Franz Hallpap

Aufzeichnungen aus dem Kriegstagebuch von Franz Hallpap (* 1881) aus Berlin, (DHM-Bestand)

Am 28. April 1916 früh um 8 Uhr abgerückt in Richtung Verdun. Das ganze Aussehen dieser Gegend ließ erkennen, daß wir der Front schon merklich näher gekommen waren. Links von der Chaussee, die nach Azannes führt, bezogen wir in einem Walde, genannt „Deutsch Eck“, ein Lager. Am nächsten Tage luden wir die mitgenommene Munition auf dem Felde kurz vor Azannes ab. Nachmittags war auch schon Pferde-Appell.

Am 30. April mußte ich mit dem Ober-Feuerwerker nach Ornes reiten, wohin von einer anderen Kolonne ein Leutnant und sein Bursche mitkamen. Als wir hinter Azannes in einen Feldweg einbogen, hörte ich ein Sausen, Heulen und Pfeifen in der Luft, das in ein Krachen endete. Da mir diese Wahrnehmungen noch neu waren, fragte ich den neben mir reitenden Kameraden, was das sei. Ob das Schüsse von unserer oder feindlicher Seite wären; worauf er erwiderte, daß es feindliche seien.

Ich muß offen gestehen, daß ich mir den Krieg ganz anders vorgestellt hatte und bis dahin immer glaubte, die Artillerie stände so weit zurück, daß sie von der feindlichen Artillerie nicht erreicht würde und der Vorteil des einen gegenüber dem anderen in der Tragweite seiner Treffsicherheit der Geschütze zu erblicken wäre. Also ich war der Annahme, daß die Artillerie außerhalb des Feuerbereichs stände. Aber bald erfuhr ich, in was für einen Irrtum ich mich befand.

Als wir auf den ersten Berg kamen, sah ich, wie die Granaten in das vor uns liegende Dorf und Umgebung einschlugen. Ich hörte, wie der Ober-Feuerwerker zu dem Leutnant sagte: Wir müssen von der anderen Seite in das Dorf reiten. Darauf fragte ich meinen Kameraden, ob wir dort hin müssen, wo hingeschossen wird, was er bejahte. Ich stellte dann noch die Frage, was wir dort zu tun hätten, worauf er erwiderte, daß ein vor kurzem in die Luft gegangenes Munitionslager aufgeräumt würde.

So kamen wir dem unter Feuer liegenden Gebäude immer näher. Einige hundert Meter im Dorfe lagen auf der Straße zwei in der vergangenen Nacht gefallene Pferde, was mir sehr unheimlich anmutete. Wir ritten durch das Dorf bis kurz vor dem anderen Ende, wo sich das Munitionslager befand, was unter Leitung unseres Ober-Feuerwerkers aufgeräumt wurde. Ich konnte gar nicht begreifen, daß in dem zerschossenen sowie unter Feuer liegenden Orte Truppen lagen, die ganz ruhig und gelassen neben den in ihrer Nähe einschlagenden Granaten vor ihren Quartieren ihre Dienstobliegenheiten erledigten.

Während der Ober-Feuerwerker und der Leutnant auf dem Munitionslager ihren Dienst versahen, ritt ich mit meinem Kameraden zurück. Ich blieb in Azannes und habe die Pferde gefüttert. Nachmittags um vier mußte ich die Herren wieder abholen. Als ich vom Lager aus beobachtete, daß gerade an der Stelle, wo ich hin mußte, die meisten Granaten einschlugen, klopfte mir doch das Herz ziemlich stark und zögerte ich einen Augenblick, weiter zu reiten. Es blieb mir aber weiter nichts übrig, als meinen Weg fortzusetzen, zumal auch die Granaten in meiner Nähe, wo ich hielt einschlugen. Aber wie leicht mir war, als wir auf dem Rückweg Azannes erreicht hatten, kann ich gar nicht beschreiben.

21. Juni 1916

Wir fuhren drei Wagen mit nur 100 Schuß. Unter den Kameraden wurde erzählt, daß der Bursche des Oberfeldwebel Henning das Eiserne Kreuz bekommen und nur aus diesem Grunde mitfahren sollte. Also nur, um solch einen Stiefelputzer das Eiserne Kreuz zu verschaffen, mußten sich Mannschaften von unserer Kolonne in Gefahr begeben. Die Leute, die immer mit waren, bekommen es nicht. Obwohl keinem etwas daran gelegen war und jeder zufrieden war, so lange er gesund war, so war es doch eine Ungerechtigkeit.

26. Juni 1916

War der in Ruhestellung allgemein übliche Dienst. Zum Empfang gab es Brot, Büchsenwurst, Zigarren und Zigaretten. Also jetzt hatten wir es geschafft. Nun konnten wir uns in Ruhestellung bei trocken Brot erholen. Die Büchsenwurst war eine Art falscher Hahn, die man gleich aufessen mußte, da sie sich nicht bis zum anderen Tage hielt.

9. Februar 1917

Morgens um 7.45 Uhr sind wir abmarschiert zur Front nach den Argonnen und kamen dort um 12 Uhr an. Nach der Einteilung, wobei ich der 6. Kompanie, 2. Bataillon im Infanterie Regiment 477 zugeteilt wurde, erhielten wir nach Ankunft bei der Kompanie zu Mittag Grütze.

Das ganze, mit Friedhöfen sowie Einzelgräber bedeckte Gebiet bot einen niederschmetternden Anblick. Bis zu ungefähr 4 km hinter der Front war der nicht so herzliche Argonner Wald vom Erdboden verschwunden. Das ganze Gebiet war von Laufgräben durchzogen und mit Granattrichtern bedeckt. Durch die Laufgräben wurden die Verbindungen zwischen den vordersten Infanterien und den rückwärtigen Stellungen und Depots hergestellt. Bis zu den Depots oder Lagerplätzen wurde alles mit der Feldbahn befördert. Von da wurde es von den Mannschaften durch die Laufgräben zur Stellung befördert. Die Beförderung wurde von den in Reserve liegenden Kompanien ausgeführt, wozu auch meine Kompanie gehörte.

Meine Kompanie lag also im 2. Graben, wo in kleinen Abständen Unterstände mit 2 bis 3 Meter Deckung unsere Quartiere darstellten.

In solch einem Unterstand erhielt auch ich mein Quartier angewiesen. Als Einrichtung waren ein paar Drahtgestelle als Bettstellen, 1 Tisch und 1 kleiner eiserner Ofen vorhanden. Als ich mich meines Gepäcks entledigt hatte und so darüber nachdachte, was wohl die Zukunft noch bringen könnte, kam ab und zu mal einer nachsehen, was für Ersatz die Kompanie wohl bekommen hätte. Als es Zeit zum Schlafen gehen war, da saß ich wie von Gott verlassen allein in dem Erdloch.

Da es im allgemeinen ruhig und ich sehr müde war, glaubte ich, die Nacht sehr gut schlafen zu können. Kaum hatte ich mich hingelegt, da mußte ich schon wahrnehmen, daß ich nicht ganz allein die Höhle bewohnte, sondern daß außer mir noch eine nicht sehr beliebte Tiergattung die Wohnung mit mir teilte. Die Tage danach wurde bekannt gemacht, daß für Rattenfänger Prämien ausgesetzt seien und es für jede abgelieferte Ratte 10 Pfennig gäbe. Nach fast einjähriger Tätigkeit im Feld habe ich mich zum ersten Male in meinem Leben gelaust, was sich wirklich lohnte.

7. April 1918

Auf dem Marsch von Mortiers bis Fretoy hatten wir manch unangenehme Fraktur zu erleiden, die man keinem Hund gönnt. Bei Regenwetter lagen wir auf Wiesen im Biwak. Um nicht auf dem nassen Boden zu liegen, haben wir das nasse Gras abgeschüttelt und uns darauf gelegt. Die Kleider wurden auf dem Körper abwechselnd naß und trocken. Die Stiefel konnten wir gar nicht mehr ausziehen, da sie auf den Füßen wie angewachsen waren, und hätten wir sie mit größerer Mühe aus bekommen, dann hätten wir sie nicht wieder an bekommen, da alles durchnäßt war. Vor Kälte konnte man nicht schlafen und sind wir lieber im Freien umhergelaufen, damit uns etwas warm wurde. Den Pferden ging es nicht besser. Die standen buchstäblich bis zu den Knien im Morast und haben vor Kälte gezittert.

Das Gelände, das wir durchquerten, war bedeckt mit Leichen, Pferdekadaver, Munition und allerhand Ausrüstungsgegenständen. Allen Anschein nach waren die Engländer fluchtartig zurückgegangen, denn sonst hätten sie doch wenigstens die gefallenen Kameraden mitgenommen.


(Quelle: https://www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/franz-hallpap-erinnerungen-an-den-ersten-weltkrieg.html )


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s