Michael Kurz

Dieser Eintrag stammt von Michael Ströber (mihestroeber@web.de) aus Tittmoning, Februar 2012:

Im Jahr 2014 jährt sich zum 100. Mal der Beginn des 1. Weltkriegs. Zeitzeugen leben kaum noch. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an Ursachen, Verlauf und Folgen auch dieses unheilvollen Geschehens wachzuhalten. Die Kriegerdenkmäler in unseren Gemeinden geben ein beredtes Zeugnis davon, wie viel Leid es über die Familien und das Gemeinwesen insgesamt gebracht hat.

Im Nachlass meines Großvaters mütterlicherseits, Michael Kurz, fand sich ein schwarz eingebundenes Notizbüchlein im Hochformat 85 x 145 mm mit Kalender des Jahres 1914 auf den ersten drei Seiten nach dem Titelblatt, das in einem rechteckigen Rahmendekor auf vier Zeilen den Zweck des Büchleins beschreibt: „Notiz-Buch mit Kalender 1914/1915“. Darunter ziert die Seite noch eine initialenartige Grafik, die in ein dreiblättriges Kleeblatt ausläuft.

Maria Kurz, die älteste von drei leiblichen Töchtern meines Großvaters und meine Tante, hatte das Büchlein in Verwahrung und empfand seinen Inhalt als überaus bedeutungsvoll zumindest für die nachfolgende Generation. Sie machte sich aber erst in den Jahren ihrer Pension daran, die darin in deutscher Schrift enthaltenen Aufzeichnungen mit der Schreibmaschine abzuschreiben und so auch vorrangig ihren Neffen und Nichten verfügbar zu machen, denen diese Schriftart ja kaum noch geläufig war. Auf die eigentliche Bestimmung des Notizheftchens verweisen bereits auf der Innenseite des Umschlags die mit Bleistift gefertigten handschriftlichen Eintragungen in gut leserlicher, jedoch gerade hier schon etwas verblasster deutscher Schrift. Der Besitzer weist sich dann auf der Titelseite gegenüber aus als „Michael Kurz Reserve-Mann beim 1. B.R.I.R., 11. K., 1. Division, 1. Armee-K.“

Mein Großvater war also im 1. Bayerischen Reserve Infanterie Regiment, 11. Kompanie, 1. Division, 1. Armeekorps. Das Königlich Bayerische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 1 wurde im Zuge der Mobilmachung der Bayerischen Armee zum Ersten Weltkrieg am 2. August 1914 in Dienst gestellt und blieb bis zum Ende des Krieges 1918 bestehen.

Michael Kurz, geboren am 21. August 1885, betrieb eine kleine Landwirtschaft in Kothaich, heute ein Ortsteil der Gemeinde Kirchanschöring im oberbayerischen Landkreis Traunstein. Auf der Umschlaginnenseite des Heftchens bekundet er seinen letzten Willen für den Fall, dass er im Feld zu Tode kommt:

„Mein nächster, bester Kriegskamerad!
Sollte ich nach Gottes Willen im Feindesland sterben,
so sende dieses Büchlein, sowie den Ehering
und mein Geld an meine Geliebte Gattin, Maria Kurz,
Bäuerin in Kotaich, Post Petting, Oberbayern.

Gott lohne es Dir mit Heimkehr.“

Vermutlich waren die nach dem Kalender 1914 beginnenden tagebuchartigen Notizen unter der Überschrift „Kriegsbeschreibung“ in erster Linie für seine Frau und die nächsten Angehörigen bestimmt, damit sie sich ein Bild vom Kriegsgeschehen machen konnten, wie er es am eigenen Leib erlebt hatte – schlimmstenfalls bis zu seinem Tod oder bestenfalls bis zu seiner Heimkehr. Auf 39 säuberlich beschriebenen Seiten des Heftchens skizziert er knapp die Ereignisse von der Mobilmachung und seiner Einberufung bis zu seiner schweren Verwundung und der nach langen Lazarett- und Hospitalsaufenthalten erfolgten Entlassung. Damit war das Notizbüchlein allerdings noch nicht voll. Das Kalendarium von 1915 – ursprünglich wahrscheinlich auf den letzten drei Seiten des Bändchens befindlich – fehlt in dem Büchlein. 24 Blätter sind offensichtlich herausgerissen. Wie den verbliebenen Resten zweifelsfrei zu entnehmen ist, diente es dem Inhaber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg dazu, betrieblich bedeutsame Vorgänge und Ereignisse aus seiner kleinen Landwirtschaft festzuhalten, wie etwa Lieferungen von Getreide an eine Mühle.

Im Folgenden gebe ich die Abschrift des Textes wieder, wie sie von meiner Tante angefertigt wurde. Abweichende Lesarten, Ergänzungen und Anmerkungen meinerseits füge ich in Klammern an. Satzzeichen und Absätze habe ich nach Gutdünken ergänzt und eingefügt, die Rechtschreibung allerdings nicht auf den heutigen Stand gebracht oder berichtigt, sondern in der ursprünglichen Schreibweise des Verfassers belassen. Im Interesse einer besseren Lesbarkeit und Orientierung habe ich den Text in Abschnitte gegliedert und mit Zwischenüberschriften versehen.
Mobilmachung – der Krieg beginnt

„Am 31.VII.1914 abends 8 Uhr wurde Mobil gemacht, was wir fast nicht glauben wollten, aber am 1. VIII. wurden wir der Wahrheit gewiß. Die Aufregung war allgemein groß. Nachdem aber die erste Aufregung vorüber war, wurden Bittämter und ein Wallfahrtsgang nach Maria Mühlberg veranstaltet. So gingen die ersten drei Tage vorüber. Am 4. Tag aber, als ich zur Fahne mußte, fiel es mir schon schwer, meine erst kürzlich geheiratete Gattin [die Hochzeit war im April 1914], meine Mutter und Geschwister, mein trautes Heim zu sen. Ich ging nach Lampoding, besuchte aber noch unsere liebe Frau in der Eichet-Kapelle und flehte noch um ihren Schutz. Von Lampoding aus fuhren wir mit einem Wagen nach Waging. Bei der Kappel zwischen Schnöbling und Tettenhausen stiegen wir Kameraden, 9 an der Zahl, ab, um noch zu beten. Als wir nach Tettenhausen kamen, gingen wir abermals zum Beten in die Kirche, wo uns der Vikar vorbetete, mit dem Ciborium den Segen gab.“
Abschied zwischen Schmerz und Kriegsbegeisterung

„Als wir zum Wirt hinein kamen, stand ein Schüssel voll Suppe mit Leberknödel für uns bereit, soviel, daß wir sie nicht aufessen konnten. Bei der Einfahrt + bei der Ausfahrt, wie auf der ganzen Fahrt von Lampoding nach Waging sang alles Soldaten- und Kriegslieder. Zigarren und Hochrufe kammen von allen Seiten her, ebenso Bier. Um 12 Uhr bestiegen wir unter großer Begeisterung und Hurra-Rufen den Zug, welcher uns nach Traunstein beförderte. Als wir von Traunstein nach Rosenheim abfuhren, war es erschreckend, welche Schaaren dem Ruf des Königs folgend ihre Heimat verließen mit stürmischer Begeisterung. Um 1/2 8 Uhr kamen wir in Rosenheim an, wo wir acht Tage bleiben mußten, was wir nicht übel fanden.“
Unterwegs zum Fronteinsatz

„Am 12. VIII. ging es dann morgens 6 Uhr mit der Bahn weiter über München, Pfaffenhofen nach Ingolstadt, wo wir das Mittagessen bekammen um 2 Uhr nachmittags. Nachher ging es über Neuburg, Donauwörth nach Nördlingen, wo wir das Abendessen bekammen. Um 8 Uhr abends verließen wir Nördlingen und somit die bayerische Grenze. Nun ging es über Türkheim das ganze Baden Würdenberg hindurch nach Bruchsal, wo wir am 13. VIII. 1/2 8 Uhr morgens ankammen. Das Schlafen in dieser Nacht war sehr wenig, und die ganze Fahrt war begleitet von stürmischen Hurra und Hoch-Rufen. Um 8 Uhr verließen wir Bruchsal, in dessen Bahnhof täglich 50 – 60 Militärzüge mit 40 – 50 Waggons verkehrten, und betraten die Grenze Badens, welche wir um 4 Uhr abends bei Landau wieder verließen. Auch in ganz Baden herrschte größte Begeisterung. Nun ging es durch die schöne Rheinpfalz mit seinen reizenden Weinbergen, wo wir um 1/2 6 Uhr abends den Rhein überschritten. In der Pfalz wie in Baden, Würdenberg und Bayern erhielten wir auf den Bahnhöfen, wo der Zug anhielt, Stärkung mit Kaffee, Tee, Brod, Zigarren, Süßigkeiten im Zug vom Rotenkreuz-Verein.

In Elsaß, dessen Grenze wir um 6 Uhr abends betratten, ging es mit Ausnahme der Station Hagenau sparsam her. Wir mußten noch bis 12 Uhr nachts fahren, bis wir bei Stat. Parschweiler die Eisenbahn verließen und nach 2-stündigem Marsch in Oberhorst am 14. VIII. 2 Uhr morgens einquartiert wurden. Um 1/2 10 Uhr aber mußten wir schon wieder zum Exerzieren ausrücken, was uns bei der großen Hitze nach 2 schlaflosen Nächten nicht recht gefiel. um 12 Uhr rückten wir wieder in unser armes Quartier, wo es nichts zu kaufen gab, ein. Selbst das Wasser war fast nicht zum trinken. Um 4 Uhr abends hatten wir noch einen Übungsmarsch, wo wir ebenfalls infolge der großen Hitze und dem schweren Gepäck Schweiß gebadet um 1/2 8 Uhr heimkammen. Die Wäsche konnten wir woll nachmittags troknen, aber abends ging das nicht mehr, und so mußten wir mit voll Schweiß durchnässter Leibwäsche unser Nachtlager nach spärlichem Essen aufsuchen. Aber schon um 1 Uhr nachts wurden wir wieder geweckt und (15.) mußten über Saaralben nach Grundweiler, wo wir mit 1maliger Mahlzeit um 3 Uhr ankammen. Wir mußten uns vor einem Flieger, welcher angemeldet war, flüchten, um nicht gesehen zu werden, und saßen deßhalb in ein Wirtschaft, aber leider – ohne Bier, welches wir seit Rosenheim nicht mehr bekammen. Um 9 Uhr suchte ich mein Nachtlager in einer Hütte auf, in welcher ungefähr 75 Mann lagen. Von 10 bis 1 Uhr mußte ich Posten stehen, und schon um 1/2 5 Uhr wurden wir wieder geweckt, und um 1/2 6 Uhr morgens am 16. VIII. ging es nach Bärendorf wo wir um 1/2 9 Uhr morgens ankammen. Hier mußten wir uns verschanzen, was an dem Regenwetter, wie wir es hatten, nichts erbauliches ist. Abends 8 Uhr kamen wir ins Quartier, jedoch ohne Kost bekommen zu haben am Abend.“

Es folgen nun Aufzeichnungen über die ersten Gefechte im Elsaß und die Verlegung ins belgische Wallonien und nach Nordfrankreich.

Erste Gefechte im Elsaß

„Am 17. VIII. jedoch war wieder schönes Wetter, und so war die Schanzarbeit doch angenehmer als 40 Kilometer weit gehen mit 70 Pfund schwerem Gepäck wie am 15. VIII. Am Abend wurde biwackiert, jedoch wurden wir schon um 1 Uhr morgens am 18. VIII. aus unserem Zelte gerufen, und vorwärts gings mit Kampfeslust dem Feind entgegen. Seit 16. hörten wir täglich schweren Kanonendonner. Am 17. sahen wir Rauchwolken von Geschützen und Brandstätten. Flieger sehen wir täglich mehrere, dann heißts hinlegen.

18. VIII. Früh 1/2 4 Uhr Abmarsch von den Schützengräben, in welchen wir auf Franzosen lauerten. Schon um 6 Uhr bekamen wir feindliches Feuer und ungefähr um 8 Uhr machten wir den 1. Angriff auf ein Haus voll Franzosen in einem Wald, welche bald Reißaus machten, dann gings fort bis 1/2 2 Uhr immer wieder auf Franzosen schießend, dann 1/2 Stunde Rast und fort gings durch den ganzen Wald bis wir in einem Zug liegend auf freiem Felde von starkem feindlichen Feuer begrüßt wurden (Gefecht bei Bisping). Wir geben gut gezieltes Feuer, und bald mußte der Feind zurück, aber halt, von links bekammen wir Flankenfeuer, welchem wir hätten unterliegen müssen, wenn ich nicht um Unterstützung zurückgelaufen wäre mit Gottvertrauen im Schutz Mariens. Um 1/2 5 Uhr war es Ruhe, hatten aber seit 3 Uhr morgens nichts zu Essen, dort selbst 1/2 l Kaffee. Es gab manche Tote und Verwundete, darunter tot Vordermayer Joseph, verwundet Fellner Sohn von Felln schwer, leicht verletzt Angerpointner Alois. Um 1/2 9 Uhr abends gings ins Dorf Bisping, wo wir Quartier nehmen sollten, war aber unsicher und wir mußten Biwackieren und kammen um 11 Uhr zur Ruhe. Das ganze Gefecht war im Walde Sankawohl an dem Kanal in Unterelsaß. 21. VIII. Um 6 Uhr morgens krochen wir in aller Gemütsruhe aus dem Zelt, faßten unsern Kaffee und lagen dann bis 10 Uhr auf dem Boden umher, dann mußten wir unsere Rüstung wieder aufnehmen, und ein Marsch ging los wieder näher an die französische Grenze, wir marschierten bis 2 Uhr morgens, legten uns ungefähr 2 Stunden auf die Straße und schliefen wie im besten Bette. Dann gings nach Avricour und hinüber nach Frankreich.“
Vormarsch durch Lothringen

„Nach einem weiteren Marsch ungefähr um 9 Uhr morgens am 22. VIII. begrüßten uns französische Schrapnellen, welche aber Gottlob zu weit gingen. Wir mußten unsere Gefechtslinie nach rechts verlängern und kamen um 1/2 11 Uhr ins Gefecht, bei welchem wir von der eigenen Artillerie sehr gefährdet. Um 1/2 5 Uhr kamen wir zurück nach Avricour und mußten noch um 7 Uhr 1 Stunde weit ins Quartier nach Mosey. Wir schliefen wie Ratten im Heu bis 6 Uhr morgens des 23. VIII. Um 7 Uhr war Abmarsch nach Avricour. Das Gefecht bei Anemoncour kostete viele Tote und Verwundete. Um 1/2 5 Uhr abends gings von Deutsch-Avricour fort bis Domevre ungefähr 3 Stund über der Grenze, wo wir alsdann Biwak hatten.

Am 24. VIII. marschierten wir um 1/2 7 Uhr ab und kamen um 11 Uhr nach Halleinville, wo wir die Häuser durchsuchen mußten und sehr viel Wein bekommen hätten, aber wegen seiner Stärke nicht viel zu trinken getrauten. Um 3 Uhr war Abmarsch nach Menillville, wo wir Quartiere bezogen und in Betten schliefen, was mir seit Fortgang von zu Hause nie mehr passierte. Aber auch am 25. VIII. mußten wir von 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts marschieren und waren dann wieder im gleichen Quartier. Wir sahen aber nicht das geringste vom Gegner, welcher sich sehr weit zurück drängen ließ durch unsere Artillerie, welchen einen unausgesetzten Kampf mit ihm führte. Auf drei Seiten sah man Brandröten.

Am 26. VIII. war um 9 Uhr vormittags Abmarsch über Moschee nach Luneville, wo wir eine Stellung bezogen und auf den Gegner warteten, wir mußten aber bis hieher 8 Std. marschieren, was wir an den Füßen stark merkten. Seit 8 Uhr morgens haben wir nichts mehr gegessen, was uns auf den bisherigen Märschen schon wiederholt passierte. Erst mittags 12 Uhr den 27. VIII. bekamen wir wieder etwas warmes zum Essen. Brod hatten die meisten schon lange keins mehr. Bei uns heißt es nur fest marschieren und gut schießen, das Essen ist, glaub ich, überflüssig. Der Kanonendonner rollte auch am 27. VIII. gleichmäßig fort bis in die Nacht hinein.

Ungefähr um 2 Uhr morgens des 28. VIII. begann nördlich von uns ein heftiges Infanterie-Gewehr-Feuer, was nach einer Std. wieder verstummte. Um 6 Uhr morgens kam der Befehl zum Einschanzen, da die Brigade vorläufig ein paar Tage hier bleiben soll. Wir begannen zu graben, Bretter zu holen und machten uns die schönsten Wohnungen unter unaufhörlichem Kanonendonner. Die Nacht verlief ebenso wie vorigen und ebenso der Vormittag des 29. VIII., an welchen ich zum Utoffz. [Unteroffizier] befördert wurde wie noch 4 meiner Kollegen. 4 Uhr nachmittags wurden wir vom 2. Res.Rgt. [2. Reserve-Regiment] abgelöst und kammen in die Kaserne des Cheveauxl.Rgt. [Chevaulegers-Regiment = leichte Kavellerie-Einheit] französisch. Die Nacht verlief für uns ruhig, bis auf die Wanzenstiche, die wir in der Kaserne, welche von Misthaufen voll ist, bekammen. Mittags mußte ich mit mit 6 Mann auf Kasern-Wache, wo es uns besser gefiel als in der Komp. beim Appelaufstellen. Große Hitze und Kanonendonner wie bisher.

31. VIII. Mittags Abmarsch von der Kaserne in Privathäuser am Bahnh., um vom Feind nicht entdeckt zu werden. 1. IX. Keine Änderung, aber mittags wurden wir etwas in Angst versetzt, weil franz. Granaten um unsere Quartiere herum einschlugen, daß grad der Staub aufwirbelte, war aber schnell wieder gar. Wir waren die Nacht hindurch und den ganzen Tag des 2. IX. bis zum Abend des 3. IX. noch in Luneville, dann war Abmarsch ins Biwak bei Priv., wo wir auch am folgenden Tage, also am 4. IX. blieben. Am 3. IX. kam ein Feldgeistlicher vorbei, welcher an das Batalion eine Ansprache hielt und alle zum weiteren Tragen der Strapazen des Krieges aufmunterte, dann den priesterlichen Segen spendete.

Am 4. IX. war um 2 Uhr nachmittags Abmarsch vom Biwak bei großer Hitze, infolgedessen sehr viele austraten. Nach 2 1/2 Stunden war Rast, was auch sehr notwendig war, um neue Kräfte zu sammeln für die kommende Nacht, wo wir in einem Straßengraben eines Waldes von 12 Uhr nachts an ruhten, aber durch fortgesetztes Schießen seitens der Inftr. und Artil. wenig schliefen. Es war ein heißer Kampf, welchen unsere Vortruppen führten, und es gab viele Verwundete. Nach 6 Uhr am Morgen des 5. IX. marschierten wir aus dem Walde, in welchem uns die feindlichen Kugeln stets umtosten. Wir lagen bis 7 Uhr abends in einer Deckung und mußten uns dann zirka 500 m südlich noch einschanzen und lagen die ganze Nacht bei kaltem Ostwind. Vom Feind sahen wir nichts. Auch der Artilleriekampf hörte 10 Uhr abends auf. Tote und Verwundete gab es sehr viele. Es war für viele ein schwerer Tag. Am 6. IX. blieben wir in der Verschanzung, welche noch verbessert wurde, wo wir aber erst abends 6 Uhr was warmes zu Essen bekammen und infolgedessen Kartoffeln sotten.

Am 7. IX. blieben wir bis 9 Uhr abends in unserer Verschanzung und mußten dann ungefähr 2 km westlich einen Höhenzug besetzen, in welchem wir bis 9 Uhr morgens des 8. IX. unter Infanteriefeuer in schnell ausgeworfenem Schutzgraben verblieben. Dann wieder Rückzug in die alte Stellung, bei welcher wir sehr viele Verwundete sahen. Wir kammen vor in erste Gefechtslinie und es lagen 3 Tote Kameraden sehr nahe. Ich und 2 Kameraden machten uns daran, selbe zu beerdigen, was jedenfalls sehr traurig aussah. Am Nachmittag beschoß uns feindlich Artillerie sehr stark, ohne uns zu schaden. Nachts mußten wir auf feindlichen Angriff lauern, blieb aber alles bis zum nächsten Morgen ruhig. Nur Artilleriekampf lebhaft wie bisher. Am 9. IX., 10. und 11. IX. blieben wir in dieser Stellung und hatten wiederholt feindliches Artilleriefeuer, wir waren aber stets vom Glück begünstigt. Täglich einmal bekommen wir von der Feldküche ein kräftiges Essen, abends und morgens kochten wir uns Kaffee und Konservensuppe. Vom 9. auf 10. IX. hatten wir schweren Gewitterregen, sodaß wir ganz durchnäßt wurden.

Am 12. IX. kamen wir 3 Uhr morgens in eine neue Stellung, zu welcher wir 5 Stunden bei finsterer Nacht in strömendem Regen marschieren mußten. Dann hoben wir noch einen Schützengraben aus. Schlafen war für diese Nacht nicht zu rechnen, nur hinter einer Staude lag ich eine Zeitlang, aber es fror mich zu sehr, da ich durch und durch naß war. Um 5 Uhr abends war Abmarsch zurück nach Charteau-Saline, wo wir um 1/2 4 Uhr morgens des 13. IX. unter Sturm und furchtbarem Regen ganz erfroren und durchnäßt ankamen. Wir legten uns auf den harten Boden in einem Gebäude und schliefen bis ungefähr um 9 Uhr, dann holten wir unsere Menage und gingen in der Stadt umher, uns Brod, Fleisch und dgl. zu holen. Gegen abend besuchte ich die Kirche, und es war zum Staunen, wieviel Soldaten sich in den geweihten Räumen befanden. Am 14., 15. 16. und 17. mußten wir in einem Weinberg westlich der Stadt Schützengräben ausheben, was bei wiederholtem Regen sehr schmutzig war. Am 18. und 19. Sept. mußten wir ebenfalls schanzen, weil die Schützengräben infolge starken Regens sehr stark einfielen, und das Wasser sich staute.

Am 20. IX. war ich um 1/2 Uhr in die Messe gegangen, als ich nach 11 Uhr heimkam, stand die Komp. feldmarschmäßig auf der Straße, und ich mußte mich sehr eilen mitzukommen. Es ging auch hier wieder zum Schanzen. Abends 6 Uhr war Abmarsch ins Quartier. Am 21. IX. war Rasttag, was uns zu 1. Mal beschieden war. Am 22. hatten wir die alten Schützengräben wieder auszubessern und um 1/2 3 Uhr durften wir einrücken.

Am 23. IX. war um 5 Uhr Abmarsch nach Salomes, wo wir beim ersehnten schönen Wetter die Ortschaft bewachen mußten, welche nach Spionen ausgesucht wurde. Um 2 Uhr kamen wir ins Quartier zurück, in welchem wir bis 25. IX. verblieben und um 8 früh Abmarsch hatten nach Solger, wo wir um 7 Uhr abends ankammen, in einem Bauernhof übernachteten und am 26.9. 6 Uhr früh nach Chorny abmarschierten und um 1/2 2 Uhr ankamen. Wir wurden hier einquartiert und blieben bis 28.9. 4 Uhr nachmittags. Wir hatten am 27.9. feldmarschmäßigen Appell, sonst im allgemeinen Ruhe. Am 28.9. 4 Uhr nachm. war Abmarsch nach Metz, dort wurden wir, nachdem wir Verpflegung erhalten, um 12 Uhr nachts auf der Bahn verladen, und fuhren um 1 Uhr ab.“
Truppenverlegung ins belgische Wallonien

„Wir kamen nach Luxemburg Arlon, durch ganz Belgien, wo es bis Lipramont im Lauf des Vormittag sehr viele zusammengebrannte Häuser, zertrümmerte Eisenbahn-Wagons zu sehen gab, was von dem Durchbruch der Deutschen am Anfang des Krieges herrüren mochte. Die Fahrt am Nachmittag war sehr reizvoll, denn es gab hohe Felsenklippen, wunderbare Dörfer und reizende Städte zusehen. Auch 3 Tunnels hatten wir zu durchfahren von je einer Dauer von ungefähr 2 Minuten Fahrzeit. Abends kamen wir nach Lütich, wo wir menagierten und nach 3 stündigem Aufenthalt um 10 Uhr wieder abfuhren. Wir fuhren die ganze Nacht, schliefen auf Bänke und Boden und kamen um 5 Uhr morgens nach Namur, bekamen dort wiederum Menage und fuhren um 6 Uhr des 30.9. ab über Monastier nach Tamines, wo wir wieder an ausgebrannten Häusern vorbeikamen. Von hier ab kammen wir an großartigen Bergwerken, Briketfabriken und Eisenwalzwerken vorbei. Es gab auch hier in dieser reizvollen Gegend sehr schöne Ortschaften, und wir konnten uns nicht genug sehen und staunen. Aber auch diese Dörfer wurden teilweise ausgebrannt. Und so kamen wir um 11 Uhr mittags nach Couilet, menagierten und fuhren um 12 Uhr wieder ab, kamen am Nachmittag wieder an großartigen Bergwerken vorbei und waren um 6 Uhr abends in Mons, menagierten und um 7 Uhr in Cislai die belgische Grenze überschritten und wieder nach Frankreich kamen. Bevor wir Belgien verließen, sah man eine abgebrannte Kirche und bereits das ganze Dorf ohne Dachstühle. Wir fuhren noch bis 1 Uhr. schliefen sehr gut und wurden in Ronuly ausgeladen am 1.10.“

In den Aufzeichnungen meines Großvaters folgen nun Beschreibungen von Kämpfen in Nordfrankreich und seiner Verwundung.

Einfall und Kämpfe im Norden Frankreichs

„Um 3 Uhr war Abmarsch und um 8 Uhr kamen wir nach Bognicount, wo wir in 2-stünd. Aufenthalt menagierten. Es wurde feindl. Gegner gemeldet und wir wollten ihn angreifen, konnten ihn aber nicht mehr erreichen, und so marschierten wir stets nach und kamen um 6 Uhr nach Cantiene, besetzten einen Bahndamm und wurden um 12 Uhr nachts wieder zurück genommen und konnten bis 6 Uhr morgens des 2.10. in einem großen Stadel Mann an Mann schlafen. Wir bekamen die Menage des vorigen Tag, an welchem uns die Feldküche nicht mehr nachkam, und marschierten um 1/2 8 Uhr ab nach Aris [vermutlich ist Arras gemeint], kamen aber schon um 10 Uhr an den Gegner und konnten nicht mehr vorwärts marschieren. Um 1 Uhr mußte das Batallion nach der rechten Seite ausschwärmen, und es begann ein furchtbarer Kampf, bei welchem es unsererseits zwar Tote und Verwundete gab, aber bei den Franzosen lagen ganze Reihen. Auch viele wurden gefangen herangeführt. Die Nacht mußten Verschanzungen und Vorposten gestellt werden, und so erwarteten wir den 2.10. Schon um 6 Uhr mußten wir hinaus aus dem Stadel und blieben als Unterstützung des 1. und 3. Zuges hinter Strohhaufen gedeckt bis 4 Uhr nachmittags. Dann wurde der Gegner vom 2. Rgt. angegriffen, und wir mußten vorgehen ungefähr 500 m weit. Bis Einbruch der Dunkelheit mußten wir uns verschanzen und die Nacht hindurch im Schützengraben verharren. Um1/2 5 Uhr morgens des 4.10. kam unsere Feldküche, und wir bekamen das Essen vom vorigen Mittag. Wir lagen noch bis 10 Uhr im Graben, dann mußten wir den Gegner angreifen. Auch um 11 Uhr nachts kam die Feldküche wieder nach, und so konnten wir am 5. X. wieder neugestärkt auf den Feind losgehen, der uns auch viele Verluste beibrachte besonders durch Artillerie-Feuer. Ich mit 6 Mann holten am Nachmittag 16 verwundete Franzosen, darunter auch ein Major. Die 11. Komp. konnte den Befehl des Vorgehens wegen zu starkem Artilleriefeuer nicht weiter ausführen und mußte hinter Strohhaufen gedeckt den Einbruch der Dunkelheit abwarten und bei Nacht in den Boden sich verschanzen.“
Verwundung

„Von 6 Uhr morgens des 6. X. wurden wir in unseren Schützengräben vom Schlaf geweckt, um uns auf den Vormarsch vorzubereiten. Um 9 Uhr gings vorwärts im ganzen Battl. kaum 100 m und feindliches Artilleriefeuer bekamen wir so viel, daß nicht mehr weiter zum vorkommen war. Hinlegen und eingraben war das Allerbeste. Nach einer Viertelstunde hieß es staffelweise vorgehen, und unser Halbzug bekam Deckung hinter Strohhaufen. Dort blieben wir bis 4 Uhr in aller Ruhe, da kam von der rechten Flanke erst 1 und 3 Schuß der Artl., 1/2 Std. Ruhe, noch ein Schrappnelg. und mich hatte dös Vieh den Kopf verletzt, einem anderen den Fuß abgeschl., dann holten mich 2 Kameraden und fort gings zum Verbandsplatz, 2 Tage später ins Lazarett nach Düsseldorf. Am 19. X. wurde ich operiert und sehe hoffnungsvoll der Heilung entgegen.“
Zwischen Lazarett und Entlassung

„Als ich ungefähr 2 Monat im Bett lag, kamen unverhofft Mutter und Schwiegervater mich besuchen, was mich sehr freute. Ende Januar 1915 durfte ich das Bett verlassen und bald darauf wurde ich auch meines großen Kopfverbandes los – was für mich eine große Wohltat war, weil ich seit meiner Verwundung am 19. X. 1914 [offensichtlich hat mein Großvater hier das Datum seiner Verwundung mit dem Operationstermin verwechselt] den Kopf nicht mehr abwaschen konnte. Am Ostermontag, den 5.4.1915 besuchten mich meine allerliebste Gattin und Schwester, worüber ich große Freude, aber beim Abschied schweres Herz hatte.

Nun ging es wieder den alten Gang weiter, bis ich am 17.5. ds. Jh. ins Marinehosp. überführt wurde zu einer Nasenoperation, welche so ziemlich schmerzte, nach 7 Wochen, anfangs Juli kam ich wieder zurück ins Theresienhospital, wo Hr. Chefarzt Arnolds mir die Stirnwunde zumachen wollte, infolge Eiterung aber nicht gemacht wurde. Später erkrankte Hr. Chefarzt, und am Freitag, 6.8.15 reichte ich Urlaubs- und Überweisungsgesuch nach Bayern ein, um meine Lieben und das traute Heim nach einjährigem Fernsein wieder zu sehen und in München ganz geheilt zu werden. Am 27. IX. bekam ich 3 Tage Urlaub, wo ich die traute Heimat mit meiner geliebten Gattin und guten Mutter und Schwester mit dem Schwager Joseph begrüßen durfte.

Weiteren Urlaub bekam ich vom 18. – 31. XI., 23. – 29. XII 15, 17. – 30. I., 15. – 29. II. [1916], worauf ich nach 16 Tagen, also am 16. III. zur Truppe in Revierbehandlung kam, aber schon am 19. III. auf 14 Tage in Urlaub fuhr. Im April bekam ich 2 mal 14 Tage Urlaub bis 2. Mai, dann war ich in der Kaserne bis 30. Mai. Ab 1. VI. bekam ich Heu – und Ernteurlaub bis 30. VIII. mit 5 Tag Unterbrechung. Am 1. IX. kam ich ins Rekruten-Depot Wörthschule, wo ich nach 8 Tagen wieder zur 5. Komp. zurück, bekam je 14 Tag Erholungsurlaub bis 18. XI., da hieß es Entlassungsurlaub, bis ich am 1. III. 1917 mit 27,50 M. [Mark] entlassen wurde.“

Damit enden die Aufzeichnungen des „Reservemannes“ Michael Kurz, auf dessen wenigen Bildern bezeichnenderweise das mitten auf der Stirn deutlich sichtbare Loch der Verwundung von den Photographen retouchiert ist – nicht zuletzt auf dem Foto seines Kriegsverletztenausweises. Das zum Gehirngewebe hin mit einer Silberplatte verschlossene Loch hatte eine Verbindung zur Nase, sodass beim Rauchen aus ihm Rauch entwich.

Seine Familie vergrößerte sich mit der Geburt seiner Töchter Maria (1916), Therese (1921)und Rosalie (1926) sowie des einzigen Sohnes Michael (1920), der im 2. Weltkrieg (22.8.1942) sein Leben verlor. Dazu kam mit Maria Seidl noch ein Pflegekind.

Anfang der 30er Jahre erwarb er das „Urban-Sachl“ in Holzhausen, ein landwirtschaftliches Anwesen in der ehemaligen Gemeinde Kay, jetzt Tittmoning. Hier starb er am 23. August 1946 nach kurzem, schweren Leiden im Alter von nur 61 Jahren.


(Quelle: https://www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/michael-stroeber-kriegsbeschreibungen-meines-grossvaters-aus-den-jahren-1914-1915.html )


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s