franc nach Deutschland auf eine Bank schicken konnten. Wenn das der Kommandant erfahren hätte! Er würde sich sicher grün und blau geärgert haben. Wir sind sehr stolz darauf, daß uns das gelungen ist.

Das Essen war zunächst reichlich und gut, wurde später aber immer unzulänglicher, bis wir schließlich geradezu Hunger litten. Auch die Kantine wurde immer schlechter, so daß es zuletzt nur noch Sardinen, Thunfisch und Milch gab zu so hohen Preisen, daß sich der Leutnant einfach diesen Verpflegungszuschuß nicht mehr leisten konnte. Von der Außenwelt sah man nichts, nur 4 gelbe Kasernenwände und ein Stück blauen Himmel. Dieses war auf die Dauer zum Verrücktwerden. Ein Gefühl stellte sich ein, wie es ein unschuldig zu Zuchthaus Verurteilter haben könnte. Und dabei keine Aussicht auf Befreiung. Ein Zuchthäußler weiß doch wenigstens, wann seine Strafe zu Ende ist und kann damit rechnen. Manchmal packte mich schon die Verzweiflung.

Nun zur Behandlung. Hier will ich nur einige Beispiele geben, man könnte ein Buch davon schreiben. 3 Apells täglich mit Namensaufruf, wobei man drei Schritt vortreten mußte. Zu allem und jeden wurde geblasen, 26 Mal am Tage, es war zum Verrücktwerden. Bewacht wurden wir außer den Posten noch von Gendarmen, Patrouillen gingen auf den Gängen, revidierten die Stuben. Nachts gingen 3 Ronden alle Stuben ab. Das geschah recht laut mit der Absicht, uns zu stören. In jedes Gesicht wurde mit der elektrischen Lampe geleuchtet, daß man jedes Mal aufwachte. Dazu kam noch, daß die Posten alle halbe Stunde ihre Parole übermäßig laut brüllten. Wachte man von den Ronden nicht auf, durch dieses Gebrüll wurde man aufgescheucht. Die Nächte waren eine Qual. Dazu kam, daß ich Mitte 1917 körperlich infolge seelischer und geistiger Depressionen so vollständig herunter war, ich wog nur noch 124 Pfund, daß ich schon deshalb kaum schlafen konnte. Es war der Beginn eines monatelangen Martyriums. Ich hatte das Gefühl, langsam, ganz langsam zu sterben. Ein starkes Traumleben stellte sich ein, in dem diese Bilder stark vorherrschten. Schweißbedeckt wachte ich dann auf. […]

Stubenrevision war alle Nase lang. Aber wir hatten auch unseren Spaß dabei. Gefunden wurde natürlich nichts. Wir waren aber schon vollständig zu gewieften Verbrechern geworden in dem ständigen, aufreibenden Kampf mit den Negern. Und es war sehr ergötzlich, wenn der Kapitän vom Dienst gerade auf dem Stuhl saß, in dem tausende von Franc aufbewahrt waren, die wir für die Fluchtversuche gebrauchten. Betrogen wurde natürlich an allen Ecken und Enden; wir bildeten uns naturgemäß langsam zu gewieften Verbrechern aus und glaubten die Neger klug zu sein, wir waren es noch mehr. Selbst deutsche Zeitungen bekamen wir noch durch, obgleich die Pakete auf das Genaueste durchgesehen wurden. Die Paketausgabe war sehr streng. Alle Pakete mußten in Gegenwart des Kapitäns vom Dienst geöffnet werden; dabei wurden alle Umhüllungen, selbst von Schokolade und Bonbons fortgenommen. Die Konserven wurden in einem besonderen Raum aufbewahrt und täglich geöffnet ausgegeben. Die Pakete wurden elend bestohlen oder kamen überhaupt nicht an. Wir hatten Beweise, daß im Lager selbst gestohlen wurde, denn die Posten rauchten deutsche Zigarren und Zigaretten. Beschwerden nutzten nichts. […]

Trotz der scharfen Bewachung gelang zu unserer großen Freude ein Fluchtversuch. Drei Herren gingen bei strömenden Regen über das Dach der Kaserne mittels einer Holzbrücke auf die gegenüber liegenden Dächer und von dort mit Strickleitern in den Garten über die Mauer und gelangten so ins Freie. In der Nacht lag in den Betten je eine Puppe, als Gesicht und Kopf waren drei Nachttöpfe bemalt und mit Haaren beklebt. Es gelang uns auch bei den drei Appells am Tage drei Tage hintereinander den Kapitän vom Dienst zu täuschen, und es bedurfte noch dreier Appells kurz hintereinander, um das Fehlen der drei Herren festzustellen. Wir haben furchtbar gelacht und die Neger waren mächtig blamiert. Die Herren hatten leider ein furchtbares Pech. Der Gewitterregen, ein Regen schlimmster Sorte, dauerte drei Tage und Nächte an. Der Proviant wurde vollständig durchnäßt und was das schlimmste war, die Offiziere verloren vollständig die Orientierung, da bei dem schweren Regen auch die Kompasse versagten. In der dritten Nacht marschierten sie wieder durch Uzes und wurden am nächsten Tage völlig erschöpft 15 km von der Stadt entfernt gefangen. Sie waren immer im Kreise gelaufen.

Bei der Einlieferung wurden sie in gemeinster Weise beschimpft, und der Kapitän vom Dienst entblödete sich nicht, einem Offizier in den Mund zu fassen, weil er dort Geld vermutete. Sie wurden mit 120 Tagen Gefängnis bestraft, und zwar 30 Tage wegen des Fluchtversuches, vom Kriegsministerium auf 60 Tage erhöht, dazu 30 Tage, weil sie französisches Geld in Besitz gehabt hatten und 30 Tage wegen „ungerechtfertigter Beschwerde“ über ihre Behandlung. […]

Eine wichtige und gefahrvolle Tätigkeit möchte ich noch erwähnen. Seit Sommer 1917 stand ich in regelmäßigen Geheimverkehr mit dem Kriegsministerium in Berlin. Und das ging so zu. Alle neu eintreffenden Offiziere und Burschen wurden von mir unter Hinweis auf den Eid vernommen und zwar sowohl was die Behandlung bei Gefangennahme anbetrifft, als auch Einrichtung von Lagern, Behandlung, Ernährung, Unterkünfte, usw. Die Offiziere wurden nach Einrichtungen, Geschützstellungen und sonstiges Wissenswertes von der Front gefragt, was sie beim Durchmarsch in und hinter der Front gesehen hatten. Das war Spionage. Das wußte ich wohl und war mir der Tragweite meiner Handlung bewußt. Aber ich hielt es für meine Pflicht. Manchen Mann habe ich so geholfen, die unerhörten Zustände in manchem Mannschaftslager aufgedeckt. Namentlich wurde dadurch den im Marseiller Zuchthaus sitzenden Mannschaften, die zum Teil schon als verschollen galten, geholfen, da eine Schweizer Kommission auf Grund des Berichtes eine gründliche Revision vornahm.

Das Verfahren war so. Der Bericht wurde wörtlich mit chinesischer Tusche auf Ingress-Papier und dann ein Bild darüber gemalt. Bilder durften wir ja nach Hause schicken. In der Heimat hatte ich Verbindung mit einer Dame, an die die Bilder gingen. Diese wusch sorgfältig, sobald das verabredete Zeichen auf dem Bild vermerkt war, das Gemälde ab und schickte den Bericht an das Kriegsministerium. Jeden Mittwoch ging eine Sendung ab, und es war geradezu rührend, wie sich der wachhabende Sergeant oder gar der Kapitän vom Dienst bemühten, die Bilder recht sorgfältig einzupacken. Wenn sie das gewußt hätten!! Viele Monate Zuchthaus oder gar Erschießen wäre mein Los gewesen. Einen Dank habe ich dafür natürlich nicht erhalten. Man war ja deutscher Offizier und die Behörde das Kriegsministerium. Das sagte ja alles. Wenigstens habe ich die Genugtuung gehabt, Herrn Major P. bei seiner Anwesenheit in Engelberg dieses unter die Nase reiben zu können, so wie manches andere, z.B. das Verhalten des Kriegsministeriums unseren Fluchtversuchen gegenüber. An Hand der Arbeit des französischen Kriegsministeriums und seines Verhaltens solcher pflichttreuen Offizieren gegenüber habe ich es ihm deutlich, sehr deutlich gemacht, und er hat es hoffentlich verstanden.

Die Untätigkeit und Interesselosigkeit der Heimat und der verantwortlichen Behörde den Kriegsgefangenen gegenüber erfüllte uns alle mit tiefster Empörung, die fast zum Haß wurde. Hilferufe über Hilferufe habe ich und Rittmeister V. geschrieben, nichts ist erfolgt. Es war empörend! […]

August 1918. Wieder wurden wir von oben bis unten durchsucht. Meinen Stahlhelm gab ich einem mir noch bekannten Burschen, der ihn heimlich auf meine Stube brachte. So hatte ich ihn zum vierten Mal durchgebracht. Im Lager herrschten die selben Zustände. Derselbe Kommandant, dieselben Offiziere und Dolmetscher, natürlich auch derselbe Ton. […]

Am 23. 9. ging ich abends im sogenannten Garten spazieren, als mein Bursche zu mir kam und mir erzählte, daß Offiziere fortkämen. Ich glaubte natürlich, daß das Lager wieder aufgelöst würde und sagte, es interessiere mich gar nicht. Mein Bursche sagte aber, ich wäre auch dabei und es hieße, daß diese Herren in die Schweiz kämen. Nun interessierte mich diese Angelegenheit doch, ich ging auf den Hof, wo Rittmeister V. die Liste vorlas. Tatsächlich, ich war dabei, und es sollte sicheren Agentennachrichten zu Folge wirklich in die Schweiz gehen. Es wurde uns nur ½ Stunde gegeben, unsere Handkoffer zu packen und uns für die Reise umzuziehen. So schnell habe ich noch nie gepackt, aber eine rechte Freude konnte doch nicht aufkommen. Man war zu stumpf geworden und traute dem Frieden nicht recht.

Dann verabschiedete ich mich von meinen bekannten Kameraden so gut es ging, und es die Neger zuließen. Wir alle ahnten ja nichts und hofften auf ein baldiges Wiedersehen. Gegen 20 Uhr marschierten wir ab, aber nicht zum Bahnhof, sondern zur Schule, wo wir in den leeren Klassenräumen untergebracht wurden. Auf dem Boden lagen schmutzige Matratzen mit elendem Stroh gefüllt. Nach der Verteilung mußten wir Gehaltslisten unterschreiben und wurden erneut untersucht. Was noch nicht fortgenommen war, wurde nun noch gestohlen. Dennoch gelang es einer Reihe von Herren, ihre Tagebücher durch zu bekommen, indem sie sie schon durchsuchten Kameraden, die im Schulhof eingesperrt waren, zuwarfen. Es war ja stockdunkel. […] Ein ganze Nacht mußten wir so unter denkbar unwürdigen Umständen verbringen. Nun, wir nahmen das alles mit Humor auf, da sich tatsächlich einwandfrei herausstellte, daß wir in die Schweiz geschickt werden sollten. Allerdings waren wir noch nicht an der Grenze. Am morgen war ich totmüde. […]

Den ganzen 24. 9. fuhren wir durch, kaum daß uns Zeit gelassen wurde, hier und da mal auszutreten. Gegen 22 Uhr kamen wir in ??? an. Es wurde befohlen auszusteigen und bekannt gegeben, daß wir zu einer einige 100 m vom Bahnhof entfernt stehenden Kaserne marschieren mußten, um dort zu übernachten.. Das Handgepäck mußte mitgenommen werden. Nun, an die einigen 100 m glaubten wir ja nicht, daß es aber ein paar km sein würden, hatten wir auch nicht gedacht. Fast 1 Std. mußten wir mit dem schweren Handgepäck belastet marschieren. Endlich trafen wir ein. […] Früh morgens wurde geweckt, und wir baten, uns waschen zu dürfen. […]

Dann ging es mit dem Handgepäck wieder zum Bahnhof zurück. Erfrischt hatte uns dieser Aufenthalt doch. Die nächste Station war Lyon. Hier mußten wir aussteigen und wurden in den leeren Wartesaal eingesperrt. Wir erfuhren, daß ein französischer Austauschtransport hier eintreffen sollte, und wir dann mit dem selben Zug weiter transportiert werden sollten. Wir machten uns schön und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Gegen 13 Uhr traf der Zug ein, die Leute wurden mit Musik empfangen. Um 16 Uhr wurden wir dann verladen. Deutsche Mannschaften saßen schon im Zuge und nickten uns ernst, aber mit frohen Augen zu. Ein Schweizer Zug war es. Und was für Wagen! So etwas hatten wir seit Jahren nicht gesehen, fein und sauber, kein Staub, kein Schmutz. Und als er anfuhr, wie weich er lief. Keine Überfüllung der Abteile und sogar Aborte. Wir kamen uns wie im Himmel vor. […]

Mit fieberhafter Spannung erwarteten wir das Überschreiten der Grenze, eine große Erregung bemächtigte sich aller und still wurde es in allen Abteilen, als langsam der Zug in Genf einlief. Wohl alle haben da still im Herzen ein Dankgebet gesprochen, daß sie endlich der Qual dreier Jahre entronnen waren.

Mit Feuerwerk und großem Jubel wurden wir auf dem Bahnhof von Schweizern, Deutschen und Roten-Kreuz-Schwestern begrüßt, mit einem Jubel, der von Herzen kam. Das hatten wir drei Jahre lang nicht erlebt; man hielt es fast nicht für möglich, daß es noch Menschen auf der Welt geben könnte, die uns freundlich begrüßten. Wie im Traum war das alles. Die Damen kamen in die Abteile, beglückwünschten uns, reichten uns Essen und gaben uns zu trinken und zu rauchen. Mein Gott, wie lange hatte man nicht mehr geraucht, wie lange hatte man nicht mehr anständig gegessen. Dazu die frohen, freundlichen Gesichter. S. kam und brachte mir Zigarren, Zeitungen und Zeitschriften, deutsche Zeitungen, wie lange hatte man keine mehr gesehen. Graf Courten kam mit einer Schnapsflasche köstlichsten Kirsch’s. Ich erhielt ein Gläschen. Alle fragten zunächst nach dem Kapitän und wie ein Aufatmen ging es durch alle, als ich sagte, wir haben ihn mitgebracht. Sein Abteil wurde fast gestürmt, die anwesenden Schweizer stellten sich davor und sangen entblößten Hauptes die Schweizer Nationalhymne. Es war ein weihevoller Augenblick. Kannte doch jeder die Verdienste dieses Mannes, wußte doch jeder, was er durchzumachen gehabt hatte.

In voller Erregung verbrachten wir die Zeit bis Bern. Dort hielt der Zug wieder längere Zeit. Viele Bekannte waren auf der Bahn. [..] Wieder begeisterte Kundgebungen. Viele schüttelten mir die Hand, ich war gänzlich hilflos. Wie ein Mensch, der eine schwere Krankheit hinter sich hat und begrüßt von seinen Lieben nicht weiß, was er anfangen oder tun soll. […] Dann rollte der Zug auch aus dieser gastlichen Stadt. Einige Herren blieben zurück, so Courten und Siemers. […] Gegen 7 Uhr liefen wir in Luzern ein. Eine große Menge Kameraden erwartete uns am Bahnhof und begrüßte uns mit Jubel. Burschen nahmen unser Gepäck, und dann ging es im Triumpfzug ins Hotel du Lac. […]

Wohl griff es mir ans Herz, aber ich konnte die Tiefe Bitterkeit nicht von mir stoßen, die wieder und immer wieder unwiderstehlich aufstieg, und der Gedanke stand wie ein Riesengespenst hinter mir “ warum nicht früher? Es ist zu spät“. Zu furchtbar sind die Eindrücke gewesen in dieser langen demütigenden Knechtschaft, zu sehr hatte sich alles eingefressen, um noch in dem neuen Leben wieder entfernt werden zu können. Zu tief hat sich die schmachvolle Behandlung dieser Jahre ins Herz gebrannt. Zu spät, zu spät! So gingen rastlos die Gedanken. Die „Stacheldrahtkrankheit“ hatte mir ihren glühenden Stempel zu tief eingebrannt. […]

Zuerst kam aber noch ein wichtiges und schwieriges Geschäft: die Aufgabe eines Telegramms an meine Mutter. Welche Wonne war es, ein Telegramm aufgeben zu dürfen nach vielen Jahren zum ersten Mal, aber wie schwierig war es. Ich habe fast gezittert und so unglaublich es klingt, mich mehrmals umgesehen, ob nicht irgendwo ein Posten mit Gewehr stände, der mich anhielt mit den Worten:“c’est defende !“ So ist es mir in der ersten Zeit noch manches Mal gegangen, als ich in den Geschäften Einkäufe machen durfte.


(Quelle: https://www.dhm.de/fileadmin/lemo/suche/search/index.php?q=*&f%5B%5D=seitentyp:Zeitzeuge&f%5B%5D=epoche:Erster%20Weltkrieg)


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