Paul Diekmann

Dieser Eintrag stammt von Gertrud Mohr, Cord Diekmann und Christel Lohmann Kontakt: info@cord-diekmann.de Juni 2008

Unser Großvater Paul Diekmann, geboren am 19.09.1881, war für uns Enkelkinder ein fast Unbekannter. Er fiel am 30.11.1917 bei Cambrai. Erst nach dem Tode unserer Großmutter Luise Diekmann, die 1987 mit 97 Jahren starb, ist er uns durch seine Briefe, die er während des Ersten Weltkrieges fast täglich an seine Frau geschrieben hatte, vertraut geworden.

Er war in seinem Hauptberuf Lehrer in Nienhagen, heute Ortsteil von Detmold/Lippe; im Krieg war er Leutnant und Kompanieführer. Seine Briefe sind ein beeindruckendes Dokument des furchtbaren Stellungskrieges in Frankreich und Belgien. Später wollte er, so unser Eindruck, diese sorgfältig datierten Briefe zusammen mit Fotos und Karten von Kriegsschauplätzen auswerten, vielleicht auch veröffentlichen.

Unsere Großeltern Paul und Luise Diekmann haben am 26. Mai 1911 geheiratet. Unser Vater Paul wurde 1913, sein Bruder Helmut 1914 geboren. Die Kinder haben mit ihrem Vater nicht viel Zeit gemeinsam gehabt: Seit Kriegsbeginn konnte er die Erziehung seiner Söhne nur durch Briefe und während weniger Urlaubstage beeinflussen. Nach seinem Tode musste unsere Großmutter ihre Söhne allein erziehen und versuchte, das im Sinne ihres verstorbenen Mannes zu tun. Mit großer Liebe hat sie sich während ihres langen Lebens bemüht, ihren Söhnen und später uns Enkelkindern ihren Mann in Erzählungen lebendig zu halten; dabei hat sie ihn – nicht immer zur reinen Freude ihrer Kinder und Enkel – oft als mahnenden Erzieher dargestellt und sicher ein überhöhtes Bild gezeichnet. Für uns Enkel war unser Großvater vor allem der ernst und ein wenig traurig blickende Soldat auf dem riesigen Portraitfoto über dem Sofa.

Als wir die Briefe das erste Mal lasen, wurde uns bewusst, dass unsere Großmutter in ihren Erzählungen einen 36-Jährigen für uns zum Großvater gemacht hatte, einen Mann, der jünger war als wir damals beim Lesen. Eingedenk dessen, was wir als 30-Jährige gedacht und getan hatten und später kritisch hinterfragten, empfanden wir mit Trauer, dass unsere Großmutter in lebenslanger Treue an einem Bild ihres Mannes festgehalten hatte, das er nicht mehr hatte verändern können.

Die Rettung eines Teiles der Briefe geht zurück auf die Schilderung unserer Mutter, wie unsere Großmutter nach dem Lesen in den Briefen ihres gefallenen Mannes gebeugt vom Mülleimer zurück gekommen war, in den sie die gerade gelesenen Briefe geworfen hatte. Jetzt, 60 Jahre nach dem Tode ihres Mannes, wollte sie die ihr so wichtigen Briefe vernichten; offenbar um uns Enkel nicht damit nicht zu belasten. Dieses Bild der von Gram niedergedrückten alten Frau war uns Anlass, ihr das sorgsame Hüten der Briefe – in denen sie meist Liesi oder Lieschen genannt wird – zu versprechen. Bis zu ihrem Tode 1987 hat sie weiterhin häufig in den Briefen gelesen.

Wir freuen uns, über das Deutsche Historische Museum/LeMO einen Weg gefunden zu haben, den Wunsch eines längst verstorbenen jungen Mannes zu erfüllen, seine Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken auch anderen zugänglich zu machen und damit zugleich an die Schrecken und Folgen eines entsetzlichen Krieges zu erinnern

Die Originalunterlagen sind zugänglich im
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen / Staats- und Personenstandsarchiv Detmold


(Paul Diekmann mit Bewohnern eines Hauses in Frankreich, in dem er einquartiert war)

Feldpostbriefe von Mai bis Dezember 1915

Feldpostbrief, 26. Mai 1915

Salomé b/La Bassée, d. 26. Mai 1915, Mittwochabend 3/4 10 Uhr.

Mein teures, heißgeliebtes Mädchen!

Soeben komme ich von Sainghin zurück, wo die aktiven 55er jetzt in Ruhe liegen. Ich habe nur schnell noch gegessen.

In der furchtbaren Hitze wars eine Wohltat, daß ich Wagen und Pferd zur Verfügung hatte. Es war ein ziemlicher Weg. Ich fragte zuerst nach Rudolf Dickewied. Der war vor 3 Tagen nach Deutschland gekommen. Dann nach Georg Junker. Der war 1 Stunde vorher ins Lazarett transportiert. Die Nerven haben nicht mehr wollen. Aber dann hatte ich Glück. Der erste Offizier, den ich anredete, war Ltn. Schulz, ein blutjunger Mann. Der hatte mit Theodor [Anm.: Verlobter der Schwester der Adressatin] und Leutnant Thümmel in demselben Unterstande gelegen, als die unglückliche Granate eingeschlagen ist, die Theodor getötet und die beiden anderen Offiziere leicht gestreift hat. […] Nachher habe ich auch noch Akemeier und Linke und Nordsiek getroffen. Letzterer war mit zum Militärfriedhof. Linke hat mir versprochen, Theos Grab baldmöglichst zu photographieren und Euch ein Bild zu schicken.

Der liebe Theodor ruht schön unter Gottes blauem Himmel. In einem Rondell ruhen die gefallenen Offiziere des Regimentes. Nicht weit von Theodor liegt auch Richard Schäfer. Und daneben in langen, langen Reihen, Kreuz an Kreuz, die wackern Helden vom stolzen Regiment. Gar nicht weit von Theos Grabe Koll. Worth. So liegen keine 20 m auseinander 3 liebe Krieger aus Heiden. Wenn erst jedem sein Stein gesetzt ist u. schöne Bäume kühlen Schatten spenden, dann ruhen all die Wackern „auch in fremder Erde im Vaterland“. So nahe nebeneinander all die, die treue Freundschaft geschlossen in Not u. Gefahr! Und wie der Kirchhof angelegt ist! So könnens nur deutsche Kameraden mit all ihrer Liebe, ihrer Treue! Und mancher, mancher, der später das Grab eines lieben Gefallenen aufsucht, wird mit tiefer Dankbarkeit derer gedenken müssen, die ihren Kameraden solche Ruheplätze schufen. Und ganz sicher wird mancher Lipper später seine Schritte zum Friedhof in Illies lenken.

Und nun von unseres lieben Toten letzten Augenblicken. Am 17. Mai morgens ists gewesen, als die Granate in die Deckung geschlagen ist. Der Sanitätsunteroffizier ist sofort zur Stelle gewesen. Das Sprengstück hat Theo von hinten getroffen und das linke Schlüsselbein weggerissen. Korte sieht den Herzmuskel, die beiden Herzklappen geöffnet. Er drückts mit Mull zu, und Theo bleibt noch 20 Min. bei vollem Bewußtsein. Er wiederholt immer: „Grüßen Sie meine arme, arme Braut – meinen lieben Vater – meine Mutter lebt schon lange nicht mehr.“ Und dann, Korte, ich habe noch etwas auf dem Gewissen. So kann ich nicht ruhig sterben. Der Oberleutnant Limes (genau weiß ich den Namen nicht) hat mich, als ich gern Offizier werden wollte, gefragt, ob ich Offiziersaspirant gewesen sei. Ich habe „Ja“ gesagt. Und so bin ich Offizier geworden. Ich bin aber nicht Offiziersaspirant gewesen. Sagen Sie das dem Oberleutnant bitte! Er möge mir vergeben. Offizier konnte ich nicht werden, weils meine Vermögensverhältnisse nicht erlaubten.“ Dann hat Theo gebetet und hat noch gesagt: „Die Welt war zu schlecht, zu gottlos. Darum kommts nun so.“ Dann sind die lieben, guten, treuen Augen gebrochen. Und 10 Min. später hats Herz zum letztenmal gezuckt. In Kortes Armen ist er hinübergeschlummert ins bessere schönere Leben. Der Wackere hat ihm die Augen zugedrückt und er, der Hundert anderen im letzten Augenblick schon beigestanden, hat weinen müssen. So lieb hat er Theo gehabt. So lieb haben ihn aber alle Leute der Komp. gehabt, ihn, den allzeit Lebensfrohen und Freundlichen. Und dann ist Korte zum Oberleutnant L. gelaufen und hat Theos letzte Bitte erfüllt. Und der hat gesagt: „Wenn alle Offiziere so wären, dann brauchen sie nicht Offz.-Aspiranten gewesen sein!“ […]

Jetzt ists 3/4 2. Morgen mehr, Gott schütze Euch!


Feldpostbrief, 1. Juni 1915

Im Schützengraben vor La Bassée, 1. Juni 1915, Dienstagabend 6 Uhr.

Mein herzliebes Lieschen!

Etwas gemütlicher wars heute schon hier im Schützengraben. In vorheriger Nacht haben sich unsere Leute, so gut es ging, Deckungen gebaut. In der letzten Nacht haben wir 6 Leute angestellt, die uns ein kleines Stübchen hergerichtet haben. Klein! So lang, daß man eben gerade liegen kann. So breit, daß neben mir auch noch Wegener liegen kann u. so hoch, daß man auf dem Fußboden wenigstens sitzen kann, ohne mit dem Kopfe ständig anzustoßen. Und doch gefällts uns hier. Der Fußboden hat Dielen, die drei Wände und die Decke sind gleichfalls mit Brettern abgekleidet. Nach vorn ist das Loch offen, aber wir könnens doch leicht mit einer Zeltbahn verhängen. Und wenn die Sonne scheint, dann lassen wir ihre Strahlen ein. Es ist dann doch auszuhalten. Auf dem feuchtkalten Fußboden hätte mans nicht lange mehr ausgehalten. Das ist nämlich gerade das Trostlose in dieser Gegend, daß alles Sumpf und Moor ist. Höchstens 1 m tief stößt man auf Grundwasser. Darum lassen sich so sehr schlecht Schützengräben und Deckungen anlegen. Es ist ganz anders wie bei Reims.

Aber wir wollen geduldig ausharren. Die armen Leute aber, die hier den Winter haben zubringen müssen! Es muß doch furchtbar gewesen sein! Außerdem haben wir die stille Hoffnung, daß wir nicht gar zu lange bleiben. Wenns aber so friedlich bleibt, wie es hier augenblicklich ist, dann kann mans schließlich auch schon aushalten. Und so friedlich solls eigentlich immer gewesen sein, außer kurz vor Weihnachten mal und jetzt bis zum 9. Mai, wo die Engländer hier so furchtbar angegriffen haben. Wir wußten das ja auch von Theodor.

An Stuhl und Tisch und Kiste fehlts vorläufig noch hier in unserer Deckung. Ich sitze deshalb auf der Erde und schreibe auf einem Buche auf den Knien. Wenns so nicht mehr geht, dann lege ich mich lang hin, strecke Kopf und Brust aus unserer Haustür in den Graben und schreibe auf einem Brettchen. Das geht alles. Aber es weckt doch auch sehr die Sehnsucht nach Haus und Herd, wo’s so gemütlich war u. traut. Du meintest neulich, m. Liebling, der Krieg sei ein Erzieher. Ja, mir ist er’s in mehr als einer Beziehung geworden. Wenn man sich auch nur ein einziges Mal im Hause nicht ganz wohl fühlen sollte, dann tut man bitteres Unrecht. Gebe Gott, daß ich dieses Unrecht nie mehr begehe!

Ich glaubs auch nicht. Wie wir uns lieben, Lieschen, wissen wir. Kann das je wieder anders werden? Und dann unsere Lieblinge, so lieb und drollig! Wie freut mich jedes Mal, daß Bubi gesprochen hat! Allerdings höre ich ja nur das Gute, nicht das Böse von ihm. Aber welch herrliche Aufgabe vom Himmel ist es, ihn u. klein Helmut zu guten Menschen zu erziehen! Werden wir sie erfüllen können? Wir beide zusammen gewiß, Liesi, wenn wir uns einig sind und treu. Jedem allein wirds schwerer fallen. Aber möglich sein muß es doch auch!

Die Sehnsucht nach Euch nimmt oft meine ganzen Sinne gefangen, füllt häufig all‘ meine Träume aus. Und da habe ich denn trotz Allem das Gefühl, daß ich Euch recht bald wiedersehe. Du erwartest vielleicht von mir, Lieschen, daß ich wie früher häufiger mal über die allgemeine Lage schreibe. Das kann ich nicht. Wir sind hier wie von der Welt abgeschnitten. Erfahren kaum mal die neuesten Kriegsnachrichten. Und die wenigen Zeitungen, die wir kriegen, sind alt. So kommts denn, daß wir viel weniger wissen als Ihr wißt. Nur haben wir alle die Hoffnung, daß Italien jetzt auch nicht so sehr viel mehr schaden kann. Und ob seinetwegen der furchtbare Krieg nun doch sehr viel länger dauern wird, ist vielleicht auch noch zweifelhaft. Hoffen wollen wir’s nicht. Bisher hat man in Kreisen, die es wissen müßten, mit einem Frieden in 3-4 Monaten gerechnet. Und das wäre ja noch auszuhalten. Und wir wollten nicht murren und unzufrieden sein! Aber nur nicht nochmals einen Winterfeldzug! Wer hielte da aus?

Daß ich, m. I. L., als Kompagnieführer allerlei Mehrarbeit habe, schrieb ich schon. Man trägt ja schließlich für alle u. für alles die Verantwortung. Ist das in Zeiten der Ruhe u. d. Erholung schon nicht leicht, so erst recht in Zeiten der blutigen Angriffe. Aber Gott hat gnädig gewaltet über unsere Kompagnie! Allen kommts wie ein Wunder vor, daß unsere ja leider viel zu großen Verluste nicht fünfmal so hoch sind! Und die vielen Verwundeten sind gottlob alle nur leicht verwundet, u. wir werden sie gottlob recht bald wiederhaben. Auch von den Schwerverwundeten ist bisher keine schlimme Nachricht gekommen. Hoffentlich kommen alle mit dem Leben davon.

Daß ich August [Anm.: Bruder der Adressatin] hier noch nie getroffen habe, schrieb ich schon. Es ist auch sehr fraglich, ob ich ihn überhaupt treffe. Die Truppen liegen hier weit auseinander, u. womöglich sind wir beide stets gleichzeitig im Graben. Sobald als möglich, suche ich ihn natürlich auf. Vorläufig liegen wir noch im Graben. Ob wir morgen – nach 5 Tagen – wirklich abgelöst werden, ist wohl immer noch nicht sicher. Wenn ja, m. I. L., dann gibts morgen nur einen kurzen Brief. Das Schreiben im Liegen ist doch zu schwer.

Und doch hab ichs so gern getan. Schreib Du auch recht oft, Herzblatt! Deine l. Briefe sind doch das Schönste für mich. Grüße alle Lieben und küsse unsere Jungen!

Auch Dir heiße Grüße und Küsse!
Dein dankb., treuer Paul.


Feldpostbrief, 5. Juni 1915

Im Reservegraben vor La Bassée, 5. Juni 1915, Sonnabendmorgen 3/4 3 Uhr.

Mein liebes, gutes Herzensliebchen!

Eine etwas merkwürdige Zeit, wirst Du denken. Aber das ist nun so bei uns, was bei Euch ungefähr 8 Uhr Abends ist. In zwei Stunden gehts nämlich zu Bett. D.h. wenn nichts besonderes mehr vorfällt. Meine Kompagnie hat die ganze Nacht vorn gearbeitet und kehrt um 1/2 4 Uhr zurück. Ich bin schon vor 1 Stunde heimgekommen, weil ich gestern Abend zum Major mußte, ehe ich gegessen hatte. Schade, als ich eben heimkehrte, waren meine schönen Bratkartoffeln, die mir eine Ordonnanz aus dem Kasino gebracht hatte, kalt geworden, u. auch das schöne Sauerkraut aus der Feldküche war kalt, obgleich es mein Bursche warm in Decken eingehüllt hatte. Na, die Bratkartoffeln haben auch kalt geschmeckt u. das schöne Stück Braten dazu schmeckt auch heute Mittag noch zum Butterbrote. Als Nachtisch habe ich dann die beiden Äpfel gegessen u. eine Apfelsine aus Deinem kleinen schönen Pakete vom 27. Mai, das in meiner Abwesenheit angekommen war. Es ist ja eigentlich ein bißchen wenig, in 48 Stunden einmal etwas Warmes! Aber ein guter Magen hilft über allerlei hinweg. Außerdem haben wir uns gestern Nachmittag über einer Kerze in der Feldflasche den Kaffee etwas angewärmt, u. augenblicklich labt mich der warme blaue Rauch einer guten Zigarre, die „den deutschen Offizieren“ gewidmet ist.

Etwas enttäuscht war ich bei meiner Rückkehr, als ich außer Deinem Paketchen gar keine Postsachen vorfand. Nach Deinem gestrigen lieben langen Sonntagsbriefe hatte ich ja allerdings kein Recht, schon wieder auf Brief oder Karte zu hoffen. Und doch tut mans so gern. Warum? Weil ich Dich so lieb habe, Schatzi!

Ich weiß nicht, wies kommt, Lieschen, aber ich bin so leicht und froh, wie lange nicht! Das kleine Paketchen ist vom Hochzeitstage. Du hasts so gut gemeint. Und ich bin Dir so dankbar für all Deine Liebe und Treue, Du gutes Mädchen! Am 27. Mai selbst habe ich ja nicht an die Bedeutung des Tages gedacht. Vor lauter Arbeit u. Lauferei gerade an diesem Tage nicht. Aber nachher umso mehr. Und heute, mein liebes Lieschen, nein gestern meine ich, als wir unser kaltes Mittagessen in Gestalt von Butterbrot u. kaltem Tee verzehrt hatten, da sollten Briefe geschrieben werden. Ich lag auf meinem Strohsacke. Wegener u. Himstedt saßen am Tische. „Mein liebes, gutes Lieschen“ las Himstedt als Anrede aus Wegeners angefangenem Briefe vor. Ja, Wegeners Frau war lieb und gut. Darum schreibe er so. Und nun war das Thema „Gute Frauen“ dran. Und wir alle stellten fest, daß unsere Frauen seien, wie deutsche Frauen sein sollen: treu u. ehrlich, wahr u. rein, fleißig u. sauber u. voll schöner Sorge für Mann u. Kind! Und als bei der Gelegenheit Wegener erzählte, daß er einst im Wäscheschranke seiner Frau ein Sparkassenbuch gefunden über 700 M für seinen Jungen, in das sie nach u. nach von erspartem Haushaltungsgelde eingezahlt, da habe ich mir gesagt, daß Du später zu den vielen anderen Sorgen auch noch die Verwaltung der Kasse wirst übernehmen müssen. Du hasts ja nun gelernt und wirsts auch viel besser machen als ichs je gekonnt.

Nun ists inzwischen 3/4 5 Uhr geworden. Die Kompagnie ist zurück, hat ihre Postsachen erhalten, u. draußen ists hell u. still geworden. Wir drei haben noch eine Flasche Bier getrunken. Wegener u. H. liegen schon auf Ihrem Strohsack, u. ich will auch heute Mittag weiterschreiben. Der Brief geht ja doch erst heute Abend fort.

Merkwürdig! Ihr steht auf! Wir gehen schlafen! Gott sei mit euch und uns!

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 5. Juni 1915

Sonnabd., nachm. 1/2 5 Uhr

Mein liebes Lieschen!

Jetzt ists also beinah 12 Stunden später. Wir haben bis 1/2 2 geschlafen, haben gegessen u uns gewaschen. Dann habe ich ein paar Karten beantwortet, die gestern Abd. doch noch mitgekommen waren. Von Onkel Fritz, Mine Hackemack u. Fr. Wortmann. Dessen Onkel ist ja hier auch gefallen u. ruht mit all den vielen anderen Lippern auch auf dem Soldatenfriedhof in Illies. So hat doch eigentlich das kleine Nienhagen schon verhältnismäßig viele Opfer bringen müssen. Und doch ists noch am traurigsten um den lieben Fritz Kordhanke. Daß er noch lebt, ist ja nun eigentlich nicht mehr anzunehmen. Aber auch über sein Ende wird man wohl nie etwas Bestimmtes erfahren. Und das ist doch eigentlich das Härteste für die Angehörigen. Mit feststehenden Tatsachen – u. seien sie noch so hart – findet sich das Herz immer leichter u. schneller ab, als mit so Ungewissem – selbst, wenn noch Hoffnungsschimmer bleiben. Kordhanke tut mir sehr leid.

Wie wirds nun mit Theos Leiche werden? Gelegentlich habe ich auch mit Kameraden über die Angelegenheit gesprochen. Aber alle – ohne Ausnahme – sagen: Nicht die Ruhe der Toten stören! Und wenn der liebe Theodor nicht so schön läge! Ich schriebs ja. Ich sehe schon im Geiste, wie das dankbare Vaterland all diese Ruhestätten seiner Helden würdig schmücken wird. Ich habe in Noyon und anderswo auf Friedhöfen Namen von bekannten Grafen- u. Adelsgeschlechtern gelesen. Niemand wird jetzt oder später daran denken, die sterblichen Überreste der Gefallenen in die Heimat zu holen. […] Was hilfts uns, wenn wir den Grabhügel, der unser Liebstes birgt, in nächster Nähe haben? Gewiß, dort läßt sichs beten besser als anderswo. Dort kann man sich ausweinen – satt und leichter als auf jedem anderen Fleck Erde. Man kann das Grab oft u. schön mit Blumen u. anderen Zeichen der Liebe schmücken. Aber sind wir dem Toten selbst darum näher? Fühlen wir uns deshalb inniger mit ihm verbunden? Nein, das, was unsterblich an uns ist, – nenns Seele, nenn es Geist – das umschwebt uns stets, wenn die treue Erinnerung uns mit dem verbindet, was der Tote in seinem Leben war. Und wer so großes Opfer hat gebracht, daß er sein Liebstes hinausziehen ließ in den Reihen der deutschen Söhne, daß er das Liebste bluten und sterben ließ zwischen Kameraden u. Freunden – der sollte auch noch das Opfer bringen, daß er den Gefallenen ruhen läßt auf dem Felde, das man das Feld der Ehre nennt.

Der Krieg macht alle gleich. Der Tod erst recht. Wenn wir im Schützengraben liegen, Mann an Mann – was heißt da Stand u. Rang? Und sieh, Liesi: Die allermeisten Deutschen können die Leichen ihrer Söhne nicht holen lassen. Und die es könnten, sollten es lassen. Das heißt doch eigentlich: Unterschiede noch im Tode machen. Und Unterschiede sollen und müssen wir verwischen. […] Ich glaube fest und sicher: Deutschlands Glück und Zukunft wird davon abhängen, ob wir Brücken schlagen gelernt haben über all die unglücklichen Klassen, die Gegensätze u. Abgründe, die die Volksschichten trennen. Anfänge sind gemacht. Und wenn der Krieg selbst nicht zu Ende führt, was jetzt begonnen, dann kommts nicht zu einem Ende. Und glaube keiner, daß die Liebe in den unteren Volksschichten geringer ist als oben. Ich habe rührende Briefe für unsere Leute gelesen von Weib u. Kind, von Vater u. Mutter!

Nun will ich schließen, I L.! Gott befohlen! Grüße an Paulchen u. Helmut! Grüße aber auch die l. Eltern, Lina u. Dina, He. Echterling! Heißesten Treuekuß aber Dir, m. l. Lieschen!

Dein ewig dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 6. Dezember 1915

Klein Hantay, Montag, den 6. Dezember 1915.

An meinen lieben Helmut!

Dein erster Geburtstag! Und Dein Vater immer noch im Felde wie heute vor einem Jahre auch. Und wer weiß, obs übers Jahr schon Friede ist! Schlimmer als vor einem Jahre rollt an der nahen Front u. gewaltiger der furchtbare Donner der Geschütze. Und dazu kämpfen wir einen schier aussichtslosen Kampf gegen die Elemente. Gegen das Wasser. Als ob uns die Natur immer wieder zeigen will, daß alle Weisheit u. Kunst u. Kraft der Menschen rein gar nichts bedeutet gegen ihre Gewalten. Wie klein ist doch trotz allem der Mensch!

Du fühlst u. ahnst noch nichts von allem dem. Wohl bist Du geboren worden als Dein Vater fern war. Wohl hast Du Dein erstes Lebensjahr ohne ihn leben müssen. Aber der Mutterliebe zarte Sorgen bewachten Deinen goldnen Morgen. Und als das herzig gute Mütterlein mal für 6 Wochen Dich hat verlassen müssen um ihrer gefährdeten Gesundheit willen, da hat’s Dir auch an treuer Liebe nicht gefehlt. Das hat Dein Vater selbst gesehen, als er am späten Abend des 1. September Dich leise geweckt u. in die Arme geschlossen hat. Und Du hast nicht geweint. Und hast dem fremden Mann nicht gewehrt. Du hast gelächelt sogar u. Dich vom Vater tragen lassen. Und still bist Du wieder eingeschlafen. Zwei Tage später kam’s Mütterlein heim, u. glückliche zwei Wochen sind gefolgt. Für uns alle.

Ein Kriegsjunge bist Du. Und unter Sorgen bist Du groß geworden. So groß, daß Du nun grad noch laufen gelernt hast vorm Geburtstage. Der Mutter Freude über den ersten Schritt ist auch des Vaters Freude gewesen. Wie er dann auch mit ihr gebangt u. gesorgt hat in jenen Vorfrühlingstagen dieses Jahres, als Du schwer krank gelegen hast. Gott hat geholfen. Und wenn Deine Gesundheit auch seit jenen Tagen nicht mehr ganz so widerstandsfähig scheint: Es wird schon wieder werden. Dein Mütterlein tut ja doch alles, was in ihren Kräften steht. Für Deinen größern Bruder wirst Du nun gar bald der Spielkamerad sein, der ihn gern u. oft zur Schule zieht.

Zwei gute Menschen sind heute an Deinem Geburtstage nicht mehr. Dein Patenonkel ist den schönen Heldentod für’s Vaterland gestorben. Er hat Dich nicht mehr gesehen. Das tote Großmütterlein hat sich noch über Dich freuen dürfen.

Gott mit Dir u. mit uns auch im neuen Lebensjahre! Ich bin Dein treuer Vater.


Feldpostbrief, 25. Dezember 1915

Im Apfelhofkeller, den 25. 12. 1915, Am 1. Weihnachtsfeiertage, abds. 6 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Da ist nun auch der 1. Feiertag wieder um, auf den ich mich eigentlich gefreut. Ich dachte immer noch an Reims im vorigen Jahre. An den „Frieden auf Erden“ wenigstens für den Weihnachtstag. Ich hatte ja von der schönen Schützengrabenfeier zwischen Franzosen und uns eigentlich nichts gesehen, weil ich bis Heiligen Abend in Charleville war, um Geschenke für die Kompagnie einzukaufen. Damals war heller Mondenschein und bitterkalter Frost. Am gleichen Abend war die Kompagnie auch in den Graben gerückt. Am 1. Feiertage bin ich dann noch mit August zusammengewesen u. abends bin ich dann bei schönem Frost auch in den Graben gegangen.

Wie ganz anders diesmal! Statt des trockenen Frostes Regen. Statt der feierlichen Stille diesmal ein Artilleriekampf durch die ganze Nacht. Ohne Aufhören beinahe. Wohl haben auch ein paar von unsern Leuten um 12 Uhr in der Heiligen Nacht, so gut es gehen wollte, Weihnachtslieder gesungen. Aber keine Antwort klang von drüben. Schon möglich, daß der Wind die Klänge bis an die englischen Gräben gar nicht hat kommen lassen. Ich kann u. mag es doch nicht glauben, daß Haß u. Bosheit so gewachsen sein sollen im letzten blutigen Kriegsjahre, daß die Menschen sich nicht mehr dem heiligen Zauber der Christnacht hingeben können. Da sei doch Gott davor!

Zwischen 12 u. 1 in voriger Nacht stand ich draußen. Der Regen hatte gottlob aufgehört. Der Mond stand hoch. Von allen Seiten wetterleuchtete es. Herüber und hinüber sausten die verderbenbringenden heulenden Geschosse der Artillerie. Dazwischen die einzelnen Schüsse wachsamer Posten und das unheimliche Rattern der Maschinengewehre. Aber ich war mit meinen Gedanken bei Euch.

Ihr wart ja sicher längst zur Ruh. Vielleicht hatte aber gerade klein Helmut geweckt. Aber sicher stand im großen Zimmer das geschmückte Tannenbäumchen, das unsere Lieblinge erfreuen u. auch lieb Mütterlein neue Hoffnung ins sorgenvolle Herz geben sollte. Vielleicht hatte auch Bübchens lebhafte Phantasie ihm im Traume schon etwas von dem gezeigt, was der neue Morgen ihm Schönes bringen sollte.

Dann habe ich noch eine Tasse Kaffee getrunken und Bübchens Plätzchen dazu gegessen. Das hat mir so gut geschmeckt. Dann habe ich fest u. gut geschlafen wie schon lange nicht mehr.

Post war gestern Abend von Dir nicht da. Hoffentlich heute. Gott befohlen, m.l.L.! Seid alle drei herzlichst gegrüßt u. geküsst von Eurem treuen

Vater

Leider kam auch heute keine Post von Dir. Aber Rudolf schrieb u. Lieschen und Friedr. Aus Düsseldorf. Gruß und Kuß!

Dein Paul


Feldpostbrief, 28. Januar 1916

Huvet, 28.1.16.

Mich hat’s aufrichtig gefreut, als bei Kaisers Geburtstagsfeier es zum Ausdruck kam, wie hoch die Leute den Hauptmann schätzen. Obwohl er der einzige Gardehauptmann noch im Regiment ist, der eine Kompagnie hat, ist’s ihm nicht zu wenig, Kompagnieführer zu sein. Und wenn ihm auch die Gabe fehlt, mit Leuten umzugehen, so schätzt doch jeder an ihm die Strenge, Gerechtigkeitsliebe und den persönlichen Mut. Bei jedem Gefecht zu Anfang des Krieges ist er der Kompagnie vorangegangen. Und wenn einer das Eiserne Kreuz 1. Klasse im Regiment verdient hat, dann ist er’s.

Also Kaisers Geburtstag! Ursprünglich war ja für den 27. Januar ein großer Marsch vorgesehen. Wir waren auch schon 1/2 Stunde weit marschiert, als Gegenbefehl kam. Da gings zurück zu unserm Exerzierplatze. Dort wurde unser Bataillon aufgestellt, u. der Major hielt eine Ansprache. Dann folgte ein Parademarsch. Die Leute wurden entlassen, aber wir Offiziere hatten um 12 Uhr in Peronne ein kaltes Sektfrühstück. Die Musik spielte. Die Glocken läuteten, u. soweit Fahnen da waren, wurden die Häuser beflaggt. Die Kompagniefeiern fanden abends statt. Um 6 Uhr aßen wir gemeinsam. Der Hauptmann hatte wieder Sekt auffahren lassen. Und als wir aufstanden, hatte ich so ziemlich mein Teil. Da gabs ein unvergeßlich schönes Bild. Von Peronne her sahen wir den Fackelzug kommen. Genau wie sonst im Frieden. Die Militärmusik voran und dann die lange Reihe von Pechfackeln. Vor unserer Fabrik hielt der Zug. Unser Hauptmann brachte das Kaiserhoch aus. Heil Dir im Siegeskranz. „Helm ab zum Gebet“ u. „Ich bete an die Macht der Liebe“. Dann wurden die Fackeln zusammengeworfen u. die Kompagniefeiern begannen.

Wir feierten oben auf dem großen Saale unserer Fabrik. Der war von unsern Handwerkern und Malern hübsch ausgeschmückt u. sah nun im Glanz der elektrischen Birnen u. der Kerzen festlich aus. Es gab reichlich Bier, u. unsere Leute waren denn auch bald in wirklich vergnügter Stimmung. Um 11 Uhr war Schluß. Die paar Stunden waren geflogen. Manch schönes Gedicht wurde vorgetragen, manch schönes Lied gesungen. Drei Lieder hatten wir auch im Gesangverein glücklich zustande gebracht. Vielleicht üben wir im Verein auch weiter. […]

1000herzl. Grüße und Küsse Dir u. den Buben!

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 3. März 1916

In Reservestellung „Stützpunkt“ am La B. -Kanal,Freitag, d. 3. März 1916, nachm. 3/4 2 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Gestern abend kam von Dir nichts. Nach dem lieben langen Sonntagsbriefe von vorgestern erwartete ich’s ja allerdings auch kaum anders. Auch die Pakete sind noch nicht da! Sie gebrauchen natürlich stets einige Tage länger.

Gestern abend hätte ich mich auch über einen Brief von Dir kaum mal richtig freuen können. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Und weil wir Offiziere hier in der Reservestellung rein garnichts zu tun haben, so haben Kandelhardt, Wegener und ich im Anschluß an unser Mittagessen gestern nachmittag ein Gläschen von dem uns gegen Magenbeschwerden und vielleicht schädliches Trinkwasser gelieferten Rum nach dem andern getrunken. Bis es zu viel geworden war. Das merkte aber keiner eher, als bis wir den Unterstand verließen und ans Tageslicht kamen. Da war einer viel mehr gesprächig als der andere. Wir kamen allerdings fast im gleichen Augenblick wieder zur Besinnung, als bei den 16ern, links vom Kanal, gewaltige weiße Wolken aufstiegen. Natürlich Gasangriff. Aber der Wind kam falsch. Zudem hatten einige Leute gesehen, daß gewaltige Erdmassen hochgeschleudert worden seien. Und bald erfuhren wir auch, daß die Engländer vor Regiment 16 gesprengt hatten. Der Dampf war also Pulverdampf gewesen. Bei solchen Sprengungen entstehen Erdtrichter, in denen unser ganzes Haus bequem verschwinden könnte. Solche Trichter werden dann vom Gegner sofort besetzt, und es kostet meistens viel Blut, ihn wieder zu vertreiben. Versucht wirds aber stets, u. sehr häufig endet die Sache so, daß den einen Rand des Trichters die Engländer besetzt halten und den andern wir. Das gibt natürlich schlechte Nachbarschaft.

Um solche Sprengungen ausführen zu können, werden lange unterirdische Gänge (Minen oder Stollen) getrieben, oft in 20 u. mehr m Tiefe. Daran arbeiten besondere Kompagnien, Bergkompagnien, meist aus Bergleuten zusammengestellt, und oft bis unter den feindlichen Gräben durch. Eine furchtbar mühselige Arbeit. Damit der Gegner nicht aufmerksam wird, wird die Erde mit Taschenmessern losgeschabt und mit Händen in Sandsäcke gefüllt. Die werden herausgeschafft und nachts ausgeschüttet. Ab und zu wird eine längere Pause gemacht u. gehorcht, ob nicht über, unter oder neben uns schon die Gegner arbeiten. Das wird mit Hilfe von ganz feinen Apparaten festgestellt, die jede Erderschütterung sofort anzeigen. Hört man vom Gegner etwas, dann wird alles für eine Sprengung vorbereitet, und im geeigneten Augenblicke läßt man die ganze Geschichte in die Luft fliegen. So ist ja auch Rudolf damals verschüttet worden. Wie gestern Abend die Sache ausgelaufen ist, wissen wir noch nicht. Jedenfalls setzte auf beiden Seiten sofort die schwere Artillerie ein. An unserm Kanalufer war’s ganz ruhig, und so konnten wir vom Kanal aus ungestört beobachten. Es war ein schaurig schönes Schauspiel, als es dämmerig wurde. Ein Schrapnel platzte neben dem andern in feurigem Kranze. Dazwischen gingen die warnenden roten Leuchtkugeln hoch, und das Artillerieduell steigerte sich rasch zu derartiger Heftigkeit, daß wohl kaum die Infanterie den Graben verlassen hat.

Als ich in meinen Unterstand kam, fühlte ich mich so müde, daß ich sofort eingeschlafen bin. Gut, daß Dein Brief fertig war! Schreiben hätte ich nicht mehr können.

Heute morgen regnete es. Trotzdem habe ich mit Kandelhardt wieder einen Spaziergang gemacht. Quer durch La Bassée. Was ist aus der unglücklichen Stadt in den paar Wochen geworden, die ich sie nicht mehr gesehen! Die alte schöne Kirche ist ein Steinhaufen, dem niemand mehr ansieht, daß er einst ein Gotteshaus war. Und noch immer schießt Tag für Tag die englische Artillerie in die tote Stadt. Unsern Feldgrauen, die in den Kellern hausen, macht das nichts.

Gott befohlen, Liesi! Mir geht’s gut. Euch hoffentlich auch! Grüße alle, seid aber besonders Ihr drei Liebsten herzlichst gegrüßt u. geküßt von

Eurem treuen Vater.


Feldpostbrief, 6. März 1916

Im Schützengraben am La Bassée-Kanal, Montag, den 6. März 1916, 1/2 1 Uhr m.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Herzlichsten Dank für Deine lieben langen Briefe vom 1. und 2. März! Die kamen beide gestern abend schon, obgleich der letztere erst am 3. März gestempelt war. Da gibts nun heute abend gewiß wieder nichts. Schade! Ich hätte auf den einen Brief gestern abend gern noch verzichtet. Auch Lina schrieb. Wieder recht mutlos und ohne Vertrauen auf die Zukunft. Rudolf schrieb gleichfalls vom 1. u. 2. März. Wenig. Aber auch nichts von Sturm u. Angriff.

Du, mein Lieb, hast vielleicht aus meinen letzten Briefen Vorwürfe herausgelesen über zu weniges Schreiben, weil Du nun gleich 2 lange Briefe schickst u. für den folgenden Tag auf meine Briefe einzugehen versprichst. So ist’s aber ganz gewiß nicht gemeint gewesen, Liesi! Ich war natürlich wohl mal mißgestimmt, wenn 2 oder 3 Tage lang – ganz ohne Deine Schuld – nichts kam. Aber mit Karten bin ich gern zufrieden, zumal ich ja nun auch weiß, daß klein Helmut würdig in Paulchens Fußstapfen tritt, wenn er Dich beim Schreiben so gern stört [Anm.: Söhne des Verfassers]. Und dann denkst Du schon an Gartenarbeit, l. L.! Da weiß ich genau, wie dann mit der Zeit hausgehalten werden muß.

Aber daß es schon so abgetrocknet ist bei Euch, daß Bubi auf Sandhaufen spielen und Helmut im Garten laufen kann! Deine Freude kann ich mir vorstellen, als d. kleine Liebling, der gerade vor einem Jahre jetzt uns soviel Sorge machte, zum erstenmale draußen lief, hinter den Hühnern, die er ja immer schon mit stillem Interesse vom Küchenfenster aus beobachtete, wenn ich ihn auf dem Arme trug. Wegen seines Sprechens mache ich mir keine Gedanken. Ich glaube auch, daß das auf einmal kommt. Und dann ist der Junge doch auch heute erst 1 1/4 Jahr alt. Dabei wissen wir ihn geistig völlig gesund. Aus dem „Gröbsten“ ist er ja nun auch heraus. Und wenn erst der Sommer ins Land kommt, wird ja auch Helmut Dich weniger in Anspruch nehmen. Er ist dann doch beinah so alt als Bub bei meinem Abschiede war.

Ja, Liesi, wie schön könnt’s sein, wenn Friede wär! So schön, daß ich’s mir nicht ausmalen kann. Wir beide uns ganz und für immer wiedergegeben! Uns und unsern Kindern! Wenn uns dann auch die Kriegsjahre nicht angerechnet würden u. wir die Zeit noch mal verleben dürften! Beinahe zwei Jahre! Jahre, die unwiederbringlich dahin sind. Allerdings nicht verloren! Wir haben doch viel gelernt. Und mir scheint, jetzt, wo Not und Entbehrungen wachsen, da lernen auch solche Leute daheim etwas, die bislang unberührt hindurchgingen durch die Schrecken und den Graus des unglückseligen Krieges. Und ehe das deutsche Volk den bitteren Kelch nicht bis zur Neige getrunken, wird auch nicht Friede werden. Sonst wäre ja der Krieg nicht das Ungewitter gewesen, das die Luft reinigen will von Schmutz und von Gift.

Bub, meinst Du, l. L., gäbe mal einen Landwirt ab. Etwas schüchtern‘ meinst Du das. Warum? Habe ich etwas gegen den Beruf? Gewiß nicht. Wenn er Lust hätte später und ich könnte nicht mehr raten helfen – laß ihm gern seinen Willen. Mir ist’s genau so recht und lieb als wenn er Offizier werden will oder Lust zum Studieren zeigen sollte. Wer mit einem Zukunftskriege rechnet, dem mags einerlei sein, ob sein Junge des Königs Rock für immer trägt oder nur für 1 Jahr. Verschont wird später ein gesunder Deutscher so wenig als jetzt.

Aber für körperliche Gesundheit unserer Jungen wollen wir alles tun, l. L.! Ob Bub nicht jetzt schon an einem kleinen Schwebereck, das zugleich Schaukel sein kann und das im Sommer draußen und im Winter im Hause angebracht werden kann, Freude hätte? Gustav hilft Dir sicher gern raten und das Reck kaufen u. anbringen. Turnen macht den Körper gelenkig und stählt nicht bloß die Muskeln, sondern auch den Mut und die Tatkraft. Überleg Dir bitte mal die Sache! – Nun muß ich schon schließen. Vielleicht schreibe ich aber heute abend schon wieder, da ich doch bis 12 Uhr Dienst habe. Wir hatten vorige Nacht wieder viel Schnee.

Gott befohlen, Liesi! Grüß und küß die Jungen u. sei auch du herzlichst geküßt

von Deinem treuen Paul


Feldpostbrief, 14. März 1916

Huvet bei Péronne, den 14. März 1916, Dienstag, des nachmittags 3 Uhr

Mein liebes, gutes Lieschen!

Da ich noch einige Zeit im Kriegstagebuche nachzutragen hatte, bin ich heute nachmittag vom Dienst zurückgeblieben. Man findet ja sonst auch kaum Zeit. Morgens sind wir zwar stets um 1/2 12 zurück, u. um 3 Uhr beginnt der Dienst erst wieder. Aber die Frühlingsluft macht so müde, daß man die paar Mittagsstunden für die Ruhe unbedingt nötig hat. Da haben wir uns denn auch eine Bank in die Sonne gerückt und sowohl vor als nach dem Essen uns eine ganze Stunde lang gesonnt. Das tut wohl, besonders, wenn man beim Exerzieren schon geschwitzt hat.

Weil dann nachmittags der Dienst meist bis 1/2 5 dauert und von 5-6 noch Reitunterricht ist, wird die Zeit sehr knapp. Abends bleibt man nach dem gemeinschaftlichen Essen auch meist noch eine Zeitlang sitzen, u. dann fehlt schon die Lust, noch irgend etwas anzufangen. Ich gehe daher auch meist früh zu Bett.

Sonderbar, wie doch die Frühlingsluft immer und immer wieder angreift! Der erste Schweiß macht furchtbar schlaff. Und trotzdem fühle ich, wie das dem Körper wohl tut. Nachts schlafe ich dann auch jedesmal vorzüglich.

Ein Vergnügen ist’s auch hier wieder, den Frühling kommen zu sehen. Wenn nur nicht die Sehnsucht nach der Heimat und dem Frieden so wüchse! Wie schön habe ich mir gerade die Frühlingstage gedacht, wenn ich mit Bubi losziehen wollte in den lachenden Sonnenschein hinein. Jetzt ist der Junge soweit, aber immer noch ist Krieg. Immer noch. Und wie lange wohl noch? Glaubst Du auch, Liesi, daß wir nun, wo des Winters Schrecken und Schwierigkeiten überwunden erscheinen, schon wieder an den nächsten Winter denken? Gebe Gott, daß unsere Sorge zu weit reicht! Aber man rechnet ja doch nun schließlich mit allem. Wer hat denn jetzt vor einem Jahr ernstlich mit einem Winterfeldzuge gerechnet? Aber wir wollen nicht zu weit voraus rechnen! So plötzlich der Krieg kam, so schnell kann ja auch sein Ende kommen. Irgendwo und irgendwann muß ja mal der ehrliche Mut gefunden werden zu sagen: Es geht nicht mehr; jede Fortsetzung des Krieges ist Wahnsinn. Zwar wir werden’s nicht sagen können, und unsere Feinde werden’s nicht sagen wollen. Und dennoch! […]

Gott befohlen, m. Lieb! Seid alle drei herzlichst gegrüßt

von Eurem treuen Vater.


Feldpostbrief, 25. März 1916

In Reservestellung „Stützpunkt“ am Kanal, Sonnabend, d. 25.3.16, morgens 1/2 11 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Da liegen wir nun glücklich wieder drin im Graben. Vorläufig noch in der Reservestellung. Da gewöhnen wir uns so langsam wieder an den Betrieb. In 4 Tagen geht’s dann nach vorn.

Ein tolleres Schneetreiben habe ich im Kriege noch nicht mitgemacht als gestern abend auf dem Marsche hierher. Wir wurden in Fretin noch mit Musik zum Bahnhofe gebracht, und eigenartige Gefühle löst es dann jedesmal aus, wenn dort zum Abschiede das Regimentslied „Die Nummer 55 trägt unser Regiment“ und das alte schöne „Muß i denn, muß i denn zum Städelein hinaus“ gespielt wird. Fast glaubte ich auch schon an besseres Wetter. Es war so hell und klar, als wir aus Huvet abrückten. Aber schon während der Bahnfahrt gab’s wieder Schnee, und als wir gegen 9 Uhr vom Bahnhof Salomé abrückten, konnte man kaum die Hand vor Augen sehen, so dicht fielen die Flocken. Der nasse Schnee blieb auf Helm und Mantel und Tornister liegen, und dabei watete man tief in Schlamm und Wasser. Geschmolzener Schnee macht doch am raschesten die Wege grundlos. Glücklicherweise war’s während des ganzen Weges vollkommen ruhig. Es fiel kein Artillerieschuß. Und weil wir die Stellung kannten, fand sich trotz der Dunkelheit alles schnell zurecht.

Ich löste Niedieck ab, der die 10. Kompagnie führt. Unser Hauptmann löst nämlich den Major ab und führt im Graben die Kompagnie nicht. Niedieck, meinen alten lieben ersten Kompagnieführer, hatte ich lange nicht gesehen. Mir schien’s, als ob er etwas von seinem schlagfertigen goldenen Humor eingebüßt hätte. Der Krieg dauert aber ja auch zulange! Eigentümlich ist mir nur, daß gerade einige ältere Herren treu und wacker aushalten – außer Niedieck haben wir z.B. noch einige alte Hauptleute – während wer weiß wie viele jüngere Offiziere gekommen und gegangen sind. Beinah ist’s, als ob wir Älteren auch die Widerstandsfähigeren sind. […]

Heute ist’s nun wieder sonnenhell und klar. Die letzten Reste des tiefen Schnees werden bald geschwunden sein, und die trockenen Märzwinde werden schnell die Gräben wieder einigermaßen wohnlich und die Wege gangbar machen. Des Jahres schlimmste Zeit ist ja gerade für unsere Gegend ohne Frage vorbei. Aber wenn das Wasser nicht mehr droht, dann drohen wie Gespenster die Offensiven. Es wäre ja kaum faßbar, wenn die Engländer nichts machen wollten. Günstig für größere Unternehmungen wird allerdings das Gelände erst im Mai. Und vorher werden auch unsere Gegner ihre durch Verdun völlig über den Haufen geworfenen Pläne kaum neu aufstellen können. Wir müssen eben mit Ruhe die Zukunft erwarten. Gott schütze uns! – Ich bin mit herzl. Gruß an alle und mit heißen Küssen für Euch drei stets und ganz

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 2. April 1916

Cysoing, den 2. April 1916, Am Sonntagnachmittag 3 Uhr

Mein liebes, gutes Lieschen!

Einen schönern Sonntag habe ich im Kriege noch nicht erlebt. Der Himmel fleckenlos blau. Freundlich lacht die wärmende Sonne nieder, als wolle sie alle schlummernden Kräfte und Triebe der Natur auf einmal wecken zu neuem Leben. Vor meinem Fenster liegt der große Weideplatz eines ansehnlichen Bauerngehöfts – ich wohne am Ausgange nach Couson – und als Wächter am Saume der grünen Weiden steht ein prachtvoller Kastanienbaum. Dessen Blätterknospen schimmerten vor Tagen im hellen Sonnenschein noch wie weiße Lichtchen. Heute zeigen sie schon saftiges, sattes Grün. Und gestern Abend im letzten verglimmenden Sonnenstrahl zwitscherten hoch oben im höchsten Wipfel plaudernde Stare der scheidenden Sonne letzte Grüße nach. Der Frühling hat gesiegt. Nun kann kein Winter Macht mehr gewinnen. Ich habe den schönen Morgen in vollen Zügen genossen. Um 1/2 10 war in der Kirche Gottesdienst durch Pastor Müller. Dann bin ich gleich spazieren gegangen. Mit einem Fahnenjunker von den 16ern, der den Schützengraben noch nicht hat aushalten können und den man hier zum Feld-Ersatz-Bataillon geschickt hat. Der arme Kerl sieht auch wirklich elend aus, wird aber sicher mal ein guter Offizier, wenn er wieder völlig gesund wird.

Und hier kann man genesen. Hinter den beiden Schlössern, in deren einem wir unser Kasino haben, liegt ein Park, wie ihn ein Badeort oder ein Sanatorium nicht größer und schöner haben kann. Am Schlosse zuerst sehr schöne Blumenanlagen, die durch Gärtner gut in Ordnung gehalten werden. Dann schließen sich breite Wege an, die zu beiden Seiten breite saubere Wassergräben haben, die von alten Bäumen beschattet werden. Zwei selten schöne Schwäne beleben das sonst so friedliche Bild. In einem Gondelhause liegen Kähne und Boote und laden zum Rudern ein. Das muß an lauen Sommerabenden wunderbar sein. In eigenartiger Laune hat einer der Besitzer all dieser Herrlichkeit nicht weit vom Schlosse eine Steingrotte bauen lassen, in die ein langer finsterer Gang hineinführt. Die Grotte empfängt ihr einziges Licht durch Fenster aus rotem Glas. Wenn man sich an das Licht gewöhnt hat, entdeckt das erschreckte Auge an der Hinterwand hängend zwei menschliche Skelette. Ein männliches und ein weibliches. Was soll das wohl? Befreit atmet man auf, wenn draußen wieder Sonnenlicht und Frühlingszauber uns umfluten.

Die Besitzer all der schönen Landsitze, wie man sie hier in fast jedem Dorfe findet, sind meist reiche Industrielle aus den großen französischen Fabrikstädten Lille, Tourcoing und Roubaix. Im Winter wohnen sie wohl alle im schönen Lille, wo sie sich auch jetzt aufhalten, soweit sie nicht nach Paris geflüchtet sind, oder als Offiziere im französischen Heere stehen. Meist sind aber überall Schloßverwalter und Köchinnen zurückgeblieben, und wer nun als Ortskommandant Bewohner eines solchen Schlosses wird, dem stehen alle Räume und alle Einrichtungen zur Verfügung. Kein Zimmer ist verschlossen. Dafür wird aber auch geschont soviel es möglich ist. Das Eigentum bleibt jedenfalls voll und ganz erhalten. Ob’s wohl Franzosen und Russen bei uns auch so machten?

Das Feldersatzbataillon hat auch ein Theater eingerichtet. Gestern abend war ich drin. Komiker, Zauberkünstler, alles Mögliche! Eingerichtet ist alles vom Adjutanten beim Ersatzbtl., dem Ltn. Junkermann, der selbst Schauspieler und ein Sohn des berühmten Reuter-Darstellers Junkermann ist, der auch oft in Detmold war. Der schon 50jährige Sohn gleicht dem Vater aufs Haar. Du siehst, m.l.L., hier lebt man wie in der Sommerfrische. Hier hält man den Krieg schon aus. Und warum Sorgen machen über kommende Tage? Wer weiß, was man mit uns vorhat? Bis zum 14. April dürfen auffallenderweise Leute beurlaubt werden. Da ist ja auch wohl die Postsperre wieder aufgehoben. – Gott befohlen, mein Lieb!

Treue Grüße u. heiße Küsse!

Euer treuer Vater.


Feldpostbrief, 6. April 1916

Cysoing, den 6. April 1916, am Donnerstagnachm. 1/2 5 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

[…] Heute morgen fand die Besichtigung des Kompagnieführerkursus statt. Es war der 9. u. soll der letzte sein. In einer Ansprache betonte der Kommandierende General, daß er fest u. zuversichtlich auf eine Verwendung seines 7. Korps in einem Bewegungskriege hoffe. Die Ruhezeit, die 2 und 3 Wochen und noch länger dauern könne, müsse daher der Vorbereitung für den Bewegungskrieg dienen. Daß und ob wir nun nächstens irgendwo angreifen sollen, ist damit natürlich keineswegs gesagt. Vielleicht liegen wir, ehe wir’s ahnen, schon wieder irgendwo im Schützengraben. Sorgen und Gedanken für die Zukunft macht sich jedenfalls keiner von uns. Und Du sollst das auch nicht, mein l. Lieschen! Zumal ja noch keineswegs feststeht, daß wir beim 7. Korps bleiben.

Über eins dürfen wir uns freuen: Daß nun 4 mal nacheinander unsere Luftschiffe in England gewesen sind. Man war schon besorgt, daß unsere Regierung aus irgendwelchen unverständlichen Gründen die scharfe Waffe unserer schönen U-Boote und gefürchteten Luftschiffe gegen England nicht voll und ganz anwenden wolle. Besonders der Kaiser soll dagegen gewesen sein. England hätte uns das natürlich nur als Schwäche ausgelegt. Das hätte aber ohne Frage den unglückseligen Krieg nur verlängert. Ich meine daher, daß wir alle unsere Mittel rücksichtslos anwenden müssen, um unsere Gegner niederzuringen. Als Barbaren sind wir ja nun doch mal verschrieen. Und würden wohl unsere Feinde mit der Anwendung der Mittel zögern, wenn sie die hätten? Ganz gewiß nicht. […]

Hier ist’s wieder ungemütlich kalt. Heute morgen habe ich ohne Mantel gefroren. Heute abend sind wir zum Abschiedsfeste des Kompagnieführerkursus eingeladen. Vielleicht gehe ich hin. – Allen Lieben herzliche Grüße! Dir und unsern Jungen ein treues „Gott befohlen!“ u. heiße Küsse!

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 23. April 1916

Bahnhof Willemeau-Froidmont, 23.4.16, am Ostersonntag, nachm. 3/4 4 Uhr.

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Da haben wir nun doch noch Osterwetter bekommen. Nicht strahlend hellen Sonnenschein. Aber darauf hoffte ja auch schon keiner mehr, als vorige Nacht noch der Regen unaufhörlich strömte. Da traute ich ja meinen Augen nicht, als heute morgen die Sonne ins Schlafzimmer schien. Und noch mehr hats mich gewundert, daß sich das Wetter so gehalten hat bisher. Es ist ziemlich frisch und windig. Ab und zu bringt die Sonne mehr Wärme.

Ich habe bis 10 Uhr geschlafen. Um 11 Uhr war beim Schlosse in Froidmont Gottesdienst durch Pastor Müller. Er sprach über „Ich lebe, und Ihr sollt auch leben!“ Es hat mir gefallen. Kandelhardt und ich haben dann allein gegessen, weil unser Hauptmann die Feiertage über in Gent und Brügge ist.

Gleich nach dem Essen war vorm Kasino in Froidmont Promenadenkonzert unserer Kapelle und anschließend auch vor der Kirche in Froidmont. Wir haben seit 8 Tagen einen neuen Musikmeister. Der war früher bei der Regimentsmusik der 16er und scheint seine Sache zu verstehen. Man merkte heute schon, wie unsere Kapelle weiter gekommen ist. In kurzer Zeit ist unsere Musik nun jedenfalls auf der Höhe. Bisher dirigierte sie ein Gefreiter, und der besaß nicht die nötige Autorität. – Unsere meisten Leute haben heute Urlaub nach Tournai. Die Stadt ist ja auch zu schön. Wenn ich sie nicht schon so gründlich kennte, würde ich auch hingegangen sein.

Abends 6 Uhr.

Soeben komme ich von Kandelhardt. Der wohnt dicht nebenan in einem Estaminat, einer Wirtschaft, Bahnhofsrestaurant. Dafür holte mich unser Unterarzt Schlarb vorhin ab, u. wir haben dort eine Tasse Kaffee getrunken. Unsere beiden Haustöchter waren auch da. Und weil ein nettes Phonografeninstrument dort ist, haben wir vergnügte Stunden verlebt. Der Doktor hat sogar mal ein Tänzchen versucht. Es mag ja nicht recht sein. Aber andererseits verstehe ich so junge Leute auch. Zudem sind ja die Töchter unseres Bahnhofsvorstehers sehr anständige Mädchen.

Sehr niedergedrückt hat unsere Stimmung vorhin aber ein Extrablatt des belgischen Kuriers. Danach ist der Krieg mit Amerika nun wohl nicht mehr zu vermeiden. Und unser alter braver tüchtiger Generalfeldmarschall Freiherr v. d. Goltz ist tot? Unser treuer Eckstein in der Türkei, wo wohl längst schon alles nicht mehr ist, wie es sein sollte. Da waren wir nun gerade so weit, daß scheinbar alles günstig stand für uns – und nun kommt’s wie ein Blitz aus heiterm Himmel wieder so! Es wird uns Deutschen doch furchtbar schwer gemacht. Fast sollte man verzweifeln am glücklichen Endausgange. Alles Unglück häuft sich. Aber wir lernen wieder zu dem beten, der schließlich allein noch helfen kann. Wenn tatsächlich Amerika eingreift, dann bedeutet das eine Verlängerung des unglückseligen Weltkrieges
um lange Monate. […]

Gott schütze uns alle, mein teures Lieb! Ich bin und bleibe mit treuestem Gruß und Kuß für Dich und unsere Buben ganz Dein

Dich liebender Paul.


Feldpostbrief, 2. Mai 1916

Willemeau bei Tournai
Am Dienstag, 2. Mai 1916, abds. 6 Uhr

Mein liebes Lieschen!

Nun steht schon eure schöne Photographie vor mir, die Du am Sonnabend mit den Handschuhen abgeschickt hast. Ich habe mich herzlich gefreut, auch wenn mein Frauchen ein Kopftuch um hat. Du siehst doch sonst ganz frisch aus.

Aber was ist mit Bub? Der macht ein Gesicht wie Krankenstube und als obs ihm schwer werde, das Köpfchen hoch zu halten. Wie ganz anders der kleine Dicke! Dem scheint zwar auch was nicht zu passen, aber er strotzt doch vor Gesundheit. Und du hast recht, Liesi, wenn du neulich schriebst, daß er immer niedlicher werde. Hübsch wie ein kleines, niedliches Mädel! So hatte ich ihn mir gar nicht vorgestellt! Ich bin stolz auf unsern Jüngsten. Aber am meisten sehne ich mich nach unserm Buben. Wie kann ich mir den flinken kleinen Burschen jedes Mal denken, wenn Du mir Worte von ihm mitteilst! Die Sonne wird ihm ja auch längst wieder rote Backen gemacht haben.

Gestern kam Dein l. Brief vom Freitag. Da kann ja nun plötzlich Helmut auch reden, wenn auch wohl nicht viel. Aber das soll schon noch werden. Und Bubi scheint ja recht weise Reden zu führen, wenn er noch nicht weiß, „wann“ er wieder Dein Junge werden will. So etwas muß ja zu interessant sein. Schade, daß ich die Entwicklung bei beiden nicht mit erlebe.

Während ich nach Rudolfs letzter Karte bestimmt annehmen mußte, daß sein Rgt. Herausgezogen sei, schreibt er heute vom 28.4. wieder von Verdun. Der arme Kerl! Er scheint wieder ziemlich fertig zu sein. – Hier ist’s heute den ganzen Tag drückend schwül gewesen. Nun donnerts. Ob’s aber zum Regnen kommt? Nötig genug wäre schon mal ein Schauer wieder. Daß Ihr im Garten reichlich Arbeit habt, kann ich mir lebhaft denken, zumal wenn auch auf dem Felde die Kartoffeln noch gepflanzt werden müssen. Das alles darf Dich aber nicht verleiten, Liesi, selbst mit zuzugreifen! – Wir hatten heute ziemlich viel Dienst. Für die Kaiserparade gibt’s ja noch allerlei zu tun. Um 6 morgens steht man auf. Eigentlich also um 5 Uhr.

Gott befohlen, mein Lieb! Grüß u. küß mir beide Jungen, sei aber vor allem Du heiß geküßt von

Deinem treuen Paul.


Feldpostbrief, 20. Mai 1916

Bapaume, Rue d’Arras 18, den 20. Mai 1916.
am Sonnabendnachmittag 3 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Was sind das für herrliche Maientage. Du lebst doch nun auch sicher wieder auf! Ich lebe ganz der Erinnerung an die gleichen Tage im Vorjahre. Genau dasselbe Wetter. Gestern abend war’s ein Jahr, daß wir zum erstenmale in die elenden Gräben bei La Bassée kamen. Und heute vor einem Jahre begann das englische Trommelfeuer. Der Hauptmann war gleich nachts weggeholt. Er mußte das Batl. führen. Und ich die Kompagnie. Essen gab’s nicht. Trinken auch nicht. Da sammelten wir am 21. das Regenwasser auf Zeltbahnen u. gruben Löcher, aus denen wir schöpften. Einerlei, wie das Wasser beschaffen war. Ich hatte zum Glück Bansitropfen u. eine Zitrone u. einige Stück Zucker. So hab‘ ich’s ausgehalten.

Am 22. morgens 2 Uhr kamen dann die Gurkhas. Wir siegten. Und wurden abends abgelöst. In mildem, erlösenden Gewitterregen. Am Sonnabend vor Pfingsten. Und dann kam Pfingsten selbst mit strahlender Festessonne, aber mit dem Treuebruch Italiens u. Deiner Nachricht von Theos Tode. Und erneutem wahnsinnigen Artilleriefeuer der Engländer. Da war mir alles gleich. – Und nun empfängt gerade jetzt Italien den Lohn für seinen Verrat! Beinah‘, als ob der rächende Gott der Weltgeschichte das so gewollt hat. 10000 gefangene Italiener werden heute gemeldet. Und die deutsche Mauer, die vorm Jahre so ernstlich bedroht schien, sie steht fester denn je zuvor. Gott wird auch weiter helfen.

Gestern wurden hier 3 Soldaten beerdigt. Ein Artillerist vom Nordseestrande, ein Infanterist vom Fuße des Schwarzwaldes u. ein Engländer. Freund u. Feind in einem Grabe. So feierlich sollt’s eigentlich bei jeder Beerdigung sein! Die Rgtskapelle des Res.Inf.Rgts. 110 spielte herrliche Trauermärsche. Zwei Hilfsgeistliche, ein evangel. Leutnant, ein kathol. Gefreiter, sprachen am Grabe. Und gar der Friedhof selbst! Das ist nun doch der schönste, den ich bisher gesehen. Das 14. Res. Korps hat ein ergreifend schönes Denkmal gesetzt. Inschrift: „Wir neigen das Haupt vor unsern Toten – die furchtlos u. treu ihr Leben boten. – Was sterblich war, brachten wir hier zur Ruh‘ – ihr Geist zog befreit der Heimat zu. – Den in der Umgebung von Bapaume gefallenen Kameraden zollt seinen Dank durch dieses Denkmal das 14. Res. Korps. 1914 – 1915.“

Dicht davor steht das Denkmal für die 1870/71 gefallenen Franzosen. Auf dem Friedhof selbst liegt ein am 3. Jan. 1871 gefallener Artillerie Seconde Ltn. Rechts von ihm u. links ruhen nun die deutschen Offiziere von 1914-1916. Unterschiede gibts nicht. Unsere Soldaten haben die Gräber der Franzosen u. Engländer genau so geschmückt wie die deutschen Gräber. […]

Gott sei mit Euch u. mit uns! Ich bin u. bleibe in herzlich treuer Liebe stets Dein

dankbarer Paul


Feldpostbrief, 30. Juni 1916

Schützengraben in Gommécourt
Freitag, d. 30. Juni 1916, abds. 1/2 9°

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Heute vor 8 Tagen war ich um diese Stunde in Lage. Freude u. Erwartung waren aufs Höchste gestiegen. Eine Stunde späte hatte ich schon mein Lieschen und meinen Ältesten. Seligstes Glück! Gut nur, daß man nicht in die Zukunft schaut! So gab’s doch 1 1/2 wirklich ungetrübte Tage. Und ich freue mich, daß ich sie habe verleben dürfen. Ich habe viel von Glück u. Sonne mitnehmen dürfen in das Dunkel der gräßlichen Gegenwart. Heute war’s wieder ärger als gestern u. vorgestern. Und noch immer erkennt man nicht, was der Engländer eigentlich will. Jedenfalls sollen wir völlig mürbe u. seelisch gebrochen gemacht werden. Acht Tage währt nun morgen früh das Trommelfeuer. Vorige Nacht ist’s nur unsern braven Patrouillen zu verdanken gewesen, daß die Engländer unsere Kompagnie nicht überrascht u. aufgerieben haben. Leider ist wieder der beste u. unerschrockenste unserer Leute dabei gefallen; 5 andere sind verwundet worden. Aber die Wackern haben gesiegt. Gott wird weiter helfen. Zu ihm wollen wir immerdar rufen! Er schütze uns alle! Ich küsse Dich u. die heißgeliebten Kinder!

Mit herzl. Gruß an alle bin und bleibe ich Dein Dich innig liebender, getreuer und dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 9. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre, d. 9.9.1916
am Sonnabendnachmittag um 2 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Dein versprochener ausführlicher Brief ist noch nicht gekommen. Aber auch andere Post kam nicht. Wahrscheinlich klappt’s mit der Verbindung nach hier noch nicht. Das Rgt. liegt von unserer Division zu weit ab. Wir gehören augenblicklich zur 26. Res. Inf. Brigade (Generalltn. Frhr. v. Soden). Unsere Postadresse wird aber wohl kaum geändert werden. Jedenfalls schreibe ich’s sonst sofort. Im allgemeinen kann man eigentlich sagen, daß es bei uns etwas ruhiger geworden ist. Heute ist z.B. noch wenig geschossen. In den letzten Nächten ist bei dem hellen Mondenschein auch ziemlich gearbeitet worden. Das würden die Engländer kaum dulden, wenn sie die Absicht hätten, bald wieder anzugreifen. Wenn wir aber nur einige Wochen Ruhe bekommen, werden wir die Stellung schon wieder verteidigungsfähig haben. Arbeit gibt’s ja mächtig. Besonders wenn am Tage so manches wieder eingeschossen wird, was nachts mit Mühe aufgebaut ist.

Gestern abend war wieder ein schwerer Angriff. Scheinbar dicht links von Thiepval. Ob die Engländer Erfolg gehabt haben, konnten wir von hier aus nicht feststellen. Hoffentlich nicht! Ich war gestern um Mitternacht in Stellung. Eine stimmungsvolle Mondscheinnacht! Besonders, als es um Thiepval ruhiger wurde. Da bin ich zum erstenmale auch durch den Abschnitt der links von uns liegenden 12. Komp. gewesen. Die stößt links an die Ancre. Die Ancre bildet dort aber einen derartigen Sumpf mit kleinen Seen, daß selbst im Hochsommer nicht durchzukommen ist. Deshalb hören dort die Stellungen einfach auf. 300 m jenseits der Bahn, die am Ancretalrande von Achiet le Grand nach St. Albert führt, beginnen am jenseitigen Talrande die Stellungen wieder. Am 3. Septb. haben die Engländer nun auch am Bahndamm entlang durchzukommen gesucht. Es war ihnen auch gelungen. Bis sie dann weiter hinten das Schicksal ereilte.

Dann ging ich ganz zum rechten Flügel meiner Kompagnie. Dort hatte man gestern nachm. im Drahtverhau noch einen englischen Verwundeten bemerkt. Der sollte geholt werden. Ich wollt’s eigentlich verbieten. Er lag so dicht am engl. Graben wie an unsern. „Aber wer war da der Nächste dem, der unter die Mörder gefallen war?“ Wir sinds gewesen. Unsere Leute haben gesucht, gerufen. Sie waren in höchster Lebensgefahr. Der Verwundete hat sich aber totgestellt u. sich mit seiner Zeltbahn zugedeckt. Heute morgen erst hat man ihn wiedergesehen, als er seinen Kameraden im engl. Graben winkte. Da haben ihn 3 meiner wackern Leute geholt. Behutsam, wie man ein krankes Kind trägt. Beinahe 7 Tage hat der arme Kerl gelegen. Aber gemeldet hatte er sich in seiner Höllenangst vor den Barbaren nicht. Jetzt werden unsere Ärzte alles dransetzen, die schon angefaulten schweren Wunden zu heilen. Na, die Engländer haben unsere „barmherzigen Samariter“ wenigstens nicht beschossen. So hat meine Kompagnie nun schon 8 Leute gerettet. Deutsche Barbaren! Ob eine Gerechtigkeit der Weltgeschichte es zulassen kann, dass unser deutsches Volk zugrunde geht?

Vorgestern schickte mir Schneidermann eine Karte aus Oerlinghausen. Er hatte mit Junker u. Lütchemeier eine Wanderung durch die blühende Heide der Senne gemacht. Wie mich da das Heimweh mächtig packte! Du weißt ja, Liesi, wie ich gerade um diese Zeit die braune Senne liebe. Und mit der gleichen treuen Liebe bin ich ewig Dein. Wie heißts in der Löweschen Ballade doch?

„Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie Du!“

In diesem Sinne grüße und küsse ich Dich und die lieben Jungen als Euer treuer Vater.

Gott mit uns allen!


Feldpostbrief, 11. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre, d. 11.9.16
B 6, U. 29, am Montagnachmittag um 4 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Zweierlei kam gestern aus Nienhagen. Dein l. Kartenbrief u. die Photographie von Helmut. Da haben wir zwei mal wieder den gleichen Gedanken gehabt. Gestern schrieb ich vom Photographen Hey, u. gestern abend erzählst Du mir vom vergeblichen Versuche, unsere beiden Jungen bei ihm photographieren zu lassen. Gewiß hat das meine Geburtstagsüberraschung werden sollen. Schade!

Auf Friedels Karte scheint mir Paulchen nicht geraten zu sein, weil die Platte nur teilweise benutzt worden ist. Und Helmut macht ein so finsteres Gesicht, als ob ihm das Photographieren durchaus nicht passe. Sonst sieht er aber prächtig aus. Fleischnot merkt man ihm nicht an. Auch der kleine Anzug steht ihm gut. Ob Du den kleinen Dicksack überhaupt noch tragen kannst? Wie ist’s mit Bubi jetzt? Du schriebst von Appetit und Befinden längere Zeit nicht. Da ist beides hoffentlich gut! Und wenn Du jedesmal schreibst „uns geht’s gut“, dann bist Du selbst doch hoffentlich auch mit eingeschlossen!

Friedel schreibt nichts von Forbach. Möglich, daß er da doch noch einmal in der Senne bleibt. Hoffen wir für ihn das beste! Rudolf scheint’s im Lazarett schon lange nicht mehr zu passen. Er sehnt sich zum Regiment zurück. Ich kann so etwas wohl verstehen. Wenn Du Wegeners Karten u. Briefe mal gelesen hast, findest Du da stets dieselbe Erscheinung. Man möcht’s beinahe Heimweh nennen. Und zu verstehen ist’s ja. Zwei Jahre bin ich nun beim Regiment. Man ist mit ihm verwachsen. Und durchs ganze Leben hindurch würden später meine Gedanken noch oft zurückfliegen, würden all das Unangenehme und Grausige überhasten und haften bleiben an dem vielen Schönen und Guten u. Edlen, das man gesehen und erlebt, an Heldentum und Freundschaft und Treue. Der Schatz solcher Erinnerungen ist gottlob ein reicher. Was steckt ja schließlich auch in all den Briefen, die ins Feld kamen, u. die ich aus dem Felde schrieb. Ich glaube beinahe, ich könnte mich später bei jedem einzelnen Briefe wieder in die Situation hineinversetzen, aus der heraus er geschrieben worden ist. Und wieviele erinnungsreiche Tage jähren sich nun bald zum zweitenmale mitten im Kriege! Jetzt vor einem Jahre war ich in der Heimat. In einigen Tagen ist schon unserer lieben Mutter Todestag. In den Tagen, die dann folgen, ist mir beinahe jede Stunde in frischer Erinnerung. Irgend etwas werdet Ihr ja dem lieben Großmütterlein zu Liebe tun am 15. Septb., ohne daß ich besonders darum bat.

Hier wirds eigentlich täglich ein wenig ruhiger. Wenigstens scheint mir’s so. Weiter links tobt die Schlacht allerdings weiter. Kleine Erfolge haben dabei wohl die Gegner stets. Bei dem gewaltigen Munitionseinsatz ist das natürlich kaum ein Wunder. Ob die Erfolge den Opfern entsprechen? Eigentlich wohl kaum. Aber auch unsere Verluste sind stets groß. Wie lange wäre wohl schon der Krieg vorbei, wenn Amerika nicht die Munition lieferte! Nun sollen wieder Dänemark u. Holland zwischen Krieg u. Frieden schwanken? Genau wie Griechenland. Na ja, wenn’s sein soll, dann nur bald! Daß doch die Entscheidung kommt! So oder so! – Natürlich haben auch wir uns über den Fortschritt in Rumänien gefreut. Hoffentlich gehts so weiter! – Ich bin jetzt oft erkältet. Das kannte ich bisher im Schützengraben nie. Gestern ging’s auch mal wieder besser. Dafür spüre ich ja nun meinen Rheumatismus weniger.

Wie gehts eigentlich dem lieben Vater? Arbeitet er nicht zuviel? Grüß ihn doch bitte ganz besonders u. sage ihm, daß ich schriebe, sobald ich ein bischen Zeit mehr hätte. Ich denke so oft an ihn. – Grüß auch alle andern u. küß unsere beiden Jungen! Auch Dir heiße Küsse u. „Gott befohlen!“

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 15. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt, den 15. Septb.
B 6, U. 29., Freitag, mittags 1/2 1 Uhr.

Mein heißgeliebtes bestes Lieschen!

Heute ist Mutters Todestag. Ich will nicht traurig sein und nicht weich werden. Und davor bewahrt mich am besten das prächtige Bild von Dir und unserem Buben in blühender Heide.

Er bedeutet mir in seiner blühenden Gesundheit und seinem lachenden Gesicht die bessere Zukunft, wie mir das liebe Mütterchen die schöne Vergangenheit, das eigene Jugendland bedeutet. Du u. ich, Liesi, wir sind die Gegenwart, die schwere, kampfdurchzitterte. Wir müssen beide kämpfen für unsere Kinder, für Deutschlands Zukunft. Und so wie Paulchen vor mir steht, ein Kind der schönen Heimat, frisch u. froh u. kerngesund, ist er schon hineingewachsen in ein Alter, das für uns beide selbst die ersten Erinnerungen unseres eignen Lebens bedeutet. Wie würde sich das tote Mütterlein des Enkels gefreut haben, der heute sicher mit Blumen an ihrem Grabe steht! Gewiß blickt’s heute segnend nieder auch auf unsere beiden Jungen. Und wir beide handeln ganz im Sinne der teuren Toten, wenn wir unsere Kinder erziehen zur Schlichtheit und Einfachheit, aber an ihre geistige Ausbildung alles wenden u. in ihnen den Sinn wecken nicht bloß fürs Gute und Edle, sondern auch fürs Schöne, für alle echte, wahre Kunst. Da ist alles Geld gut angelegt. So hat unsere Mutter auch stets gedacht, und wir verdanken ihr gerade da so viel. Gut, daß gerade in diesem Stücke auch wir zwei so ganz eines Sinnes sind, Liesi!

Mutters Todestag hat mich mit Trommelfeuer geweckt. Um 1/2 7 wars. Vom Unterstande aus sah ich den klarblauen Himmel, sah auch den Mond im Westen verblassen. Die Sonne sah ich nicht. Ich konnte beim besten Willen den Unterstand nicht verlassen. So lag das Feuer vor dem Eingange. Wohl waren’s nur Schrapnels u. kleine Granaten. Aber die hagelten so dicht, daß jeder Versuch herauszuspringen, den sichern Tod bedeutet hätte. Meine Telefonverbindungen waren sofort zerstört, u. ich wußte noch nichts von meiner Kompagnie. Natürlich hörte ich, daß noch nicht angegriffen wurde. Es war noch kein Gewehrfeuer. Nur ganz rechts arbeiteten schon Maschinengewehre. Dann wurd’s ruhig. Am Morgenhimmel stand blutigrot die Sonne. Morgenrot, Morgenrot!

Zum Ancretal hinunter wälzte sich langsam der Pulverdampf. „Ihr Blutrauch hüllte die Sonne in Nacht.“ Aber lange Zeit zum Beobachten blieb nicht. Meine Ordonannzen waren kaum vom ersten Graben zurück, als das 2. Trommelfeuer einsetzte. Wieder 1/2 Stunde. Noch toller als vorher. Der Unterstand bebte in allen Fugen. Dann wurd’s wieder still. Es war 8 Uhr. Ich ging durch meine Kompagnie. Alles auf dem Posten. Warum kamen nun die Engländer nicht? Alles wartete sehnlichst. Der so schön aufgebaute Graben war entsetzlich verwüstet. Man kannte ihn nicht wieder. Aber – Wunder Gottes! – kein Mann verwundet! Mutter Erde schirmt u. schützt! Dicht rechts von uns hatten’s die Engländer bei der 2. Komp. versucht, vorzukommen. Wohl 40 Mann haben den Graben verlassen, sind planlos hin- u. hergelaufen, nur nicht auf unsere Gräben zu, u. nun liegen wohl 20 von ihnen bleich, blutig u. tot auf dem grünen Rasen. Unsere Artillerie u. die Maschinengewehre haben gründliche Arbeit geleistet. Ich sah nur Tote, keine Verwundete. Wir alle stehen vor Rätseln. Was soll solch‘ schwächlicher Versuch? Der wird stets mißlingen!

Ich erhielt gestern abend Deinen I. Kartenbrief vom Montagnachm. Daß Du ein Mädchen nehmen willst, freut mich sehr. Hoffentlich triffst Du es gut! Über Friedel erfahre ich gewiß bald neues. Ich kann ihm dann endlich schreiben.

Mit herzlichem Gruß an alle und mit heißem Kuß für Dich u. unsere Jungen bin u. bleibe ich in treuer Liebe stets Dein

dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 16. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre
B 6, U. 29., Sonnabend, 16. Septb. 1916, 7 Uhr abds.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Zwar kam von Dir gestern abend keine Post, aber Dein und Bubis liebes Bild reichen vorläufig hin, so etwas nicht zu schwer zu empfinden. Die schöne Photographie habe ich immer vor mir auf dem Tische, und abends fällt mein letzter Blick auf sie. Ich kann mich an meinem Jungen nicht satt sehen und meine so oft, Bub könnt’s garnicht sein, der da so groß und verständig vor mir steht. Alle freuen sich über das Bild. Wie dem Jungen der Anzug sitzt, sein Höschen, sein Kittel! Und wie selbstverständlich und frei ist seine Haltung! Freust Du Dich nicht auch immer wieder über Deinen lieben Jungen?

Jedesmal, wenn draußen Trommelfeuer einsetzt, dann werfe ich noch einen Blick auf Euch beide. Dann weiß ich, für wen ich dem Tode ins Auge schaue, und dann stecke ich das Bild in meine Brieftasche. Ich möcht’s im letzten Augenblicke bei mir haben u. auch, wenn man in Feindes Hand geraten sollte. Das Bild würde über vieles weghelfen.

Vom Angriff gestern morgen erzählte ich Dir schon. Gestern abend wiederholte sich dieselbe Sache. Diesmal ging’s gegen die 12. Komp. links von mir. Eine starke englische Patrouille wollte sich dort heranmachen, wurde aber früh genug bemerkt u. war bald erledigt. Ein engl. Leutnant mit seinem Burschen wurde gefangen genommen. Ersterer schwer verwundet. Er ist auch wohl bald danach gestorben. Gleichzeitig kam auf meinen Abschnitt ein wahnsinniges Minen- und Artilleriefeuer. Ich hatte mich gerade todmüde zur Ruhe gelegt. Euer Bild neben mir. Im nächsten Augenblick steckte ich wieder in Waffen und unterm Stahlhelm. Im gleichen Augenblick erzitterte der ganze Unterstand, u. die Treppe herunter kamen Mengen von Steinen und von Geröll. Eine schwere Granate hatte den Eingang getroffen. Gut, daß 20 m weiter rechts noch ein zweiter Ausgang war! Als nach 1/2 Stunde das Feuer schwieg, haben sofort 10 meiner Leute mit den Aufräumungsarbeiten beginnen müssen. Und heute morgen war die Treppe wieder frei. Wie hätte man früher gezittert u. gebebt bei so etwas! Heute denkt man nichts mehr dabei. Man lebt ja ständig in Todesgefahr.

Aber wie sehen meine schönen Gräben wieder aus! Die ganze Nacht mußte gearbeitet werden, damit sie wieder gangbar wurden.

Die Strafe folgt jetzt schon. Gerade wurde ich gerufen, weil wir einen Gasangriff auf Thiepval machen. So etwas habe ich so deutlich noch nie gesehen. Der giftige grüne Gasdampf kriecht langsam über die englischen Linien weg, Tod bringend und Verderben. Und unsere Leute stehen und reiben vor Vergnügen die Hände und machen faule Witze. So macht der Krieg. Der Engländer würd’s ja auch gewiß nicht anders machen. Jetzt zittert und bebt man dort vor unserm Angriff. Und die englische Artillerie legt ein Sperrfeuer auf unsere Gräben an der Höhe links von Thiepval, wie ich es auch noch nicht gesehen. Es ist schaurig schön. Und dabei geht im Westen friedlich u. still wie immer an schönen Septemberabenden die Sonne unter, als sähe sie nichts von all dem Blut und Jammer u. Tod.

Gestern hat man mir nun auch meinen braven fleißigen Feldwebel Leutnant Reineke genommen. Er ist Verpflegungsoffizier des Bataillons geworden. Ich gönne ihm den schönen Posten, aber er wird mir noch lange fehlen.

Ich muß nun noch schnell vorn zur Kompagnie. Leb wohl, Liesi, u. „Gott befohlen!“ Ich bin und bleibe mit herzlichem Gruß u. Kuß für Dich und unsere Buben in treuester Liebe stets

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 18. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt, den 18. Septb. 1916
B 6, U. 29., Montagabend 1/2 7 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Mein Tagebuch vom vorigen Jahre habe ich nicht hier. Aber ich glaube, daß es genau um diese Stunde war, als ich erfuhr, daß ich keine Mutter mehr hatte. In meiner schönen Kompagnieführerdeckung am Jägerhof bei La Bassée hatte ich auch damals gerade meinen Brief an Dich zu schreiben angefangen, als mir der Telefonist den Fernspruch mitteilte. Du erinnerst Dich wohl noch. Damals war prachtvolles Herbstwetter. Und als ich am andern Morgen vom Rgts.-Motorfahrer bis Lille mit seinem Motorrade gebracht wurde, hatte es stark gereift. Jetzt regnets draußen in Strömen.

Unsere kaum wieder aufgeschütteten Gräben zerfließen, und all die viele Arbeit der schweren 14 Tage scheint vergeblich. Wenn der von all der Artilleriemunition völlig zu Mehl gewordene Kalkboden mit Wasser sich mengt, dann gibts Kalkschlamm. Und der fließt dickflüssig. Das Zeug klebt an den Füßen, daß man kaum weiterkann.

Die Gefechtstätigkeit leidet natürlich unter solchem Wetter. Gestern abend habe ich wieder ein schauerliches Schlachtenbild gesehen. Eins übertrifft jetzt immer das andere. Und dabei glaubte ich immer schon, furchtbares mitgemacht zu haben. Es ging mal wieder um Thiepval. Und die Dunkelheit schickte ihre ersten Schatten. Aber die Höhe rechts von Thiepval war in Feuer gehüllt. Und Rauch zog über dem Ganzen hin, der all die Schrecken verhüllen wollte. Aber blutrot leuchteten 4 Schweinwerfer durch den dichten Rauch. Das werde ich nie vergessen. Sie sollten wohl den stürmenden Engländern Signale sein. Aber etwas so Grausiges, wie diese buchstäblich blutroten Lichter in ihrem ruhigen Schein in all dem wehenden Rauch u. zwischen dem zuckenden Feuer krepierender Granaten u. Schrapnels sich dem Auge darboten, Liesi, das läßt sich nicht beschreiben, dafür hat auch kein Maler Farben. Uns möge man Schlachtenbilder zeigen später, soviel man will -solch grausige Wirklichkeit kann nie und nimmer dargestellt werden.

Ob etwas erreicht ist durch den Sturm, das weiß ich nicht. Wahrnehmen konnte ich’s nicht. Der heutige Heeresbericht konnte davon noch nichts bringen. Im übrigen lautete er ja nicht gerade ungünstig. Vor allem in Rumänien ist unsere Lage scheinbar günstig. Und es gibt ja heute viele Leute, die glauben, dort, fern im Osten, falle die Entscheidung.

Ein Brief kam gestern von Dir nicht. Da gibt’s gewiß doch heute einen. Vielleicht sogar ein Paket. Morgen hat ja Dein Paul Geburtstag, u. den vergißt mein Frauchen nicht. 35 Jahre. Dein Mann wird alt, Liesi! Aber mein Herz ist jung geblieben und wird’s auch bleiben, wenn ich Leben u. Gesundheit behalte.

Wenn alles gut geht, werde ich morgen durch die 10. Komp. abgelöst, u. ich kann morgen abend meinen Geburtstag in 2. Stellung feiern. Da ich mit dem Kompagnieführer der 10. Komp., Ltn. Neise, sehr gut fertig werde, ist das Zusammenarbeiten der beiden Kompagnien ein Vergnügen. Vielleicht ist um 9 Uhr die Ablösung schon beendet. Dann gibts für 14 Tage ein vielleicht etwas ruhigeres u. regelmäßigeres Leben. Hier gings an die Nerven.

Leider ist mein gestriger Brief nicht mitgekommen u. liegt noch auf der Schreibstube. Nun wird er wohl mit diesem Br. zusammenkommen.

Ich bin mit herzlichstem Gruß u. heißem Kuß in treuer Liebe

„Gott befohlen!“ Euer Vater


Feldpostbrief, 30. September 1916

Im Bismarckstollen, den 30. September 1916
Sonnabend, abends 12 1/4 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Eigentlich ist ’s ja schon Sonntag. Aber soeben kam telefonischer Befehl, daß um 1 Uhr die Uhren auf 12 Uhr zurückgestellt werden. Da beginnt also der 1. Oktb. erst um 1 Uhr. Und im Grunde genommen ist eine Stunde gewonnen. Die will ich dann noch schnell für mein Lieschen benutzen. Wir haben bis eben gemütlich bei einem Glase Bier zusammengesessen. Das hat uns gut geschmeckt. Denn keiner von uns hatte gehofft, daß heute abend der schöne Bismarckstollen noch in unserm Besitz gewesen wäre. Heute morgen griffen die Engländer an. Heute nachm. gegen 1/2 6 Uhr wieder. Überraschend. Ohne große Artillerievorbereitung. Das sollte wohl endgültig die wichtige Höhe links von uns den armen Regimentern dort nehmen. In hellen Haufen sahen wir die Engländer bereits am diesseitigen Hange laufen. Unsere Artillerie sah das zu spät. Aber trotzdem glauben wir, daß die Engländer nichts haben halten können. Ich sage Dir, Lieschen, das erleichtert! Verzweifeln hätte man mögen, als die Kerle wie die Sündflut kamen. Und wir konnten doch nicht helfen. Schießen durften wir nicht. Es konnten ja flüchtende Deutsche sein. Aber gejubelt haben wir, als einzelne Leute zurückliefen. Das mußten ja fliehende Feinde sein. – Nun sind’s 5 Tage, daß die Engländer anrennen. Ob sie’s bald aufgeben? Erreicht haben sie doch nicht besonders viel. – Ich habe aber an jedem dieser 5 Tage einmal meinen Tornister mit dem Nötigsten gepackt für den Rückzug oder für die Gefangenschaft. Eins von beidem kommt nur in Frage, wenn links die Höhen nicht zu halten sind u. man am Leben bleibt. Jetzt kehren aber Hoffnung und Vertrauen wieder.

Da kam mir eben telefonische Nachricht vom Major, daß unser Falkenheyn eine rumänische Armee vernichtend geschlagen habe. Und in Amerika scheint unsere „Bremen“ glücklich gelandet zu sein. Gottlob! Nach trüben Tagen endlich Sonne! Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten! Du glaubst kaum, Liesi, welch schwerer Druck von mir genommen ist!

Dazu kam schon heute Dein lieber, lieber Brief vom 28.9. Herzlichsten Dank dafür. Auch für die Heideblümchen! Von Lina kam ein Brief vom 16.9. Der hatte erst den Umweg über sämtliche Kompagnien des R.l.R 15 gemacht, weil er dorthin adressiert war. – So, Liesi, gleich ist ’s 1 Uhr. Da stelle ich die Uhr auf 12, u. dann gehe ich zu Bett.

Morgen mehr! Gott befohlen und gute Nacht!

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 18. Oktober 1916

Im Bismarckstollen am Ancretal, den 18. Oktober 1916
B 6, donnerstags, nachmittgs. 5 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Da bin ich nun wieder glücklich im schönen Bismarckstollen. Ein Tag ist sogar schon wieder um. Die 14 Tage werden wieder recht schnell verfliegen. D.h. wenn nicht wieder so wahnsinnige Angriffe folgen, wie die letzten 14 Tage hier im Bismarckstollen wir sie beobachten mußten.

Beschossen werden wir ja hier nicht mehr und nicht weniger als vorn. Aber es tut wohl, nicht die Verantwortung in erster Linie tragen zu müssen. Insofern bedeuten die 14 Tage hoffentlich eine Erholung! Und wenn sie um sind, ist auch der Oktober um und damit die Zeit, die uns eigentlich für diese Stellung bestimmt war. Es wird ja auch für diese Zeit von Ablösung geredet. Ich glaube zwar nicht daran, und wir alle wünschen es auch kaum. Niemand weiß, was folgt.

Nun hatten wir vorige Nacht gewaltigen Regen. Aber dem Engländer scheint das nichts zu machen. Die Artillerie schießt mehr als sonst. Gestern abend bekam’s mein schöner Graben. Er sah beim Abschied übel aus. Ich wollte noch einmal durchgehen, hatte mir einen zerschossenen Unterstand angesehen, in dem wie durch ein Wunder niemand verletzt worden war, und mußte dann wieder umkehren. Eine Granate hatte zwei englische Leichen, die vom 3. Septb. noch herrührten u. die dicht am Graben verscharrt gewesen waren, wieder hochgehoben u. sie genau mitten in unsern Graben geworfen. Dem Geruch hielten meine Nerven doch nicht stand. Zwei brave Sanitäter haben sie trotzdem wieder fortgeschafft. Wann mögen so arme unglückliche Leichen endlich die letzte Ruhe finden? Noch nicht einmal, wenn Frieden wird. Man muß doch die Schützengräben später wieder einebnen. Ob man dann wohl die Gebeine sammeln wird? Ob man nicht hart u. abgestumpft wird? Viel zu sehr, um alle wahre Menschlichkeit zu vergessen und zu verachten? Jedenfalls wird man dann nicht mehr unterscheiden Können zwischen Freund und Feind. Die Knochen erzählen davon nichts.

Gestern abend hat’s Abendessen mal wieder gut geschmeckt. Mein Bursche hatte mal wieder gekocht, u. der versteht’s. Zur Feier des Tages gab’s sogar Pudding mit eingekochten Erdbeeren. Der Pudding war aus kondensierter Milch und Puddingpulver entstanden. Er schmeckte natürlich auch dementsprechend. Aber es war doch wenigstens mal wieder Pudding! Vor ein paar Tagen gabs sogar mal Apfelbrei. Ltn. Reinecke hatte mir einen Sack Äpfel besorgt. Roh nicht zu genießen. Aber der Apfelbrei war umso schöner. Das beste ist aber mein guter Appetit. Ich bin zwar längst nicht wieder so dick geworden als ich mal war. Aber mein Befinden ist vorzüglich, u. das ist die Hauptsache. Erkältungen kenne ich kaum. Und wenn sie mal kommen, sind sie auch über Nacht wieder fort. Die 6 langen Wochen habe ich zwei Taschentücher gehabt. Sie sind selten gewaschen und haben vollkommen ausgereicht. Auch mein Rheumatismus regt sich nur zeitweise noch und ist zu ertragen.

Du brauchst Dir also keine großen Sorgen zu machen, I.L! Wenns ruhiger wird, halte ich noch einmal einen Winter aus, wenn’s sein muß. Wenn wir dann nur nicht in gar zu nasse Gegenden kommen! Nun, da wir sozusagen im Winter drin sind, zweifelt am Winterfeldzuge niemand mehr. Traurig, aber wahr!

Gestern abend kam nur ein Brief von Siekmann. Über den kann man sich freuen. Und wenn ich glücklich heimkommen sollte, werden wir um so lieber auch mit Siekmanns verkehren, nicht wahr, Liesi? Nun höre ich aber so allgemein von Deinem frischen guten Aussehen rühmen, Liesi, daß ich daran glauben muß! Daß es so bleibt, ist nun natürlich Deine Sache. Mahnen u. bitten will ich nicht. Aber ich vertraue fest auf Deine Einsicht.

Morgen finde ich hoffentlich wieder Zeit zum Schreiben! Ich hoffe sogar mal wieder gute Bücher lesen zu können. – Gott befohlen, mein treues Lieb! Grüß u. küß mir meine beiden herzlieben Jungen, sei aber vor allem auch Du innigst gegrüßt u. geküßt von

Deinem Dich treu liebenden Paul.


Feldpostbrief, 29. Oktober 1916

Im Bismarckstollen B 6, den 29. Oktober 1916
am Sonntagmorgen um 3/4 8 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Sonntag ist’s, u. kaum wirds hell. Das übliche Artillerieschießen scheint beendet zu sein. Jetzt fallen nur noch einzelne Schüsse. Da weilen meine Gedanken längst bei Euch im lieben Heim, u. heute werden sie, will’s Gott, noch häufige Einkehr halten dort. An Zeit und Muße fehlt’s ja nicht. Wenn man solange ununterbrochen in Stellung liegt, dann bildet sich allmählich ein so fester, regelmäßiger Dienstbetrieb heraus, daß sich die tägliche Arbeit schnell erledigt. Und was ich früher alles selbst machen mußte, das macht jetzt mein Schreiber bis auf die Unterschrift fertig. Ich finde da viel Zeit zum Lesen u. habe die Gelegenheit auch redlich ausgenutzt. Und doch befriedigt dies Leben nicht so ganz. Ruhezeit und Feierstunden müssen ein seltener Genuß sein, müssen sein wie Oasen in der Wüste. Dann erquicken sie und sind ein Genuß und däuchen uns als ein Geschenk des Himmels. Arbeit ist und bleibt ein Segen, und der Gott, der die aus dem Paradies Vertriebenen strafte, hat gestraft wie ein liebender Vater immer strafen sollte und doch ein Gott nur strafen kann, als er sprach: Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen. Da blickt mancher trüb in die Zukunft, denkt an Steuern und an hohe Preise nach dem Kriege und fürchtet im Stillen die Einschränkungen und das harte Arbeiten. Und doch ist alles das wahrscheinlich der einzige wirkliche Segen des Krieges.

Wie freue ich mich schon jetzt auf all‘ die Arbeit, die meiner harrt! Wie schön sollen dann aber auch die Feierstunden sein. Nicht seltener werden sie kommen als früher. Im Gegenteil. Im Grunde genommen wird doch auch jede Stunde Arbeit an unsern Kindern Feierstunde und Erholung zugleich sein. Das hoffe ich zu Gott. Wenn diese Stunden nur erst da wären! – Aber scheint heute nicht alles noch in unendlich weiter Ferne? Mehr fast denn je. Unsere Erfolge vor Verdun nimmt man uns mit leichter Hand, fast spielend, wieder. Hat die deutsche Kraft nachgelassen? Die Feinde werden’s glauben, den Neutralen wird’s jubelnd verkündet werden. Uns Kämpfern hier an der Somme hat’s Herz still gestanden für ganze Augenblicke. Wir haben’s nicht glauben mögen, was erst als Gerücht hier durchkam. Und gestern habe ich meinen Augen nicht getraut, als ich den Heeresbericht sah. ‚Hast Du Dich zürnend gegen uns gewendet?‘ so fragt man seinen Gott. Und in heißer Herzensangst habe ich inbrünstiger als sonst noch gefleht zum Herrn der Heerscharen. Vergeßt auch Ihr daheim das Beten nicht! Nur einer kann noch helfen in des armen Vaterlandes traurig tiefer Not. Das sollte jeder einsehen. – Ob Du zur Kirche bist, Liesi? Es ist gerade 10 Uhr. Die Stunden fliegen. Nur noch zwei Tage, dann sind wir wieder vorn. Gut, daß Mondenschein kommt. Die Nächte sind jetzt entsetzlich finster. Auch heute scheint’s trüb und regnerisch zu bleiben. Soll man dies Wetter wünschen? Das Fort Douaumont haben uns die Franzosen im Schutze des Nebels wieder abgenommen.

Gestern abend habe ich keine Post von Dir bekommen. Von der am 26./10. verunglückten Post sind wenigstens die Briefsachen wieder aufgefunden worden. Alle Pakete sind natürlich gestohlen worden. Gestern abend schickte mir Gustav ein Paket mit Äpfeln und Nüssen. Der liebe Kerl denkt eigentlich noch am meisten an mich. Rudolf schreibt nun auch häufiger. Er ist wohl für einige Tage in der Senne. Daher kann ich ihm kaum antworten. In Düsseldorf scheint’s ihm nicht zu gefallen.

Eigentlich müßte ich noch einmal durch die Stellung. Da es aber ziemlich regnet, warte ich noch damit. Gestern abend bekam ich 8 Mann Ersatz. Gesunde Leute. Verluste haben wir in letzter Zeit gottlob sehr wenige gehabt. Gebe Gott, daß das so bleibt!

Mit herzlichstem Sonntagsgruß u. heißen Küssen für Dich und unsere Lieblinge u. mit treuem ‚Gott befohlen‘ bin u. bleibe ich

Dein Dich liebender Paul.


Feldpostbrief, 31. Oktober 1916

Im Bismarckstollen am Ancrebach, B 6
am Dienstag, d. 31. Oktober 1916, morgens 10 Uhr.

Mein heißgeliebter, kleiner Helmut!

Zwei Jahre bist Du nun alt. Und kaum 5 Wochen von den 104 Deines jungen Lebens hat sich Dein Vater Deines Anblicks freuen dürfen. Aber gottlob ist das nicht die einzige Freude geblieben! Dein gutes Mütterlein hat mir in lieben Briefen so oft und so trefflich Dein liebes Bild gemalt, daß ich meinen Jüngsten immer habe wachsen und sich entwickeln sehen. Schöne Photographien halfen mir das liebe Bild oft vervollständigen, das ich von Dir im Herzen trage. So hast Du ohne Deinen Vater ein gut Stück Deines Lebensweges zurückgelegt u. mußt vielleicht noch ein ander Stück ohne mich weiterwandern. Wer kann in die Zukunft blicken! Wer sagt Dir und mir, ob wir uns wiedersehen dürfen!

Aber wir wollen nicht sorgen und nicht zagen. Gerade jetzt, wo ich manchmal keinen Ausweg sehe aus all der schweren Not des Vaterlandes, wo kein hoffnungsfroher Lichtstrahl all das Dunkel um uns erhellen will, da schreibt mir unser liebes, gutes Mütterlein, daß sie sich stark und gesund fühlt. Wenn Gottes Güte die beste aller Mütter Dir erhält, Helmut, dann ist mir nicht bange um Dich und um Deine und Deines Bruders Zukunft.

Paulchen hat ein Tagebuch bekommen, bald nach seiner Geburt. Gern und oft hab‘ ich von seinem Wachsen und Werden darin festgehalten. Du hast solch ein Buch nicht. Es war ja Krieg. Aber wenn Deine Mutter oder in den paar Urlaubswochen mal Dein Vater das Buch vervollständigt haben, dann ist nie bloß von unserm Ältesten die Rede, sondern allemal auch von Dir, dem heißgeliebten Jüngsten. So gehört denn das Buch Euch beiden. Ich weiß, Ihr einigt Euch später gern darum. Und wenn’s wirklich Dein Bruder als der Älteste in Verwahr hat: blättert recht oft gemeinsam darin! Lieben werdet Ihr einer den andern, wie Eure Eltern Euch lieben, den einen so wie den andern. – Das Blatt wird Mutti Eurem Tagebuch einfügen.

Zwei Jahre, Helmut! Lange Zeit! Und doch, wie sind sie geflogen! Und wie hat Gottes Güte über Dir gewaltet! Wenig Sorge hat Deine Gesundheit uns gemacht. Viel Freude aber haben wir an Deinem geistigen und körperlichen Wachstum haben dürfen. Gebe der treue Gott, daß das so bleibe! Ich will dann gern die harte Trennung noch länger ertragen, wenn ich Dich gesund wieder in meine Arme schließen darf, Helmut, Dich und Deinen Bruder Paul. Wieviel Glück ist’s für mich doch allemal gewesen, wenn ich mich Eurer lachenden Gegenwart erfreuen durfte! Und wenn die Zeit jedesmal auch noch so kurz war! Ihr seid uns Sorgenbrecher. Euer frohes Kinderlachen, Eure harmlosen Fragen und Euer kindliches Geplauder haben gar oft schon das liebe, gute Mütterlein auf andere, leichtere und frohe Gedanken gebracht. Gebe der treue Gott in Gnaden, daß Ihr beide auch weiterhin unser Trost und unsere Freude bleibt!

Je trüber die Gegenwart erscheint, je banger wir in Deutschlands Zukunft blicken, desto mehr seid Ihr beide unsere Hoffnung. Ich habe das feste Vertrauen, daß Ihr unsere Hoffnungen nicht zuschanden macht. Ich habe ja bisher so wenig für Euch tun können, besonders für Dich, mein lieber Junge. Was ich tat, tat ich für alle daheim, fürs teure Vaterland. Aber vergiß mir nie, was Deine treue Mutter getan hat für Dich! Getan, trotzdem es ihr oft schwer genug geworden ist! Und nun mit Gott hinein ins neue Lebensjahr, mein lieber Bub! Er schütze und schirme Dich weiterhin väterlich! Ich bin und bleibe Dein getreuer

Vater.


Feldpostbrief, 7. November 1916

Im Schützengraben am Ancrebach
B. 6, U. 29, Dienstag, den 7. November 1916, nachmittags 3 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Mir geht’s wie Dir. Dann kommt mal zwei Tage lang keine Post, und dann kommen gleich wieder mehrere Briefe auf einmal. Gestern abend kamen zwei. Vom Donnerstag und Freitag. Letzterer sogar erst am 4. gestempelt. Da brauche ich mir also für heute abend wohl keine Hoffnung zu machen. Vater schrieb auch. Gerade, nachdem ich mich in Deinem Briefe von gestern noch darüber gewundert hatte, daß ich von Waddenhausen solange ohne Nachricht sei. – Auch Vaters Brief war schon vom Freitag. Er scheint sich über den 8. Oktober sehr gefreut zu haben. Du, m. L., hattest damals sicher zu wenig Zeit. Sonst hättest Du ja auch von den beiden Bubenjungen etwas geschrieben.

Im Briefe vom Donnerstag meinst Du, daß Du Dich von der Luft nicht ganz abgewöhnen wollest. Ich schrieb ja vor einigen Tagen noch darüber u. bitte nochmals, Liesi: Geh so oft u. so lange als irgend möglich nach draußen! Daß ich in den letzten Tagen wieder etwas mehr frische Herbstluft mitbekommen habe, schrieb ich ja schon. Sie ist mir auch ganz vorzüglich bekommen. Aber heute morgen war ich trotz des üblen Regenwetters draußen. Aber der Regen steckt mir wieder böse in den Knochen. Der Rheumatismus im rechten Beine regt sich wieder. Einige Tage lang habe ich ihn gottlob kaum gespürt. Ich muß jedenfalls heute mal wieder massieren u. war schon so froh, daß ich die Schmerzen los war.

Jetzt scheint mir der eigentliche Winterregen eingesetzt zu haben. Nach den Stürmen der letzten Tage war ja damit zu rechnen. Wenn damit nun nur auch das blödsinnige Artillerieschießen aufhören wollte! Aber das ist heute noch toller als gestern. Da werden unsere Gräben bald nett aussehen! – Vorige Nacht gabs hier ein schauerlich schönes Schauspiel, wie ich’s noch nicht erlebt habe. Ich hatte mich gerade zu Bett gelegt, als meine Posten oben am Unterstande herunterriefen, daß bei Albert ein Riesenbrand sei. Der Himmel war dann auch südöstlich von Albert blutrot, und alle paar Minuten flogen Flammenbündel bis an die Wolken. Kein Zweifel: Das waren Riesen-Explosionen. Und bald sah ich dann auch, wie hoch oben in höchsten Höhen Schrapnells platzten. Man schoß auf Flieger. Scheinwerfer suchten den Himmel ab. Aber wohl vergeblich. Unsere wackern Flieger sind hoch über den Wolken heimgekehrt. Hoffentlich alle! Ihre Bomben haben scheinbar riesige Munitionslager der Engländer in Brand gesetzt. Dumpf drangen aus einer Entfernung von 20 km die Schläge ans Ohr, und der Luftdruck löschte unsere Lampen. Das muß furchtbar gewesen sein. Noch jetzt steigen dort Dampfsäulen auf. – Sag unserm Bubenjungen nur, daß seine Entschuldigungen nicht stichhaltig seien. Er müsse mal wieder schreiben. Bald will doch das Christkindlein kommen. Daß er Großmutter mehr liebt als Dich, ist zu erklärlich. Aber auch nicht schlimm. – Wann hat Mutter Geburtstag? – Nun ist schon wieder die halbe Zeit hier vorn um. Schneller sind mir die Tage wohl nie geflogen. – Ich bin u. bleibe mit herzlichstem Gruß und heißen Küssen für Dich u. Bub u. Helmut u. mit treuem „Gott befohlen“ Dein Dich liebender

dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 11. November 1916

Im Schützengraben am Ancrebach, den 11. November 1916
B 6, U 29, am Sonnabend Abend um 1/2 6 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Ihr rüstet auf den Feiertag. Hier scheint’s nicht so, als ob der Sonntag ein Ruhetag werden sollte. Ununterbrochen liegt seit heute Mittag wieder schwerstes Feuer auf unsern Gräben. So kannten wir’s seit langem schon nicht mehr, u. wir hatten uns eigentlich alle schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß endlich, endlich das Ende der Offensive da sei. Das scheint nun keineswegs so. Gestern morgen fing’s mit einem furchtbaren 3/4 stündigen Trommelfeuer wieder an. Dann kam einige Ruhe bis zum Nachmittage. Aber dann ging’s weiter die ganze Nacht durch und endete mit dem gewaltigen Trommelfeuer heute morgen. D.h. nur, um gleich nach Mittag um so toller wieder einzusetzen. Rechts von uns ist’s allerdings noch viel schlimmer. Sonst war wenigstens jeden Abend um diese Zeit Schluß, u. die Leute konnten Essen holen. Ob’s heute anders sein soll? Das wäre allerdings ein übles Zeichen.

Aus den Heeresberichten der letzten Tage sehe ich, daß auch an der Somme und bei Verdun die Schlacht weiter tobt u. daß vor allem die Franzosen immer weitere Vorteile erringen. Da dürfen natürlich die Engländer schon nicht untätig bleiben, auch wenn sie es vielleicht gern möchten. Ein Rätsel ist und bleibt uns, woher bloß die unendlich viele Munition kommt! Millionenwerte fliegen tagsüber auf und hinter unsere Stellung. Es ist furchtbar. Dabei war’s den ganzen Tag nebelig. Flieger waren nur heute morgen da. Einen hat scheinbar einer meiner Grabenposten mit dem Gewehr heruntergeholt. Er landete dicht hinter der englischen Linie u. verschwand dort im Nebel.

Die Friedensgerüchte erhalten sich hartnäckig. Mit Rußland soll ein 10- oder 12-tägiger Waffenstillstand zustande gekommen sein. „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“, sagt Goethe im Faust. Und diese Botschaft ist wahrlich zu schön, als dass man sie glauben könnte. Aber bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. Zu ihm wollen wir rufen in all unserer Not, an ihn uns halten zu jeder Zeit!

Es ist gleich 6 Uhr. Ich komme von oben. Da hängt ein Nebel in der Luft, undurchdringlich dicht. Er fällt schon in leisen Tropfen nieder. Wir hatten Vollmond, u. nun wird wohl der eigentliche Winterregen einsetzen. Wenn nur bei solch unsichtigem Wetter nicht ein Angriff einsetzt! Man sieht dann die stürmenden Truppen erst dicht am Graben, wenn’s zu spät ist, und die Signale von roten Leuchtkugeln, die unsere Artillerie zu Hilfe rufen sollen, werden nicht gesehen und sind vergeblich geschossen. Wenn dann kein Sperrfeuer einsetzt, kann der Feind in solchen Massen eindringen, daß an Verteidigung kaum zu denken ist. Andererseits weiß ja allerdings auch die feindliche Artillerie dann nicht, was los ist. Für unsere Grabenposten ist’s jedenfalls eine schwere Aufgabe, in das undurchdringliche Grau hineinzustarren – stundenlang. Und das nun schon 10 Wochen, Tag für Tag, Nacht für Nacht! Was unsere braven Leute leisten, das wissen nur wir! Und wenn ich durch den Graben gehe und sie anspreche: Nie sind sie unzufrieden und mürrisch. Wie lieb ich darum die Leute habe! Wie es mir wehe tut, wenn einer schwer verwundet ist und dem sichern Tode entgegengeht! Und unendlich schwer wird’s mir, dem Vater oder der Mutter daheim im fernen Polen oder sonstwo im lieben Vaterlande den Tod des braven Sohnes mitteilen zu müssen. Aber ich tue es stets selbst.

Jetzt endlich ist’s etwas ruhiger geworden. Draußen klappern die Kochgeschirre schon. Und im Nebenstollen, wo meine Patrouillengruppe liegt, singt’s u. klingts‘. Steh ich in finst’rer Mitternacht – Goldig deutsches Gemüt! – Brief und Zeitung von Montag u. Dienstag kamen gestern abend. Vielen Dank, m. Lieb! Etwas schneller kommen ja nun meine Briefe auch wohl an! Der Angriff, von dem Du schriebst, war nicht nördlich, sondern östlich der Ancre. Also am andern Ufer. Dem lieben Helmut heißen Dank für sein liebes Schreiben! Kauf ihm doch mal recht etwas Schönes zum Dank dafür!

Bub hat mit Hans gespielt? Er schließt sich wohl gern an andere an?

Grüß u. küß auch ihn! Und damit dem treuen Gott befohlen!

Er wolle uns alle schirmen u. schützen! Mit treuem Gruß u. Kuß

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 15. November 1916

Bucquoy, den 15. Novb. 1916
Mittwochmorgen 1/2 11 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Ich lebe und bin nicht gefangen. Vorgestern war die unglückselige Schlacht! Der ganze Regimentsabschnitt war sofort verloren. Nur 9. u. 10. Komp. haben alles gehalten.

Aber wir waren eingeschlossen. Da habe ich mich abends in der Dämmerung nach hinten durchgeschlagen, um Verstärkungen zu holen. Die gab’s nicht, u. so ist am andern Tage meine ganze Kompagnie auch gefangen genommen. Ich kann mich nicht über meine Freiheit freuen. Ich hätte bleiben sollen, wo ich war. Dann war ich bei meinen braven Leuten. Jetzt bin ich mit meinen 4 Ordonnanzen heute nacht hier angekommen.

Dein unglücklicher Paul.


Feldpostbrief, 17. November 1916

Courcelles, den 17. November 1916
am Freitagmorgen 1/2 10 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Da die Post gleich fortgeht, gibt es auch heute nur diese paar Zeilen. Ich kann auch kaum meine Gedanken zusammenfassen. Die Nerven sind doch zu arg mitgenommen. Nachts schlafe ich zu wenig. All die grausigen Schlachtenbilder stehen mir vor Augen, u. immer u. immer wieder frage ich mich, ob ich nicht noch hätte in dem Augenblick, als ich sah, daß keine Truppen zu bekommen waren zur Hilfe für meine beiden armen Kompagnien, zurückgehen sollen durch die englischen Linien hindurch zu meinen braven Leuten, um mit ihnen zu sterben oder mich gefangen nehmen zu lassen. Ich habe mit meinem Gott im Gebete gerungen u. finde nicht Recht oder Unrecht, das geht bei all der Körperschwäche auf die seelische Gesundheit. – Gestern war ich beim Divisionskommandeur der 38. Inf. Division in Vaulx, um als einziger Offizier über den Angriff vorn zu berichten. Alles ist so schleierhaft, so unerklärlich. Nur bei dem Nebel konnte eine solche Katastrophe kommen.

Ich bin mit herzl. Gruß u. Kuß in treuester Liebe

Euer Vater.


Feldpostbrief, 21. November 1916

Thiant bei Valenciennes, Nordfrankreich,
Dienstag, den 21.11.1916, nachm. 1/2 5 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Da wir morgen früh noch einmal umziehen, will ich lieber heute schnell etwas ausführlicher schreiben, da ich morgen wohl doch kaum Zeit finde. Und Du mußt doch endlich mal Näheres erfahren. In den vorhergehenden Tagen bin ich zum Schreiben einfach nicht imstande gewesen. Meine Nerven versagten vollkommen, und noch immer finde ich nachts kaum Schlaf. Die Gedanken jagen einander, u. Träume scheuchen mich aus jedem Halbschlummer wieder auf. Oft denke ich, Lust zum Leben werde mir nie wiederkommen. Ich möchte dann lieber tot sein oder in Gefangenschaft. Dann wäre ich bei meinen braven Leuten, die am blutigen 13. ihr Leben gelassen haben oder die am 14. in Gefangenschaft geraten sind. Und nur ein Gedanke hält mich aufrecht: der, daß ich meinem Vaterlande hier nach nützen kann durch treue Arbeit an den neuen Leuten, die nächstens meine Kompagnie bilden werden. Sie wieder dahin zu bringen, wo vorher die Kompagnie gestanden hat, das ist ein hohes, schönes Ziel. Da will und darf ich vorerst an Urlaub noch nicht denken. Und die Arbeit, die unendlich viele, wird hoffentlich ein Segen werden, wenn Gott mit mir ist!

Wie hatten wir alle uns auf die so wohlverdiente Ruhe gefreut, wie schön sollte Weihnachten für unsere braven Leute werden! Und nun ist alles so ganz anders gekommen! Daran darf ich nicht mehr denken. Noch immer steht mir das Bild der Toten vor Augen. Natürlich waren’s die besten. Noch immer höre ich die Schwerverwundeten wimmern und stöhnen, noch sehe ich brennende englische Leichen vorm Graben liegen – nie im Leben wieder werde ich die Bilder los.

Wie wars‘ denn eigentlich? Ich habe mich lange besinnen müssen, ehe einige Klarheit wieder ins Bewußtsein kam. Am Sonntag, den 12.11. habe ich Dir abds. noch geschrieben u. auch an Bubi u. Helmut und Lieschen. Die Post haben sicher die Engländer in die Hände bekommen. Kurz vor dem Schreiben war ich noch durch den Graben. Eine dicht vor mir platzende schwere Granate riß große Steine los u. schleuderte einen von Backsteingröße gegen meinen Stahlhelm. Der allein hat mir das Leben gerettet. In meinem Briefe an Dich habe ich meinem Gott heiß gedankt. In der Nacht übertraf das Artilleriefeuer alles bisher dagewesene. Gasgranaten hatten die Luft vergiftet. Hinter dem Bismarckstollen waren viele krank zusammengebrochen. Vorn spürten wir das Gas weniger. Verloren hatte ich gottlob in der Nacht nur einen Toten und einen Verwundeten. Da kam der Unglückstag, der Montag! 13. November! Um 3/4 8 bebte die Erde von einer Sprengung. Ein Riesentrommelfeuer setzte ein, u. um 8 Uhr standen die Engländer am Graben. Es war so dichter Nebel, daß Freund und Feind nicht zu erkennen waren. Unsere roten Leuchtkugeln sind nicht gesehen worden, u. so konnte unsere Artillerie nicht helfen. Kein Schuß fiel. Die Engländer hatten leichtes Spiel. Rechts u. links von uns waren sie durch, u. bald standen sie uns im Rücken. Aber auch von dort konnten sie uns nicht überrennen, u. so waren wir von allen 4 Seiten eingeschlossen. Nun warteten wir sehnsüchtig auf Hilfe von hinten. Wir haben uns die Augen ausgeschaut. Sie kam nicht. Statt dessen kamen immer noch mehr Engländer. Aber noch waren Lücken hinter uns, u. durch eine solche bin ich abends mit 4 meiner bravsten Leute durchgeschlichen, um Hilfe heranzuführen. Es war keine da. Und niemand wußte, wie es um uns da vorn stand. Kein Wunder: Unser Oberstleutnant ist vermißt, der Regimentsadjutant tot. Keine Leitung mehr! Da waren natürlich auch keine Reserven mehr. Und das Schicksal ging unerbittlich seinen Gang weiter. Ich habe noch viel versucht. Doch davon morgen, wenn’s möglich ist! – Gott befohlen, mein heißgeliebtes Lieschen! Er schirme u. schütze uns u. unsere Jungen! Herze und küsse sie! Sei aber vor allem Du treu gegrüßt u. heiß geküßt von

Deinem Dir stets dankbaren Paul.

– Post von Dir werde ich wohl erst lange Zeit nicht bekommen. Alte Briefe schicke ich wieder mit! –


Feldpostbrief, 23. November 1916

Haulchin bei Valenciennes, den 23. November 1916,
am Donnerstagnachmittag um 3/4 1 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Daß gestern abend noch Dein lieber Brief vom 15. gekommen ist, habe ich schon geschrieben. Wie lange Du armes Mädchen wohl in Sorge noch gelebt hast! Am 13. u. 14. Nov. habe ich natürlich nicht schreiben können. Und wann und wie mein kurzer Kartenbrief vom Mittwochmorgen (15.11.) fortgekommen sein mag, weiß ich auch noch nicht. Lange hast Du ihn sicherlich noch nicht. Und wieviel hundert andere Frauen und Mütter und Geschwister warten noch heute in schwerster Sorge auf Nachricht! Soeben telegraphierte Meyenbergs Vater um Auskunft. Dem hatte ich aber damals gleich geschrieben. Die meisten Angehörigen wußten doch nach den langen Wochen ziemlich genau, wo wir lagen. Und überall mußte der Heeresbericht vom 15./11. schwere Sorge wachrufen. Als Helmut seine Hände gefaltet hat, da war ich gerettet. Hoffentlich sind’s auch alle andern. Bald muß doch Nachricht eintreffen aus der Gefangenschaft. Bis dahin hat man keine Ruhe.

Ich wollte Dir noch über den Abend des 13. weiterschreiben. Als ich mit meinen 4 braven Leuten (auch mein wackerer Tröster ist dabei) glücklich bis an unsere 2. Stellung gekommen war, hoffte ich dort reichlich Verstärkung zu finden. Aber die Gräben waren so dünn besetzt, daß wir unbemerkt hineinkamen. So wenig Posten standen. Wir trafen auf unsere 8. Kompagnie mit knapp 80 Mann. Von denen war nichts zu verlangen. Weil man von unserm Rgts.-Kdr. nichts wußte u. unser Rgts.-Adjutant tot war, bin ich durch ein entsetzliches Artilleriefeuer hindurch zum Nachbarregiment 62 gelaufen. An den Tod haben wir wahrhaftig nicht gedacht. Ich fühlte, daß ich heil durchkam. Der Oberstleutnant der 62er war morgens bereits gefangen gewesen u. arbeitete gerade einen Angriff aus, durch den er am andern Morgen seine verloren gegangene Stellung wieder nehmen wollte. Mir konnte er natürlich keine Kräfte geben. Ich versprach ihm aber, zum andern Morgen von hinten Kräfte heranzuschaffen, damit gemeinsam angegriffen werden könnte am andern Morgen. Ich brach dann aber beinahe zusammen. Es ging bis weit über die Kniee durch Schlamm und Wasser. Ich kam zurück bis zum Kompf. der 8. Komp., u. dort fand sich ein braver Kollege, der Ltn. Feger, der eine Meldung an unsern Rgts.-führer, Hptm. Minck, zurückbrachte, in der ich um Hilfe bat. Fünf wackere Leute nahm er mit. Hingekommen sind alle. Zurückgekehrt ist keiner. Den Rückweg haben ihnen wohl die Engld. schon abgeschnitten.

So wurd’s 5 Uhr morgens. Ich mußte dem Rgt. 62 melden, daß ich noch keine Hilfe habe. Als auch um 6 Uhr noch nichts zu sehen war, schickte ich an 9. u. 10. Komp. den Befehl, sich durch Rückzug zu retten. Die hatten aber die Gefahr der Lage nicht erkannt und wollten sich weiter halten, bis Verstärkung käme. Nun blieb mir nichts andres übrig, als selbst zum Hptm. Minck zu laufen. Den Weg hatte ich nie gesehen, von der 8. Komp. war kein Mann mitzukriegen. Nur meine 3 Ordonnanzen wagten’s nochmals, u. wieder war Gott mit uns. Von all den Hunderten schwerster Granaten konnte keine auch nur einen von uns verletzen. Aber wir waren falsch gelaufen. Und zu Hptm. Minck konnten wir am Tage nicht. Die 99er,auf die wir trafen, hielten ihn für gefangen. Jedenfalls stand dicht neben seinem Unterstande schon ein engl. Maschinengewehr. Das ließ keinen heran.

Erst am Abd. des 14. konnten wir in der Dunkelheit durch. Da hörten wir dann das Traurige: An die Rettung der beiden Kompagnien hatte man garnicht denken können, weil Truppen fehlten. Ltn. Feger hatte deshalb schon schriftl. Befehl bekommen, daß wir uns zurückziehen sollten. Hätte ich den bekommen, dann hätte ich die beiden schönen Kompagnien selbst geholt, u. alle waren gerettet. Gott hat’s anders gewollt. Nun war’s zu spät: Auch die 8. Komp. hatte sich schon zurückgezogen, u. so war sogar die 2. Stellung schon verloren. Auch der Batls.-Unterstand des Hptms. Minck wurde abends um 12 Uhr noch fluchtartig verlassen, u. nun kam der traurigste Rückweg, den ich je aus Stellung zurückgelegt habe. Die wahnsinnigsten Gedanken wühlten im Gehirn. Meine brave Kompagnie gefangen, ohne mich! Ich hätte nichts dabei gehabt, wenn eins der dicht platzenden Geschosse der Qual des Gewissens ein Ende gemacht hätte. Dazu kam das Entsetzliche, Furchtbare, das meine Augen geschaut, kam die Sorge ums arme Vaterland. Ich übersah ja genau, was verloren gegangen war, sah, daß die Engländer Riesenerfolge gehabt u. daß bei uns die furchtbarste Verwirrung einriß. Am Nachmittage des 14. suchten 2 Kompagnien 99er einen neuen Graben zu ziehen. Die englische Artillerie fegte unbarmherzig dazwischen. Tote gab’s über Tote. 2 Offiziere u. 2 Ordonnanzen sprangen in einen Graben. Ein schweres Schrapnell. Alle 4 lagen. Ein Offz. tot, sein Begleiter auch; der andere Offz. schwer verwundet. Nur ein Mann war heil geblieben. Weil er unten gelegen hatte.

Und dann war ich an Artilleriestellungen vorbei gekommen. Die Geschütze verlassen. Viele Munition noch dabei. Alles kam nun in Feindeshand. Und was geht sonst mit einer Stellung verloren! Die fleißige stetige Arbeit ganzer 2 Jahre, die Riesenunterstände! Nachher liegen unsere armen Leute unter freiem Himmel bei Schnee und Frost und Regen. Und die Engländer sitzen in unsern warmen Unterständen. Sieh, Liesi, da verliert man Mut u. Glauben! Und als ich hörte, daß schon in der Nacht zum 14. ein ganzes Bataillon 144er dem Feinde in die Arme gelaufen sei, ohne daß ein Schuß hat abgegeben werden können – keiner wußte ja, wie weit die Stellungen deutsch und englisch waren! – da habe ich geglaubt, nun gäb’s kein Retten mehr. Wohl begegneten uns unterwegs Truppen mehr als gut und nötig! Aber was hilft alles, wenn es zu spät ist. Und die Engländer hatten Mut bekommen. Wenig Verluste und große Erfolge. Sie trommelten in den folgenden Nächten noch einmal so arg als sonst. Sie haben ja auch noch allerlei erreicht. Ich hatte keine Lust mehr, noch Berichte zu lesen. Aber der Durchbruch ist trotz alledem nicht gelungen. Die neuen Truppen haben Übermenschliches geleistet. Wie’s jetzt nur aussehen mag dort! Wir hören den Kanonendonner nicht mehr. Aber meine Gedanken sind immer noch am Ancrebach. Dorthin werden sie auch immer wieder zurückkehren.

Die Nacht vom 14. zum 15. habe ich in Bucquoy im Keller, im Bette meines Feldwebels geschlafen. Um 4 Uhr war ich erst dort. Zum Umfallen müde. Ich habe auch wohl einige Stunden geschlafen. Da wurde ich wach u. kam zum ersternmal zum Nachdenken über meine Lage. Allein übriggeblieben! Alle meine treuen Freunde vom I. u. vom III. Batl. weg! Und das II. Batl. hatte ja so Arges nicht miterlebt. Da habe ich mich in wüsten Fiebergedanken im Bette gewälzt wie seither schon oft wieder! Und habe nur meinen Gott gebeten, er möge mir die geistige Gesundheit erhalten u. mich vorm Wahnsinn retten. Haben meine armen Leute noch bluten müssen? Wer gibt mir Gewißheit! Wohl lag die Kompagnie in guten Händen. Ich hatte sie Meyenberg übergeben. Aber die volle und ganze Verantwortung auch für die 10. Komp. trug ich ganz allein. Und beide Kompagnien hätten gerettet werden können noch am Morgen des 14. Nov., wenn ich gewußt hätte, daß keine Hilfe kam. Darüber komme ich nicht hin, und wenn ich noch soviel getan habe. Wenn meine braven Leute gefangen sind, dann mag’s gut sein. Sie haben’s besser als wir alle. Sie haben ihr Leben gerettet. Aber vorläufig wissen wir noch nichts.

Nur eins ist sicher! Solch eine Kompagnie kriege ich nie wieder! Eben schon kamen 80 Mann Ersatz. Aus Lemgo, Detmold, Salzuflen! Aber keine Lipper dabei. Münsterländer u. Rheinländer. Meist Katholiken. Aber sonst kräftige Leute, die alle schon im Felde waren! Möge ein treuer Gott mir die Kraftgeben, die Leute recht zu erziehen, ihnen den alten guten Geist treuester Pflichterfüllung bis zum Tode einzuimpfen! An Fleiß u. gutem Willen soll’s nicht fehlen. Laß uns weiter auf den alten treuen Gott vertrauen, Liesi, der mich so wunderbar geleitet hat. Wir wollen noch mehr als sonst beten. Er wird uns nicht verlassen. Du schreibst ja, daß ohne seinen Willen nichts geschieht.

Herze und küsse mir meine lieben Jungen, Liesi! Vor allem aber sei Du herzlichst gegrüßt u. heiß geküßt von Deinem dich

treu liebenden Paul.


Feldpostbrief, 26. November 1916

Haulchin, den 26. November 1916
Sonntagnachmittag um 3 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Totensonntag! Gestern vor einem Jahre, dem Tage nach, war ich zum letztenmale in Illies, bei unsers lieben Theodor Grabe. Ich habe Linas Blumenzwiebeln gepflanzt. Was aus den Blumen geworden ist – ich hab’s nicht mehr gesehen. Ob sie geblüht haben im Sommer, ob der Friedhof weiter gepflegt worden ist, nachdem die 55er fort waren? Was hat das Regiment inzwischen wieder alles erlebt! Wieviel neue Friedhöfe hat’s anlegen müssen bei Verdun und an der Somme! Und wie mag der schöne Friedhof in Illies jetzt aussehen! Haben die englischen Granaten ihn verschont? Erreichen konnten sie ihn ja längst nur zu gut.

Uns geht’s ja nicht anders. In Salomé und Hantay, wo unsere großen Friedhöfe sind, liegen seit langem sächsische Truppen. Wie mag’s dort jetzt sein. Und in Bourgogne erst gar, wo allem Anschein nach schon im Frühjahr 1915 unsere Linien zurückgedrängt worden sind! Und all die vielen Toten, die hier in der Gegend seit dem Mai gefallen sind! Sie ruhten auf dem schönen stillen Friedhof in Bucquoy. Und heute kam unser neuer Adjutant vom Rgt. 15. Der erzählte, daß Bucquoy ganz von unsern Truppen geräumt werde, da es ständig unter engl. Artilleriefeuer liege. Da wird natürlich bald kein Haus mehr ganz sein, und dann zerwühlen englische Granaten auch bald den Friedhof. Das sind eigenartige Totensonntagsgedanken. Aber sie dürfen uns nicht schmerzen. Der Leib gilt ja nun einmal nichts mehr. Ich habe zerfetzte Leiber gesehen, Körper, von denen kaum etwas Erkennbares geblieben war, habe Körper zermodern und zerfallen sehen draußen in Wind und Wetter und Sonne u. habe wieder aufgewühlte Leichen gesehen, die ihre Ruhe nicht finden sollten im Schoß der Erde. Da sieht man’s, daß der Leib nichts ist als Staub und Asche, nicht mehr und nicht weniger, da verliert man darum auch alle Scheu vor Leichen. Und daran müssen sich unsere Angehörigen daheim auch gewöhnen, daß, wie der grausige Krieg hier alles zerstört, so auch unsere Leiber zerfetzt und zerrissen werden. […]

Am Sonntagabend um 3/4 10 Uhr.

Mein treues Lieb!

Eben komme ich zurück. Unser Bataillonskommandeur ist noch nicht da. Da habe ich bisher all‘ die Arbeit gehabt. Aber heute kam schon unser neuer Adjutant. Der kann jetzt die schriftlichen Sachen erledigen. Er gefällt mir übrigens sehr. Er ist Fabrikbesitzer, 31 Jahre alt u. hat sehr gesunde Ansichten. Gegessen hat er heute bei mir. Die Kompagnieführer haben wir nun alle zusammen. Aber die übrigen Offiziere fehlen meist noch. Die 10. Kompagnie hat Niediek wieder, die 11. u. 12. kriegen zwei Offiziere, die zu Anfang des Krieges gleich verwundet worden sind und seitdem wieder im Felde waren, Ltn. Hellwege und Ltn. Bockermann. Gut, daß nun endlich die Arbeit beginnen kann! Auch für unsere Leute ist’s so besser. Sie waren doch eigentlich ohne jede Beschäftigung.

Heute abend habe ich noch einen Spazierritt nach Denain heraus gemacht. Ich war so wenig an der frischen Luft gewesen und wollte auf andere Gedanken kommen. Der Ritt hat mir auch gut getan. Ich hatte die ganze Zeit vorher nur ein einziges Mal geritten. Ich hatte kein Verlangen danach.

Nun ist der Totensonntag um. Der letzte steht mir noch klar in Erinnerung. Das Wetter war das gleiche. Wie es wohl immer am Totensonntage ist. Morgens trübe und dunstig und nachmittags und gegen Abend noch bleiche Novembersonne. Voriges Jahr fuhr ich zum Pionierkursus nach Seclin. Im Wagen morgens war’s bitterkalt, im Zuge auch. In Lille war ich im Museum und in der Gemäldegalerie. Und abends saßen wir im schönen, gemütlichen Kasino in Seclin und lernten einer den andern allmählich kennen. Welch‘ schöne Tage sind damals gefolgt! Und am nächsten Sonnabend dann wurde August schon verwundet. Ich kann’s nicht glauben, daß das alles nun schon ein Jahr zurückliegen soll. Immer wieder meine ich, so schnell als im Kriege sei mir nie die Zeit geflogen. Und gerade die Zeiten, die andere die langweiligsten nennen, die Schützengrabentage, schwinden mir am schnellsten. Ich habe nichts‘ dabei, wenn wir bald wieder in eine einigermaßen ruhige Stellung kommen. Augenblicklich tobt allerdings wohl der Kampf bei Beaucourt und Serre noch furchtbar. Auch die 15er sind wieder mit dabei gewesen. Selbst bei Gommécourt rechnet man noch mit Angriffen. Die Erfolge bei uns haben selbstredend den Engländern neuen Mut gegeben. – Morgen mehr, mein liebes Lieschen! Gute Nacht u. Gott befohlen!

Am Montagmittag 1 Uhr.

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Da die Post gleich abgeht, muß ich schnell machen. Hier ist alles noch nicht geregelt. Jedenfalls wird die Post kaum so rasch überkommen, wie das im Schützengraben der Fall war. An den Schützengraben habe ich überhaupt schon oft wieder gedacht. Man hatte sich so gewöhnt. Und immer wieder fliegen meine Gedanken nach dort zurück. Trotz aller Gefahr und aller Not. All die Freunde und lieben Bekannten sind ja auch nicht mehr.

Heute morgen hat der neue Regimentskommandeur, Oberstleutnant v. Werder das Regiment bei Thiant zusammengehabt. Eine halbe Stunde von hier. Ein sonnenheller Morgen! Aber welch‘ wehmütige Gedanken! Wie wenige alte Leute hat’s Regiment nur noch! Alles fremde, neue Gesichter. Das tut so wehe. Morgen will der Divisionskommandeur das Regiment sehen. Es gibt sehr viel Arbeit. – Aber Arbeit ist noch der größte Segen. Wenn nur nicht soviel alte Offiziere kommen, daß ich meine Kompagnie abgeben muß! Dann wäre ich totunglücklich. Das ist ja gerade das Einzige noch, was mich aufrechterhielt: Daß ich eine Kompagnie wieder heranbilden wollte wie es die alte 9. war. Geb’s Gott, daß es so wird! – Ich bin mit herzlichen Grüßen und treuen heißen Küssen in dankbarer Liebe

Euer treuer Vater.


Feldpostbrief, 22. Dezember 1916

Haulchin, den 22. Dezember 1916,
Freitag, des Abends um 6 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Der letzte Abend im gemütlichen Quartier! Noch eine Nacht im weichen warmen Bett! Morgen Abend brüllen uns die Geschütze der nahen Front wieder das Abendlied. Bis hier hat man sie heute wieder hören können, über 70-80 Kilometer weg. Man wird sich erst wieder gewöhnen müssen. Wie gut haben’s da die Urlauber! Sie fahren zwar erst am 24. hier fort, fahren aber erst nicht mit nach Courcelles. Auch mein Bursche fährt mit. Ich habe ihm einen Urlaubsschein auch nach Nienhagen geschrieben u. gebe ihm außer diesem Briefe auch in einem Pakete einige Sachen mit. Auch ein Stückchen Käse ist dabei. Von unserm Verpflegungsoffizier. Der kam von Deutschland u. sagte mir, daß dort Käse nicht mehr zu haben sei. Vielleicht mache ich Dir eine Freude damit. Wir bekommen ihn eigentlich etwas zu oft. Unsere Verpflegung ist überhaupt vorzüglich. Da brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen. Schick mir deshalb auch keine Würste mehr, Liesi! Es wäre unrecht. Hilf lieber dort mal jemandem! Die Lebensmittelnot in Deutschland scheint doch sehr groß zu sein.

Auch Dein Päckchen Kerzen schicke ich Dir wieder zurück. Selbst kann ich mir ja keinen Baum machen. Tannen gibt’s nicht. Und für den großen gelieferten Kompagniebaum haben wir auch Kerzen bekommen. Wo der Baum brennen wird, das wissen wir noch nicht, sowenig wie ich weiß, wo morgen abend mein Quartier sein wird. Soldatenlos! Aber die Kerzen bewahr mir auf! Ich hoffe doch, daß unserer Jungen Lichterbaum noch Nadeln hat, wenn ich komme. Dann können wir uns, will’s Gott, alle noch einmal zusammen über der Lichter Schein freuen. In unserer demnächstigen Stellung gibt’s elektrisches Licht. Kerzen werden auch wohl überhaupt nur noch für die Marine geliefert.

Wenn man an den bitteren Mangel von Rohstoffen denkt, fängt man zu zweifeln an, ob wir noch weiter durchhalten können. Ein Stückchen Seife kostet hier 1,20 M. Aber Schaum gibt sie nicht. Und mit manchen andern Dingen geht’s genau so. Ersatzmittel sind da doch nicht zu schaffen. Erst jetzt hören wir auch von Urlaubern, daß unsere Ernte nicht gut gewesen ist u. daß man sich große Sorge wegen der Kartoffeln macht. Und was wird für Obst gezahlt! 30 M der Zentner. Und für Weihnachtsnüsse haben wir beinahe 5 M für das Pfund bezahlt. Pfeffer hat uns neulich 18 M das Pfund gekostet. Ich war diese Zeit Kasinovorstand u. habe so einigen Einblick in diese Dinge bekommen. So übel hatte ich mir die Sache denn doch nicht gedacht.

Wie froh kann ich da sein, daß ich mir in dieser Beziehung Euretwegen keine Sorge zu machen brauche! Von unserm Schweinchen schreibst Du mir mal, nicht wahr? Und die Ziege ist wohl auch wieder gesund. Unser Hauptmann kauft auf, was er hier kriegen kann u. schickt einen Urlauber nach dem andern zu seiner Frau: Hasen u. Enten, Hühner und Tauben, Wurst und Speck und Käse. In Großstädten sei für alles Geld eben nichts mehr zu haben.

Da muß doch des Krieges Ende kommen. Und wenn die Gegner den Frieden noch so weit von sich weisen. Ich hoffe immer noch, daß die Worte der feindlichen Minister täuschen sollen wie unsere Note hat täuschen wollen.

Gestern abend waren alle Unteroffiziere des Bataillons mit uns im schönen Kasino. Die Regimentsmusik spielte, u. wir haben friedlich u. gemütlich beieinander gesessen bis 3 Uhr heute morgen. Um 8 Uhr wurd’s Zeit, daß meine Koffer gepackt wurden. Da bin ich nun ein bischen recht müde, u. heute abend geht’s früh zu Bett. – Hoffentlich. Eine kleine Abschiedsfeier wird sich nicht vermeiden lassen. Heute gab’s keinen Dienst mehr. Da habe ich dann ein Buch, das ich in den ganzen 4 Wochen kaum zur Hälfte gelesen habe, zuende lesen können. Heute nachm. bin ich dann beim Kompf. der 11. Komp. gewesen, dem Kollegen Hellwege, der mir von allen Kameraden eigentlich am besten gefällt. Draußen goß es in Strömen. Trotzdem hatte heute abend der Hauptmann noch die Regimentsmusik kommen lassen. Sie spielte auf dem Marktplätze zum Abschied. Unsere Leute sind mit der Bevölkerung gut fertig geworden. Ich glaube überhaupt, daß wir mit dem Ersatz zufrieden sein dürfen. Besonders nachdem wir vor einigen Tagen 42 der ältesten und schwächsten Lt. von jeder Kompagnie abgegeben haben.

Post haben wir nun schon 2 Tage lang nicht mehr erhalten. Aber wahrscheinlich erwartet sie uns in Courcelles, wo das Rgt. ja nun schon zwei Tage liegt. Hoffentlich ist meine Post immer mitgekommen u. hoffentlich trifft Euch dieser Brief gesund an! Mitnehmen soll Troester nichts. Ich habe ja doch alles. – Mir geht’s gut. Erkältet bin ich allerdings immer noch. – Gott befohlen, Liesi! Ich bin mit Gruß u. Kuß in

treuester Liebe Euer Vater


Feldpostbrief, 25. Dezember 1916

Courcelles, am 1. Weihnachtstage, abends 1/2 6 Uhr.

Mein gutes, liebes Lieschen!

Weihnachten hätte ich zu Hause feiern wollen. Jetzt will ich’s wenigstens in Gedanken tun. Ein Kasino haben wir noch nicht. Aber heute Abend gibts Bier. Ich bleibe aber viel lieber zu Hause. Ich sehne mich ja viel zu sehr nach meinem lieben Lieschen. Und nur mit Dir möchte ich plaudern. Hoffentlich stört mich niemand mehr! – Na, da steht auch ausgerechnet in diesem Augenblick schon eine Ordonnanz da u. bestellt mich für 6 Uhr zum Hauptmann. Besprechung mit den Kompagnieführern. Da kann ich mir meine Stiefel wieder anziehen u. komme sogar um meine Tasse Kaffee. Den ganzen Tag bin ich beschäftigt gewesen. Ob ich nun nachher meine Ruhe finde u. die Zeit für mein Lieschen u. für Weihnachtsgedanken? Hoffen wir’s zunächst einmal!

1/2 9 Uhr. – Gerade komme ich zurück u. habe zu Abend gegessen. Käse (echten Schweizer) u. Leberwurst u. Keks u. Apfelsinen. Zum Kaffeetrinken hatte ich kaum Zeit heute nachmittag, u. gleich muß noch der Feldwebel kommen, damit der Dienst für morgen festgesetzt wird. So werden die Feiertage zum schlimmsten Arbeitstage. Nie bin ich den Krieg so zum Überdruß satt gewesen als jetzt. Von Urlaub ist immer noch keine Rede. Das verbittert schließlich noch am meisten. Und nimmt alle Lust und Liebe. Dabei habe ich noch allerlei Ärger in der Kompagnie, mit dem Feldwebel u.s.w.

Aber weg damit! Das soll mein liebes Lieschen alles nicht wissen. Und heute ist ja Weihnachten. Dazu fand ich eben so viele liebe Briefe u. Karten mit Weihnachtswünschen vor, daß ich mich freuen mußte. Auch Dein lieber Brief vom 20. war schon dabei. Und eine Karte von Pastor Sturhahn.

Heute morgen war ich todmüde. Besonders geschlafen hatte ich nicht. Es war oft schlimmes Trommelfeuer. Auch ein Flieger kam gestern abend spät noch und warf Bomben. Auch eine Christbescherung! Kaffee gabs nicht, da mein Bursche zu lange geschlafen hatte u. weil um 1/2 10 Uhr schon eine Besprechung beim Brigadekommandeur war. Ich habe an mein Mütterchen denken müssen und an den schönen Kaffee und den leckeren Kuchen an jedem Weihnachtsmorgen, wenn nebenan der Lichterbaum brannte. Wieviel Liebe durften wir Kinder doch gerade an diesem Morgen erfahren! Wir wollen’s mit unsern Jungen sicher auch so halten. Gewiß schreibst Du mir recht ausführlich über Weihnachten, nicht wahr, Liesi? Zwar ist’s 1/2 10 Uhr u. das elektrische Licht brennt nicht mehr u. mein Ofen will auch so recht nicht mehr. Aber etwas möchte ich doch noch plaudern.

Nach der Besprechung heute morgen ging ich zum Weihnachtsgottesdienst. Pastor Müller. Im Kino. Von der Predigt habe ich nicht sehr viel gehört. Aber ich sah doch einen Weihnachtsbaum brennen u. hörte Weihnachtslieder u. sang sie selbst. Die hellen Tränen wären mir beinahe über die Backen gelaufen als die Musik zu dem alten schönen „O du fröhliche“ ansetzte.

An die schöne Weihnachtsfeier in Bourgogne durfte ich nicht denken. Neben mir saß Niedieck, der damals die 3. Komp. führte. Und auch vor einem Jahre war’s noch so schön. Wer von all den lieben Kameraden ist nun noch da? Alles fremde Gesichter! Alles Leute mit anderen Erinnerungen! Und wie trostlos sind die Verhältnisse hier! Kein Raum, in dem eine Kompagnie hätte feiern können! Bäume und Geschenke sind noch nicht da. Weihnachtsstimmung kommt nicht auf. Und auf den Straßen ein so entsetzlicher Schmutz, daß man kaum durchkommt. Und vom Himmel strömender Regen. Das ist in Frankreich aber wohl immer so.

Übel war auch unser Reisetag. Am 23.12. morgens 9 Uhr sollte unser Zug von Trith-St. Leger fahren. Spät abends am 22. aber kam Befehl, daß der Zug 2 Stunden früher abgehe u. daß wir eine Station vor Bapaume ausgeladen würden. Keiner zweifelte daran, daß wir an der Somme eingesetzt würden, weil dort gewaltige Artilleriekämpfe zu hören waren. In netter Stimmung habe ich mich am 23.12. morgens um 5 Uhr von Troester verabschiedet, der in Haulchin zurückblieb, um von dort in Urlaub zu fahren. Er sollte Dir von allen Befürchtungen nichts erzählen u. hat’s auch sicher nicht getan. Es regnete in Strömen u. nach 1/2 Stunde Marsch floß mir das Wasser über die Satteltaschen an den Beinen hinab. Mein Schimmel scheute in der Finsternis vor jeder Wasserpfütze u. jedem Pfahle. Sonst wäre ich trotz des Regens eingeschlafen. Auf dem Bahnhofe in Trith habe ich meine Knie etwas wieder getrocknet u. dann haben wir uns in einem Abteil II. Klasse dicht neben einander gepreßt u. eine Flasche Rum u. Steinhäger nach der ändern geleert bis wir etwas warm wurden u. einschliefen. Die Kälte des ungeheizten Wagens hatte uns natürlich rasch wieder wach. Um 12 Uhr waren wir in Frémicourt vor Bapaume. Befehle für uns waren nicht da, u. des furchtbaren Regens wegen brachten wir unsere Leute in der Kirche unter. Der Sturm hatte alle Telefonleitungen zerrissen, u. erst um 3 Uhr erfuhren wir, daß das Bataillon doch nach Courcelles solle. Das waren 18 km. Ein furchtbarer Weg für unsere Leute mit ihrem sämtlichen Gepäck. Sturm u. Regen noch ärger wie morgens. Ich bin oft vorausgeritten oder zurückgeblieben, um Schutz hinter Häusern oder Mauern zu suchen.

Wir kamen über Mory, wo wir im September einige Zeit in Zelten gelegen hatten. Ich kannte den Ort nicht wieder. Eine zweigeleisige Bahn mit neuem Bahnhof war gebaut. Die Wege sind nämlich einfach nicht mehr zu benutzen. Die Straßen haben metertiefe Löcher, die mit Schlamm u. Wasser gefüllt sind. Das ganze Bataillon suchte auf einer großen, breiten Chaussee im Gänsemarsch Stellen, die zu passieren waren. 2 km über eine Stunde! Mein Schimmel hatte ein Eisen verloren u. lahmte. Ich mußte zu Fuß gehen u. hatte meine schönen gelben Stiefel mit Gamaschen an. Bis über die Knie ging’s durch den Schlamm, u. dann fiel ich längelang noch in den Graben. Mein schöner Mantel u. meine neue Mütze sind heute noch nicht wieder in Ordnung. Den Tag werde ich nie vergessen. Eigentlich war’s der tollste im Kriege. Schlimmere Wege gabs in La Bassée bei Hochwasser nicht. Die halbe Kompagnie hatte ich unterwegs verloren. Erst nach u. nach fanden sich die Leute wieder ein. Und dann abends 1/2 10 in ein fremdes, ungemütliches Quartier. Essen hatte es den ganzen Tag nicht gegeben. Immerhin war’s aber besser als wenn man uns von Frémicourt in die Granatlöcher an der Somme geschickt hätte. Und nicht mal schlimmer erkältet bin ich nun. Gerade das befürchtete ich am meisten. Und keiner unserer Leute hat sich krank gemeldet. Sogar der Schimmel macht’s schon wieder. Nur daran, daß ich sogut wie mein Troester all diesem Umzugskram hätte aus dem Wege gehen können, darf ich nicht denken. Sonst kommt die Bitternis. Gerade bei so etwas ist ein Kompagnieführer leicht zu entbehren. Aber all das Schimpfen hat ja keinen Zweck.

Ich muß schließen. Es wird kalt, u. morgen früh um 7 Uhr muß ich aufstehen. Gott befohlen, mein Lieb! Er schütze uns alle!

Ich bin u. bleibe mit herzlichstem Gruß u. vielen Küssen für Dich und unsere Jungen in treuester Liebe

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 11. Februar 1917

Boiry Ste. Rictrude, den 11. Februar 1917,
am Sonntagmorgen um 1/2 10 Uhr.

Mein Herzlieb!

Sonntagmorgen! Vom letzten habe ich nicht viel gehabt. So habe ich kaum jemals im Leben gefroren. Ich war von der langen Fahrt so todmüde, aber schlafen konnte ich kaum mal länger als 1/4 Stunde. In Herbesthal oder schon vorher in Cöln hätte ich so gern eine Karte geschrieben. Aber erst in Lille ist’s mir möglich gewesen. Am wärmsten war mir’s jedesmal, wenn ich Butterbrot gegessen hatte. Appetit hatte ich sonst nicht. Alle andern Herren rauchten. Trotzdem war’s mit meinem Husten erträglich. Andere husteten ebensoviel.

In Lille mußte ich umsteigen. In Douai und Cambrai auch. Der Zug nach Cambrai dampfte verheißungsvoll aus allen Leitungsrohren. Umsomehr enttäuscht war jeder, daß der Zug genau so kalt war wie alle andern. Alle Scheiben waren so dick gefroren, daß man nach draußen nichts sah. Da wunderte ich mich dann, als bald hinter Cambrai Herren mit bestaubten Stiefeln einstiegen. Und wenn von da an mal wieder eine Tür geöffnet wurde, sah ich braune Felder nur dürftig mit Schnee bedeckt. Und bei meiner Abreise lag der Schnee genau so tief als in Deutschland. Es hat aber damals hier einige Tage nicht gefroren, und da ist der Schnee langsam wieder geschwunden. Dann hat aber Frost eingesetzt, wie ihn kein Franzose je erlebt hatte.

Am übelsten war übrigens die Fahrt von Cambrai nach hier. Die kalten Morgenstunden empfand man besonders. Und dabei wurde auf jeder kleinen Station lange gehalten. Die Strecke ist eingeleisig und wird riesig benutzt. Da bin ich dann oft auf den Bahnhöfen hin- u. hergelaufen, damit die Füße warm wurden. Ich hatte vorher manchmal das Gefühl, daß sie erfroren seien. Jeder hatte im Zuge fortwährend seine Beine in Bewegung, u. auf den Stationen wackelte der ganze Wagen. So arbeiteten die trampelnden Beine. Dabei war der ganze Zug so dichtgedrängt voll, daß jeder nur sein schmales Plätzchen hatte. Daß ich da oft an unsere warmen Betten, an die Küche und ans mollige Speisezimmer gedacht habe, mein Lieb, das kannst Du Dir denken. Gern hätte ich auch meinen Likör getrunken. Aber ich fürchtete mich, den Wäschesack zu öffnen. Und als ich ihn dann abends hier lospackte u. die Flasche vors Fenster stellte, kam sie auf der Steinfensterbank auf irgend eine Weise leicht zu Fall, u. der schöne Likör war hin. Schade! Aber Scherben bringen ja Glück. Und mehr als Glück ist’s ja schon, daß mir die Reise nicht geschadet hat. Nach Zeitungsberichten bin ich doch wohl gerade während der kältesten Nacht unterwegs gewesen.

Hier hatten wir zum erstenmale vorige Nacht bewölkten Himmel. Es war recht milde. Heute morgen war Nebel und Rauhreif. Jetzt scheint schwach und weiß die Sonne. Ob’s Wetter umschlägt? Wir wünschen es gerade nicht. – Meine Gedanken sind in Nienhagen. Du bist vielleicht zur Kirche. Wir haben heute Nachmittag Gottesdienst. Pastor Müller ist mit zu unserer Division gekommen u. beim Regiment geblieben. Ebenso wie der vorzügliche katholische Pfarrer, Dr. Eschweiler. – Schließen will ich heute Abd. Soeben höre ich, daß nach der furchtbaren Artillerievorbereitung der letzten Tage vorige Nacht das Dorf Serre von den Engländern genommen worden ist. Jammerschade!

Abds. 10 1/4 Uhr. Mein liebes, gutes Lieschen! Heute nachm. kamen Deine lieben Briefe vom Montag u. Dienstag. Herzlichsten Dank! Ich antworte morgen. Schade, daß die Aufnahmen nicht gelungen sind! Besonders die große von uns beiden! Ob wohl aus den andern etwas wird?

Beim Gottesdienst war’s kalt. Dann hatte ich Dienst, Besprechungen u. Essen im Kasino bis jetzt. Die Stunden fliegen viel zu schnell. – Mir geht’s gut. Gott befohlen u. herzlich treue Grüße für Dich u. die Kinder!

Dein Paul.


Feldpostbrief, 20. Februar 1917
Im Schützengraben vor Blairville, den 20.2.17
A 3, am Dienstagabend um 8 Uhr.

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Ich komme gerade wieder aus Stellung. Kalt ist’s draußen und naß und unerfreulich. Ein feiner Regen rieselt, und unsere schönen Gräben bröckeln allüberall. Die Grabenwände scheinen zu leben. Soweit das Gestein auftaut, bröckelt’s ab. Auf den tiefen Stellen reicht’s Wasser schon wieder bis an die Waden. Das bedeutet für die armen Leute wieder unendliche Arbeit. Und ungemütlich ist dies Wetter. Man friert mehr als beim Froste neulich. Nur nachts bin ich jetzt immer recht warm und schlafe gut.

Meine Post kommt jetzt sehr spärlich. Den ganzen Tag freue ich mich schon auf den Abend. Aber wie oft wurde ich nun schon enttäuscht! Eben kam schon die Post. Für mich mal wieder garnichts. Nun, Dir ist’s ja in letzter Zeit genau so ergangen. Seit Du mir schriebst, daß Friedel Dir Abzüge geschickt habe, warte ich auch auf Bilder. Aber sie kommen nicht.

Gestern Abend hatte ich gleich 2 Briefe von Dir. Den versehentlich liegen gebliebenen Sonntag – Montagbrief und den vom Mittwoch. Du hast am Sonntagnachmittag, am 11.2., im gemütlichen Eßzimmer gesessen, mit den Gedanken bei mir und mit dem Wunsche, mich Dir gegenüber zu haben. Ja, Liesi, wir hätten uns viel häufiger gegenüber sitzen sollen, Auge in Auge und in trautem Zwiegespräch. Wie selten ist’s aber eigentlich in den zwei langen Wochen dazu gekommen! Aber nur, glaube ich, weil’s Urlaub war. Bloß Urlaub. Am Tage war ich voll Unruhe, u. Du glaubtest für mich sorgen zu müssen in Speise und in Trank. Und abends war dann Dein Paul müde und ungenießbar und verlangte ins Bett. Damit er vom folgenden Tage mehr hätte und er früher aufstehen könnte. Und wenn’s dann 1/2 9 oder 9 Uhr mit Aufstehen wurde, dann war mir das schon nicht recht, und die verlorenen Stunden suchte ich dann törichterweise noch den ganzen Tag. So flog ein Tag nach dem andern, noch dazu in steter Furcht vor neuem Telegramm. Die Furcht vor bitterem Abschiede ist mir sonderbarerweise nie gekommen. Ich habe geglaubt u. hab’s auch am 2. Februar noch zu Gustav gesagt, daß auch das Abschiednehmen zur Gewohnheit werde. In Waddenhausen wurde mir der Abschied ja auch nicht schwer. Selbst von Vater nicht und nicht von Mutters schneebedecktem Grabe. Anders war’s schon in Nienhagen! Ich konnte mich kaum von all den traulichen Räumen trennen. Du hast’s wohl gemerkt, u. zu Helmchen bin ich immer und immer wieder zurückgekehrt. Zum letztenmal, als ich durch die gefrorenen Scheiben der Haustür das liebe kleine nichts ahnende Gesichtchen nicht mehr sehen konnte u. Lieschen auch so weinte.

Und dann kam’s Schwerste. Auf dem Bahnhofe. Mein Lieschen! Wie wacker hattest Du bis dahin der Tränen gewehrt! Da habe ich’s gefühlt: Solch ein Abschied kann und wird nie Gewohnheit werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß es das letzte Sehen auf Erden ist, war doch nie so groß als diesesmal, wo wir doch beide wußten, daß der letzte Teil des Krieges auch der schwerste u. schlimmste werden muß. Und doch hast Du recht: Wir müssen Gott danken dafür, daß wir die 2 schönen Wochen so schön haben verleben dürfen, glücklich und froh unserer Liebe und unserer beiden lieben gesunden Jungen! Gott wird unsere Gebete auch weiter erhören. – Es ist 10 Uhr. – Gute Nacht u. Gott befohlen!

Euer getreuer Vater.


Feldpostbrief, 25. Februar 1917

Im Schützengraben vor Blairville, Sandkuhle, 25.2.17,
A 3, am Sonntagabend um 6 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Das war ein Sonnen-Sonntag! Und ich habe geglaubt, der Frühling wäre nun auf bestem Wege. Unsere Sandgrube glänzte festtäglich im hellen Sonnenschein. Die Erde dampfte Lebensodem. Aber schnell ist’s wieder kalt geworden u. rauh. Die Sonne scheint nicht mehr. Der Himmel ist bewölkt. Da merkt man erst, wie sehr man sich nach Licht und Sonne sehnt. Wir haben in Deutschland aber auch nur im November mal solche Nebel. Und dann für wenige Tage. Hier ist nun seit 10 Tagen ein Tag wie der andere. Voll von dichtem Nebel. Da konntest Du oft kaum auf 50 m sehen, und wir sind oft mitten am Tage dicht vor dem englischen Graben gewesen. Auch heute morgen prüfte ich mal unser Drahtverhau. Da hörte ich Musik und glaubte, daß sie von England komme. Aber sie klang zu viel nach deutschem Militär. Zuerst glaubte ich an Beerdigungen. Bald aber hörte ich lustige Weisen: Walzer u. Märsche. Von Boiry kam’s. Da mußte also was los sein! Richtig: Sonntag! Natürlich: Gestern war ja auch Sonnabend! Das war mir voll zum Bewußtsein gekommen. An den lieben Sonntag hatte ich noch nicht gedacht. Seit wir nach dem 1. Juli immer so lange in Stellung liegen, kennt man im Graben nicht Sonntag mehr u. nicht mehr Alltag. Ich habe doch nun schon gar oft wieder an unsern Pastor Romberg gedacht. Er ist nicht gleich am 13. November gefallen, sondern erst gestorben, nachdem man ihm in einem englischen Feldlazarett beide Beine amputiert hatte. Seine Frau u. ein Kriegsjunge weinen daheim um ihn. Wenn irgend, muß bei ihm ein Gott der Gnade sprechen: „Ei, du frommer u. getreuer Knecht!“ Treu war er, seinem Gott u. seinem Kaiser, für den er gern geblutet hat. Wohl selten hat sich so jemand über seine beiden Eisernen Kreuze gefreut als er, selten hat sie aber auch einer ehrlicher verdient.

Ich habe in meinem Kompagnieabschnitt in einer kleineren Sandgrube 2 schwere Minenwerfer stehen, die unter dem kleinen Leutnant Schmidt, der übrigens auch Kollege ist, nun öfters schießen. Das läßt sich Tommy natürlich nicht bieten. Und seit der Zeit haben wir hier oft dicke Luft. Meine Gräben sind stellenweise übel zerschossen. Verluste hat’s gottlob nicht dabei gegeben.

Aber heute morgen wieder durch eine dumme Spielerei. Im Nachbarunterstande liegt die Bedienung eines Maschinengewehrs. Die Leute haben mehr freie Zeit als so ein armer Infantrist. Einer von ihnen nimmt sich eine Sprengkapsel von einer Handgranate, die so hübsch als Spitzen für dünne Bleistifte sind. Sie enthalten nur einige Gramm eines Sprengstoffs. Aber die haben dem Mann 2 Finger weggerissen und einem Kameraden Hände u. Gesicht zerfetzt. Der hat dabei gesessen und beim Schlafen am Tische die Hände vor’s Gesicht gehalten. Sonst wär’s ums Augenlicht geschehen gewesen. Dabei wird gerade diese Sache den Leuten tausendmal gepredigt.

Mir geht’s heute nicht so gut. Ich habe Kopfschmerzen und kalte Füße. Auch wohl solch eine Art Influenza. Die tritt jetzt häufig auf. Hoffentlich verschwindet sie schnell wieder!

Von Dir kam gestern abend nichts, Liesi! Ich hatte ja aber auch vorgestern schon 2 Briefe vom Montag u. Dienstag. An Augustens Geburtstag habe ich erst heute gedacht. Da kommt mein Glückwunsch gewiß zu spät. – Gott befohlen u. Gruß u. Kuß für Dich u. Bub u. Helmut!

Dein Dich treu liebender Paul.

Wie geht es Dir, Liesi?


Feldpostbrief, 28. Februar 1917
Im Schützengraben, Sandkuhle, vor Blairville, d. 28. Febr. 1917,
am Mittwoch, mittags 12 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Genau 14 Tage liegen wir nun schon im Graben. Ob wir die nächsten 14 Tage auch noch mal bleiben, wie es vorgesehen war? Ich glaube es kaum. Vorige Nacht konnte ich schlecht einschlafen. In meinem Unterstande war alles vollkommen ruhig. Nur ein Telefonist und eine Ordonnanz wachten. Da hörte ich gleichmäßiges Hacken und Pochen. Das hatte ich in den letzten Tagen schon häufiger festgestellt, wenn ich mich mal hingelegt hatte. Aber ich hielt’s für Holzhacken oder für die Tritte des Postens draußen. Beides konnt’s diesmal nicht sein. Ich horchte und ließ auch die beiden Leute horchen. Kein Zweifel! Unter oder neben uns wird gearbeitet. Da wir hier alle Minierarbeiten eingestellt haben, kann’s nur der Engländer machen. Ein schönes Gefühl ist das ja nun gerade nicht, zu wissen, daß man nächstens mit hochfliegt. Ich werde deshalb auch selbstredend alles tun, meine Vorgesetzten von der Gefahr zu überzeugen, in der wir alle schweben.

Dir würde ich aber gewißlich nichts davon schreiben, Liesi, wenn ich nicht besondere Gründe hätte. Tapfer mußt Du ja überhaupt allem entgegensehen, was kommen kann. Mein tapfres Lieschen tut’s ja auch. Das weiß ich. Wenn Du nun in unserer Gegend (Ransart, Blairville, Blamont, Ficheux) von größeren Sprengungen lesen solltest – den Sprengungen folgen allemal große Angriffe – und ich würde nachher als vermißt gemeldet, dann darfst Du Dir keine Hoffnungen mehr machen. Es bleibt bei solchen Sprengungen eben nichts am Leben. Das mußt Du wissen, Liesi! Und nur deshalb schreibe ich davon. Der Tod ist sicher leicht und schnell. Es wird einem garnicht mehr zum Bewußtsein kommen, was geschieht oder geschehen ist. Beten wollen wir wie bisher zum Retter aus Not und aus Gefahr! Und das Danken wollen wir nicht vergessen für all das viele Gute, das wir erfahren haben! Auch in den letzten 14 schönen Urlaubstagen! Aber bitte, Liesi, mach Dir nun nicht besondere Sorgen! In Lebensgefahr war ich ja schließlich immer.

Heute werde ich wohl kaum Post von Dir bekommen. Gestern abend kam ja schon Dein lieber Brief vom 23.2., der in Heiden gestempelt war. Von Rudolf kam der etwas sonderbar gehaltene Brief vom 20./2. Auch Du wirst den nicht verstehen. Außerdem habe ich genau so regelmäßig wie sonst geschrieben. Und in Waddenhausen ist kein ungünstiges Wort über Rudolf gefallen. Das habe ich Rudolf auch geschrieben und mir im übrigen solche Briefe verbeten, zu denen ich nicht den geringsten Anlaß gegeben habe. Zugleich habe ich angefragt, ob Heerserheide etwa im Spiele sei. – Warst Du übrigens dort, Liesi? Und was hat ’s gegeben?

Bubi wird schon seinen Spaß am Telefon haben. Das verstehe ich nur zu gut. Ihr habt aber auch manches Angenehme dadurch. Seid Ihr an Lage angeschlossen oder an Detmold? Denkt Bubi auch noch an mich, u. spricht er zuweilen noch von selbst von mir? Ganz viel Spaß haben wir beide ja diesesmal gerade nicht zusammen gehabt. Zum Schlittenfahren war’s zu kalt. Und Helmchen? Was macht der? Schick mir nur recht bald mal wieder Aufnahmen! Und dann schreib doch nun auch bitte jedesmal wieder kurz über Dein Befinden! – Wie ist’s mit meinen Lederhandschuhen, mit Äpfeln und mit Kuchen? Gelegentlich, nicht wahr, Liesi? Die Postsachen aus der Heimat kommen ja nun scheinbar wieder schneller über. Gott mit uns. Ich bin und bleib mit herzlichstem Gruß u. Kuß Euer treuer

Vater


Feldpostbrief, 9. Mai 1917
Vezon bei Tournai, Rue de Mons, den 9. Mai 1917,
am Mittwochabend um 3/4 11 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Heute Abend kam wieder keine Post von Dir. Nun schon drei Tage nicht. Darum erwartete ich bestimmt einen Brief u. ging gerade deshalb zeitig aus dem Kasino fort. Da ist man dann enttäuscht. Hoffentlich bedeutet’s nichts Schlimmes! Auch andere Post kam nicht. Ich schrieb ja aber auch in letzter Zeit so sehr selten. Heute Nachmittag habe ich zwar allerlei alte Schulden erledigt, u. morgen werde ich hoffentlich fertig! Wenn wir nicht schon um 12 Uhr nach Tournai fahren. Ich muß dort noch allerlei einkaufen u. müßte unbedingt baden. Da wirds mit dem Zuge um 1/2 6 zu spät für’s Theater. Das beginnt um 8 Uhr. Es gibt Mozarts „Figaros Hochzeit“. Ich freue mich mächtig auf die schöne Musik. Ich habe die Oper erst einmal in Detmold gehört, vergesse aber nie den tiefen Eindruck. Mutterseelenallein bin ich in der schönen Mondscheinnacht über den Lageschen Berg durch die einsamen Tannen u. Kieferwälder nach Hause gegangen. Und immer noch klangen die Töne des Meisters in mir wieder. Hoffentlich werde ich morgen nicht enttäuscht.

Draußen war’s heute Nachmittag wundervoll! Die Kirschen blühen nun allüberall. Die roten Pfirsiche auch. Schwer hängen die süßen Düfte. Und die junge Saat sproßt u. grünt u. wächst. Als ob man’s sehen könnte beinahe. Und drüben an der Front, da hetzt man die Menschen wie Bestien aufeinander. Und unten in der Champagne u. bei Reims, da bluten die letzten französischen Divisionen u. stehen in wilder Verzweiflung Deutschlands Söhne in einem Eisenhagel, wie ihn die Welt noch nie gesehen. Kann der Wahnsinn noch weiter getrieben werden? Sollen Amerika u. China noch eingreifen, ehe das Ende kommt? – – – Gute Nacht, Liesi, u. Gott befohlen!

Dein Paul.


Feldpostbrief, 13. Mai 1917
Vezon bei Tournai, Rue de Mons, d. 13. Mai 1917,
am Sonntagabend um 1/2 11 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Es ist spät geworden. Und einen eigentlichen Sonntagsbrief hast Du nicht erhalten. Ich bin den ganzen Tag über in einer sonderbaren Stimmung gewesen. Das hat wohl Dein Brief gemacht u. Dein stiller Vorwurf. Und von der Front herüber klingt seit Tagen schon ein wahnsinniges Trommelfeuer, das nichts Gutes verheißt. Die 5. Arrasschlacht ist in vollem Gange. Wohl sagt der gestrige Bericht, daß alle Angriffe bisher blutig abgewiesen seien. Aber wie wird’s weiter gehen?

Trotz des Sonntags habe ich Arbeit gehabt. Heute morgen schoß die Kompagnie in einem Steinbruch halbwegs Tournai. Ich ritt um 8 Uhr hin, u. Hellwege holte mich wieder ab. Langsam sind wir auf Fußpfaden durch die üppig grünenden Felder zurückgeritten. Aus dem Weiß der blühenden Obstbäume lugten die roten Ziegeldächer der sauberen Dörfchen heraus. Malerische Bilder! Man kam auf andere Gedanken. Da erfuhren wir auf dem Bataillonsgeschäftszimmer, daß Niedieck das E.K. 1 erhalten habe. Er, der’s am wenigsten verdient! Da war alle Stimmung wieder hin. Keiner unserer braven Leute hat’s erhalten.

Heute Nachmittag habe ich im Bette gelesen. Draußen war’s furchtbar heiß. Erst um 1/2 6 bin ich zu Hellwege gegangen, u. mit ihm u. Bockermann zusammen habe ich einen Spaziergang zum Walde von Barry gemacht. Zum Reiten war’s zu heiß. Wir sind dann gleich zum Kasino gegangen. Dort hielt mich’s nicht, weil ich sicher einen Brief von Dir erwartete. Den fand ich nicht. Da war die gedrückte Stimmung wieder da. Hoffentlich kann ich schlafen! Ich bin furchtbar müde. Und morgen früh muß ich um 6 Uhr heraus. Da schreibe ich morgen zuende. Gott befohlen, Liesi! Ich grüße u. küsse Dich u. die Kinder u. bin u. bleibe

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 15. Mai 1917
Vezon bei Tournai, Rue de Mons,
Dienstag, den 15. Mai 1917, abends um 5 Uhr.

Mein Lieb,

gerade hatte ich mich etwas zum Schlafen hingelegt, da weckt mich der Feldwebel. Es ist telefonischer Befehl gekommen, daß wir nächste Nacht oder morgen abrücken. Näherer Bescheid kommt noch. Da will ich wenigstens schnell den Brief an Dich noch beenden.

Soldatenlos! Keine Stunde ist man sicher. Jeder von uns hatte doch mit wenigstens noch 14 Tagen Ruhe gerechnet. Wir hatten sie doch auch eigentlich ehrlich verdient. Und gerade jetzt deutet rein gar nichts auf so rasches Ende der Ruhe hin. Heute morgen noch war Besichtigung der 6 am 11. Mai nicht besichtigten Kompagnien des Regiments. Um 1 Uhr nachts bestellte mich der Telefonist dazu. Um 5 Uhr mußte ich aufstehen, u. um 6 Uhr fuhren Hellwege und ich mit dem Rittmeister u. unserm Adjutanten nach Tournai, wo um 1/2 8 der Zauber losging. Wieder genau das gleiche Bild wie damals bei uns: Kein Wort des Lobes u. der Anerkennung. Dafür Beschimpfungen der Offiziere und der Leute. Wir haben nun Arbeit, unsere Leute wieder zu beruhigen. Denn wir müssen mit ihnen auskommen. Wir sind auf sie angewiesen. Und wir alle kämpfen und bluten nun wieder für’s Vaterland. Trotzalledem. Unser deutsches Volk ist so golden treu, so gut. Da sollte man unsere Leute anders behandeln. Es ist empörend.

Die Besichtigung dauerte bis 1/2 1 Uhr. Dann sind wir zum Kathedral-Hotel gefahren, wo wir sehr teuer, aber nicht gerade gut gegessen haben. Ein paar Glas schweren Burgunderweins haben mich sehr müde gemacht. Deshalb hätte ich so gern geschlafen. Wer weiß, ob’s nun noch eine Stunde Schlaf gibt. – Gerade war Karl Grüter, unser Gerichtsoffizier, hier. Er läßt Dich grüßen. – Armes Lieschen! Du hast Dich vergeblich gefreut. Und – ich auch. Denn 5 oder 6 Tage Urlaub hätte ich wohl doch herausgeschlagen. Nun geht’s wieder ins Ungewisse. Aber mit Gott! Und der wird mit uns sein. Küß mir die lieben Jungen heute besonders herzlich, Liesi! Ich hatte mich aufs Wiedersehen so herzlich gefreut. Gott befohlen! Gruß und Kuß

Dein getreuer Paul.


Feldpostbrief, 30. Mai 1917
Im Schützengraben bei Fontaine, den 30. Mai 1917,
am Mittwochabend um 1/2 8 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Bei trüben, flackerndem Kerzenlicht will ichs versuchen, zu schreiben. Wann u. ob der Brief fortkommt, weiß ich noch nicht. Auch der Kartenbrief von gestern liegt noch hier. Mit dem Verkehr nach hinten ist’s nämlich so eine Sache. Gestern kam unsere Feldküche heraus. Die Essensholer von zwei Zügen haben sie gefunden. Die von einem andern Zuge nicht. Die 13 Mann sind überhaupt noch nicht zurück. Jetzt, nach beinahe 24 Stunden. Das macht natürlich Sorge. So hat der ganze Zug nun kein warmes Essen bekommen. Ich auch nicht. Und alle 2 Tage soll der furchtbaren Schießerei wegen die Küche nur kommen. Das mache ich im Kriege auch zum erstenmale mit. Warmes Essen hat’s sonst noch jeden Tag gegeben. Aber hier verzichten die Leute lieber, als daß sie 1 1/2 Std. weit durch schweres Artilleriefeuer laufen.

Annäherungsgräben haben wir nicht. Die ganze Siegfriedstellung war ja nur halb fertig als wir kamen u. als die Engländer sie bereits so unter Feuer hielten, daß an Fortführung der Arbeiten nicht mehr zu denken war. Eine Schande ist’s, wenn man sieht, wie die Feldbahnen u. die Feldbahnwagen zerstört im Gelände herumliegen, wie Hunderte von gefüllten Cementsäcken verdorben sind u. all die halbfertigen Eisenbetonbauten uns nun nicht den geringsten Schutz bieten. Millionen von Mark sind nutz- u. zwecklos vergeudet. Und hunderte von Menschenleben hätten gerettet sein können, u. kein Stück des „Siegfried“ wäre vielleicht in Feindes Hand gefallen, wenn alles fertig war. Dafür haben die gefangenen Russen hier lange ein gutes, faules Leben geführt. Ich möchte die Verantwortung für alles das nicht tragen.

Daß ich hier schlecht hause, schrieb ich gestern schon. Wenn man nicht stets den Mantel anhat, hält man’s nicht aus. Heute Nachmittag habe ich eine Zeitlang oben in der Sonne gelegen. Bis es zu regnen anfing.

Wir hatten ein Gewitter. Da freut man sich natürlich, wenn man einen Unterstand hat. Die armen Leute vorn in den Granatlöchern tun mir leid. Dann sind 6 Tage doch reichlich lang. Gestern Abend habe ich mir den Betrieb da vorn mal angesehen. Da liegt der Engländer 15 m ab. Laut sprechen darf man kaum. Und das Sonderbarste ist: Der Stollen gehört auf einer Länge von 50 m uns. Aber oben im Graben sitzen die Engländer. Drei Stolleneingänge sind vernagelt. Das Stollenstück ist deshalb so wertvoll, weil am äußersten Ende ein Brunnen für Trinkwasser ist. Natürlich kann man das nicht preisgeben. Aber ein eigenartig Gefühl ist’s doch: Oben England, unten wir! Diesen schwierigsten Teil der Stellung hat Bockermann mit seiner 12. Kompagnie. Den besuchte ich gestern Abend. Überall lagen noch Leichen vom Pfingstsonntag. Die rochen bei der Hitze schon stark. Ob’s das gewesen war oder meine Erkältung, weiß ich nicht. Jedenfalls fühlte ich mich bei Bockermann schon sehr schwach. Auf dem Rückwege mußte ich mich dann erst mal in ein Granatloch legen u. nachher übergeben. Dann wurd’s etwas besser. Aber ich bin auch heute noch sehr schwach u. immer müde. Ich könnte ständig schlafen u. muß immer mit dem Schlafe kämpfen. Glücklicherweise ist aber mein Appetit noch ziemlich gut. Es wird auch bald wieder werden. Manchmal scheint’s doch, als wenn es im Graben mit mir nicht so recht mehr will. Es sind ja nun auch 2 Jahre u. 8 Monate ununterbrochenen Kriegslebens im Graben.

Heute morgen kam durch die Essenholer Dein l. Brief vom 24. Mai mit. Deine Post kommt also ziemlich schnell über. Aber auffallend lange sind doch meine Belgienbriefe unterwegs gewesen. 10 Tage? Wie mag das nur kommen? Ob Du all meine Briefe bekommen hast, wirst Du noch nicht haben feststellen können. Ich schrieb aber täglich.

Wegen der Ziege mach Dir keine Gedanken! Die hat sicher Pflicht u. Schuldigkeit getan u. sich brav bezahlt gemacht. Das alles sind ja auch große Kleinigkeiten.

Wie steht sonst die Saat dort, Liesi! Hat das Obst geblüht, gibt’s Kirschen, Beeren, Zwetschen? Ich meine, all das müsse beinahe ausschlaggebend für unser Durchhalten sein. Und darauf kommt’s letzten Endes doch an!

Den beiden lieben Bubenjungen herzlichste Grüße u. viele dicke Süße! Den süßesten Kuß aber für Dich, Liesi! Gott befohlen!

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 6. Juni 1917
Am Senséebach bei Fontaine, Mörser-Mebu, 6. Juni 17,
am Mittwochabend um 12 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Stehe ich da heute nachmittag mit meinen beiden Zugführern – der 2. Zug liegt ein ziemliches Stück seitab im Felde – und sprechen davon, daß die Kompagnie in diesen Tagen soviel Glück gehabt habe mit Verlusten. Und dicht dabei findet man vor einer Stunde einen meiner besten Leute, beinahe kalt. Er hat sich nur ein Stückchen vom Mebu entfernt gehabt. Da hat ihn ein ziemliches Sprengstück eines Schrappnells gefaßt. Schulter u. Kreuz. Soeben trägt man ihn fort. Er ist vor kurzem von Belgien aus in Urlaub gewesen u. hat – geheiratet. Heute nachmittag stand er noch hier an meinem Mebu als Posten. Ich habe ihn immer gern gehabt. So etwas bringt die Gedanken sehr schnell wieder auf andere Wege. Ich hatte gerade von Frieden u. Heimkehr geträumt im Halbdunkel als mir der Tod des braven Niewalda gemeldet wurde. – Gar meist kommt nun ein Unglück nicht allein. Gott schütze uns!

Die Essenholer sind noch nicht zurück. Da ist auch die Post noch nicht da. Hoffentlich kommt von Dir etwas! Dann schreibe ich nachher weiter.
7. Juni, morgens 3/4 3 Uhr.

Post ist von Dir mal wieder nicht gekommen. Gewiß fehlt Dir nun oft an Zeit. Oder die Sachen verzögern sich. Du hast ja auch trotz meines regelmäßigen Schreibens scheinbar oft tagelang von mir nichts bekommen. Friedel schrieb. Dem scheint’s in Rußland gut zu gefallen. Libau muß eine schöne Stadt sein. Dann schreibt mir aus Bückeburg vom Jäger-Ersatz-Bataillon mein Klassenkollege, der Präparandenlehrer Reuter aus Detmold. Kerngesunder, kräftiger Kerl! War vor 15 Jahren schon Unteroffizier. Er ist’s heute noch u. hat also scheinbar auf alle Ehren u. Auszeichnungen verzichtet. Aber wie bringen solche Leute es nur dauernd fertig, sich zu drücken? Sie müssen sich doch selbst recht lumpig vorkommen! Stolz kann man auf solche Klassenbrüder nicht sein. Manhenke, Jost, Tempel u. Krüger waren andere Leute. Ich glaube, einem Reuter gegenüber könnte ich später mal sehr deutlich werden. Dann lebt da in Falkenhagen ein Paul Junker. Du kennst ihn. Einige Klassen jünger als ich. War mal in Belgien. Weit vom Schuß. Und erholt sich scheinbar nun. Arme Kerle! – Es ist sehr unruhig diese Nacht. – Morgen am Tage mehr. Gott befohlen!

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 9. Juni 1917
Im alten Artilleriestollen, Höhe 60, den 9. Juni 1917,
am Sonnabendabend 1/2 12 Uhr.

Mein Lieb!

Es geht mir schlecht. Scheinbar Magen- u. Darmkatarrh. Die Krankheit, an der wir so viele Leute liegen haben. Gestern Abend kam ich ziemlich erhitzt hier im Unterstande an. Der war feucht u. kalt, u. heute morgen hatte ich schon den tollsten Husten. Gleich nach unserer Ankunft kam dann ein engl. Angriff auf Rgt. 99, links. Meine Leute waren zur Küche. In dem schweren Artilleriefeuer waren mir 7 Leute versprengt worden, die nun erst heute Abend sich wieder einfanden. Heute morgen habe ich etwas geschlafen, wachte aber mit rasenden Kopfschmerzen wieder auf. Dazu Übelkeit u. völlige Appetitlosigkeit.

Und zu alledem noch eine böse Artillerieschießerei auf unsern Unterstand. Jeder Einschlag schmerzte beinahe körperlich. Dazu hatte der Unterstand nur einen Ausgang. Wenn der verschüttet wurde! Und richtig! 1/2 3 heute Nachmittag ein schwerer Schlag! Alle Kerzen aus. Und Schreien u. Stöhnen von Verwundeten u. Rufe nach dem Sanitäter. Gerade auf den Eingang war eine 15er Granate gegangen u. hatte den Posten verschüttet u. meinen Sanitätsgefreiten durch Balkensplitter arg verletzt. Wie tot brachten wir beide herunter. Der Sanitätsgefreite war erst heute morgen von der 11. Komp. gekommen, um meinen gestern in Urlaub gefahrenen Sanitätsunteroffizier zu vertreten. Der arme Mann ist nicht wieder zum Bewußtsein gekommen. Der Doktor war gerade hier, als er schlief u. hielt’s für nicht so gefährlich. Aber gleich nachher sprang er auf u. raste furchtbar. Mit Gewalt haben wir ihn ins Bett drücken müssen. Schaurig klangen seine bayrischen Flüche! Soeben ist er zum Sanitätsunterstande gebracht. Schädelbruch. – Mein Posten behielt die Besinnung. Er hat Beckenquetschung und den rechten Arm gebrochen. Es ist schauderhaft! Natürlich hat das mein Befinden nicht gebessert. Der Weg nach Sandemont wird mir schwer werden. Das Pferd kommen zu lassen, darf man nicht wagen. Hoffentlich bin ich bald wieder auf der Höhe!

Gestern abend Heeresbericht über Ypern. Heute haben Engländer vor 99 Schild aufgesteckt: „Großer Sieg bei Wytchacte! 5000 Gefangene! Ergebt euch u. verbündet Euch mit uns!“ Nach dem heutigen Bericht haben wir allerlei verloren. Aber ein Durchbruch scheint vorläufig verhindert. – Von Dir kam gestern Dein I. Kartenbrief vom 5. Juni. Herzl. Dank! Ich freue mich, daß es Dir gut geht. Auch über Helmchens Zeilen habe ich mich sehr gefreut. Ihr habt beide recht, Liesi! Ruhe u. Erholung tun mir not. Ich sehe auch zu, was sich machen läßt. Wenn’s nicht mehr geht, mache ich Schluß. Und glaub mir, meine Sehnsucht nach Euch ist groß. Aber an regelrechten Urlaub darf ich noch nicht denken. Da bin ich noch nicht dran. Gott befohlen, Liesi! Und herzlichste Grüße u. Küsse! In treuer Liebe bin u. bleibe ich Euer

Vater.


Feldpostbrief, 25. Juni 1917
Im Hendecourt-Riegel, Nord, den 25. Juni 1917,
am Montagabend um 7 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Heute vor einem Jahre saß ich längst wieder auf der Bahn. Nein eben rechne ich aus, daß heute erst Montag war. Da war’s also dem Tage nach 1 Jahr. Der Sonntag u. Montag sind doch eigentlich die traurigsten Tage im Kriege gewesen. – Soeben komme ich von Hellwege. Der liegt hier nicht sehr weit von mir. Er kam vorhin mit dem Hauptmann Kuhne hier vorbei, u. wir haben uns dann die ganze Stellung mal angesehen, die ich im Fall eines Angriffs zu besetzen habe. Es ist ein furchtbar langes Ende, das ich mit den paar Leuten meiner Züge zu besetzen habe. Wenn die Engländer vorn durchbrechen, müssen sie hier auf alle Fälle aufgehalten werden. Sonst geht unsere Artillerie auch verloren. – Hellwege geht’s gottlob wieder etwas besser. Er ist von einer Mine an den Händen u. im Gesicht verwundet worden. Nicht schwer. Aber durch den furchtbaren Luftdruck haben wohl die Gehörnerven gelitten, u. vor allem haben ihm Erdklumpen geschadet, die ihm gegen Brust und Rücken geschlagen sind. Er hat beim Angriff am Ablösungstage am Unterstandseingange gestanden, als die Minen krepiert sind. Dicht vor ihm. 3 Leute neben ihm sind sofort tot gewesen. Der arme Leutnant Teipel ist auf dem Rückwege dicht bei Fontaine in einem Erdloche verschüttet worden u. erstickt. Seinen gleichfalls verschütteten Burschen hat er noch um Hilfe angefleht. Als der sich mit Hilfe zweier Leute herausgearbeitet gehabt hat, ist T. bereits tot gewesen. Heute Abend wird er beerdigt. Du hast manche Aufnahme da, die er gemacht hat.

Dein l. Brief vom 21.6. kam gestern Abend. Du hast damals meinen Brief vom 16.6. schon gehabt. Also funktioniert die Post einigermaßen. – Auffallend sind doch die vielen Brände in der Heimat. Und meist sind’s doch große Höfe. Sind’s doch Gefangene? Man kommt doch unwillkürlich auf den Gedanken. Du meinst, wir hätten sehr unter der Hitze zu leiden. Das hält man im Stollen schon aus. Und auch draußen in d. Granatlöchern ist das nicht so schlimm. Viel übler sind die kühlen Nächte. Da habe ich immer mit dem Spaten mitgearbeitet, damit ich warm blieb. Und unten im Stollen schlafe ich kaum mal 2 Stunden ununterbrochen. Der Kälte wegen. Ich habe hier ein jammervolles Loch. Ohne Treppenstufen. Das Lager sind 3 Bohlen. Weich liegt man da gerade nicht. Und warm auch nicht. Hier oben im Graben habe ich eine Sommerlaube. Das ist ein überdachtes Loch. Mit 2 Bohlen als Tisch u. einer Kiste als Stuhl. Am Tage geht’s da. Aber nachts hältst Du es nicht aus. Statt der Tür schließt eine Zeltbahn wenigstens die obere Hälfte des Eingangsloches. – Da vorn geht’s weiter wie bei uns: Täglich um 12 Uhr mittags u. 8 Uhr abds. Trommelfeuer. Gerade jetzt geht’s wieder los. – Morgen Schluß! Gott befohlen u. herzl. Grüße u. Küsse!

Paul.


Feldpostbrief, 11. Juli 1917
Siegfriedstellung zwischen Fontaine-Bullecourt,
Kampfgraben 0 3, Mittwoch, 11. Juli 1917, abends 1/2 10 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Wahrscheinlich schläfst Du heute abend schon in Lippspringe. Ich bekam gestern nämlich schon Deine I. Zeilen vom Sonntagmorgen. Gut, daß Du Dich so schnell entschlossen hast. Am 15 oder 16 soll auch unsere Division hier abgelöst werden u. in Ruhe kommen. Vielleicht kommen dann endlich mal bessere Zeiten für uns. Und vielleicht gibt’s dann auch mehr Urlaub. Da muß ich dann aber doch mein Lieschen wieder daheim haben. Erhol Dich also recht schnell, mach Dir keine Sorgen, u. bring mir rote Backen u. einige 30 Pfund Gewicht mit aus Lippspringe! Dann habe ich Dich mal so lieb noch! Geh fleißig spazieren, sei viel im Walde, lies gute Bücher, lausche der Musik und schreib mitunter auch mal!

Mir fliegen jetzt wieder die Tage. Draußen lacht die Sonne. Da ist man gern oben im Graben. Geschossen wird nicht allzuviel. Da besucht man auch mal die Nachbarn. Gestern war ich bei Bockermann links, heute bei Hollmann rechts. Da fand sich auch der Doktor ein, u. wir haben uns unsere Sorgen mitgeteilt über Deutschlands dunkle Zukunft. Was hat der Reichstag vor? Man ist gespannt. Soll England doch noch triumphieren? Hat Rußland noch Erfolge? Dann wehe uns! Und unsere traurige Ernte? Alle Urlauber erzählen mir dasselbe: Dürre, kein Futter für’s Vieh, kein Korn für’s Brot. Was soll da werden? Unsere U-Boote sollen’s nun auch nicht mehr schaffen können? Gott stehe uns bei!

Mir gehts gottlob gut. Wer sorgt nun für unsere Jungen? Ob heute nähere Nachricht kommt? Herzlichste Grüße u. Küsse u. in treuester Liebe!

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 5. November 1917

In Westkappelle, den 5. November 1917,
am Montagmorgen um 3/4 12 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Ich will’s versuchen, etwas ausführlicher zu schreiben. Etwas schwer fällt’s natürlich noch. Gestern Abend habe ich deshalb auch nur einen Kartenbrief geschrieben. Der ist heute morgen fortgegangen. Und diesen Brief soll ein Urlauber mitnehmen. Der wird also schon früher als der gestrige in Deinen Besitz kommen. Da muß ich Dir also nochmal erzählen, wie jammerschlecht es mir ergangen ist in den Tagen vom Freitag bis heute. Wie ich am Donnerstagabend noch mit bestem Appetit im Kasino gegessen habe u. wie ich nachts schon mit üblen Kopfschmerzen aufwachte. Am andern morgen ließ ich Ltn. Weber meinen Dienst machen. Zu einer Rgts.-Besprechung nachmittags wollte ich dagegen nicht fehlen. Aber die Sache wurde immer toller. Ich konnte den Kopf kaum heben. Dazu furchtbarste Rückenschmerzen! Da ließ ich dann den Doktor holen. Der maß noch 39,6 ° Fieber! Dabei hatte ich schon morgens Aspirin-Tabletten geschluckt u. heißeste Milch getrunken. Der Schweiß floß darauf nur so! Jedenfalls war mittags die Temperatur gefallen. Meinem Gefühl nach waren morgens 41° da. Für Morgentemperatur ja allerhand. Nachmittags kam schon allerhand Besuch. Gut gemeint. Aber ich konnte kaum mit meinen Gedanken oft folgen.

Riekehoff-Böhmer war vom Urlaub gekommen, hatte Kuchen u. sonstige Dinge mitgebracht u. wollte mich zum Kaffee holen. Ich habe auf bessere Zeiten vertröstet. Und zu allem Pech kommt gegen Abend ganz unerwartet Befehl zum Abrücken. Am Freitagmorgen 4 Uhr. Toller konnt’s ja kaum kommen. Der Oberarzt wollte mich ins Lazarett schicken. Das Auto sollte bestellt werden. Ich bat, wenigstens bis morgen zu warten. Der Doktor kam selbst Sonnabd. morgens nochmal. Ich hatte die ganze Nacht ununterbrochen geschwitzt, hatte einen Prießnitzschen Umschlag u. 2 Tabletten Pyramidon bekommen. Da waren’s nur noch 37,2° Fieber, u. d. Doktor ließ einen Krankenträger zurück. Abends waren’s zwar nochmals 37,8° Fieber. Aber ich fühlte, daß es besser wurde u. sollte für diesen Fall am Sonntagnachm. abgeholt werden. Da lag ich ja beinahe 3 Tage. Am Sonntagnachmittag konnte ich dann auch den Kopf wieder heben. Schon mittags war ich aufgestanden ohne wie vorher Schwindelanfälle zu bekommen. Es wurde aber noch 4 Uhr, ehe der Wagen kam. Draußen wurd’s neblig u. frisch, u. vorher war schönster warmer Sonnenschein. Aber der brave Doktor hatte vorgesorgt. Er hatte mir einen wunderbaren Mantel eines englischen Fliegeroffiziers mitgebracht. Lamafell. Da habe ich von Kälte nicht eine Spur empfunden. Nur am Kopfe. Aber auch das scheint nicht geschadet zu haben. Heute fühle ich zwar etwas dumpfen Kopfschmerz noch. Aber im übrigen habe ich etwas Appetit u. wieder Lebenslust. Es wird schon wieder werden.

Du magst wieder fragen, Liesi, warum nicht Lazarett? Ich fürchte die Dinger. Ohne große Not gehe ich nicht. Bei Verwundungen ist’s ne andere Sache. Und nachher muß man sich in all die unendlich vielen Dinge bei der Komp. wieder einarbeiten. So bleibt man auf dem Laufenden. Alles geht nach meinem Willen, u. ich kann mich trotzdem noch einige Tage schonen. Pflege u. Verpflegung ist aber hier ohne Frage besser als im Lazarett. Anders wärs ja in einer recht dreckigen Stellung wie neulich bei Plasschendaele.

Aber hier geht’s uns ja nicht schlecht. Wir sind am Freitag 15 km weiter nördlich gekommen u. liegen nun 5 km von der Nordsee u. 5 km von der holländischen Grenze ab. Auf den Karten wirst Du es finden. Wir sind Küstenschutz, wenn die Engländer landen sollten, u. Grenzschutz, wenn sie durch Holland einzudringen suchen. Interessante Aufgaben. Das ist mal was anderes. Hoffentlich bleiben wir aber auch nun mal einige Zeit!

In Brügge findet gerade jetzt eine Trauerfeier für den Hptm. Maraun, meinen früheren alten braven lustigen Bataillonskommandeur statt. Der bekommt vor einigen Tagen Blinddarmentzündung u. stirbt auf dem Wege ins Lazarett an Herzschwäche. Arme Frau, arme zwei Jungen! Ich wäre so gern zur Feier gefahren. Aber das geht ja nun nicht.

In meinen Krankheitstagen hab‘ ich gar oft bei Euch geweilt. Wie schön wäre solch Kranksein daheim gewesen! Und wie hat mir mein Lieschen nun gefehlt. Was hätte ich um 1 Trunk Saft, um gekochtes Obst, um eingekochte Sachen gegeben! Alles andere widerte ja an. Vor 12 Jahren hatte ich dieselbe Geschichte in Lage. Genau die gleichen Erscheinungen. Da hat’s liebe Mütterlein noch so treu gesorgt u. gepflegt. Etwas länger habe ich damals aber trotzdem liegen müssen. Die größte Freude ist mir Dein l. Brief vom Sonntag u. Montag, 28./29.10., gewesen. Den hab ich wenigstens 10 mal gelesen. Herzlichsten Dank! Auch Helmchen! Und Bubi! Der Brief kam als letzte Post am Freitag Abend. An die Buben hatte ich Donnerstagnachm. noch Karten zu schreiben angefangen. Die waren nachher spurlos verschwunden. Ebenso ein Brief von Gustav. Na, es gibt andre! Morgen mehr! Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse in treuester Liebe ganz u. stets

Euer treuer Vater.

Westkappelle ist ein frdl., sauberes Städtchen. Mein Quartier ist hübsch warm u. gemütlich!

Dein P.


Feldpostbrief, 6. November 1917
Westkappelle, den 6. November 1917,
Dienstagmorgen um 1/2 10 Uhr.

Mein Lieb!

Herzlichsten Dank für Deine beiden lieben Briefe vom 30. /10. u. 1./11., die gestern Abend noch kamen! Auch meine Briefe scheinen ja nun so langsam zu landen. Eigentlich muß ja auch so ziemlich von jedem Tage etwas da sein. Auch vom 20.10. Gerade am 20. hatte ich so ausführlich geschrieben. Manches wird verloren gegangen sein. Schreib bitte mal davon! – Und dann hab ich in den langen Stunden auf dem Krankenbett an allerhand denken müssen, was ich sonst längst vergessen. Antworte auch darauf recht bald mal! 1.) Hast Du mal wieder die Anzüge pp. im Kleiderschranke auf Motten nachgesehen? Versieh Dich doch nötigenfalls reichlich mit Mottenpulver oder gebrauch auch Tabak u. Zigarren! Im Kleiderschranke hängen doch heutzutage Werte von Tausenden! Aber mein Liesi hat ja auch gewiß trotz all der Arbeit daran gedacht. Nimm mir die Frage nicht übel! 2.) Wieviel Paar von meinen Socken, die ich im Juli gekauft, habe ich damals in Nienhagen gelassen? Ich hatte 6 Paar. 1 Paar hat Rudolf bekommen. Und hier haben wir nur eins. Troester glaubt, daß ihm verschiedene Wäsche fehlt. Erklärlich ist das ja bei dem ewigen Hin- und Her. Oft muß die Wäsche naß mitgenommen werden, oft bleibt sie zurück.

Mein Befinden hat sich gottlob weiter gebessert. Ich kann mich wahrscheinlich heute schon wieder gesund melden. Vom Außendienst kann ich mich ja vorerst noch befreien lassen. Aber man möchte doch gern mal wieder hinaus in die freie Gottesluft. Da erst werden auch die letzten Kopfschmerzen schwinden. Hier im Zimmer liest u. schreibt u. arbeitet man ja doch nur. Müßigsitzen kann ja Dein Paul immer noch nicht. Und wenn der Körper keine Anstrengungen hat, ist auch der Schlaf nicht fest u. gut.

Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse!

Euer treuer Vater.


Feldpostbrief, 9. November 1917
Westkappelle, den 9. November 1917,
Freitagmorgen um 9 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Heute morgen geht’s mir gottlob wieder besser. Da will ich aber auch sofort schreiben. Du hast leider Gottes nun lange genug auf einen vernünftigen Brief warten müssen u. nun doch fast einen ganzen Monat lang mit Kartenbriefen zufrieden sein müssen. So war’s doch während des ganzen Krieges kaum einmal. Allerdings war für uns ja auch zum erstenmale Flandern u. für mich zum erstenmale Kranksein. Außer der Geschichte mit meinem Fuße. Aber gerade damals fand ich ja beste Gelegenheit zum Schreiben. Und die habe ich ja auch ausgenutzt.

Falsch ist’s ja eigentlich, daß mir so etwas gerade in Ruhe immer passieren muß. Da hätte man viel besser Gelegenheit, sich zu erholen. Und das besonders hier am Meere. Mich zieht’s immer wieder mächtig dahin. Gestern Nachmittag hat die Kompagnie wieder geschossen am Meere. Ich hatte gehofft, den Leuten mal einen schönen Sonnenuntergang zeigen zu können u. das Meeresleuchten. Das wurde nun zwar nichts. Es war reichlich bewölkt. Aber einerlei. Am Strande ist’s immer schön. Der Sturm fegt durch die Dünen, u. als die Flut langsam stieg, rollten mächtige Wogen heran. Jede Kugel, die gegen die Wasserwände schlug, bildete kleine Fontainen. Und gar erst die Handgranaten u. die Minen der Priesterwerfer! Mächtge Wassersäulen stiegen hoch. Da wird den Leuten nichts zu viel. Ich habe mich allerdings nicht zu lange am Strande aufgehalten. Zum Reiten hatte ich keine Lust, u. die 3/4 Stunde Weg hatten mich mächtig angestrengt. Ich erlebe dasselbe wie vor 12 Jahren: Eine Schwäche, die man sich kaum erklären kann. Man glaubt ja einfach nicht, daß man in ein paar Tagen so herunterkommen kann. Aber der Doktor meinte gestern Abend noch, der Körper gebrauche alle vorhandene Energie zur Bekämpfung der Infektion u. der Bakterien. Und wie schwächt auch das furchtbare Schwitzen, das lange Liegen! Jedenfalls konnte ich mich gestern Nachmittag kaum noch auf den Beinen halten.

Ich bin in Knocke zum Kleinbahnhofe gegangen u. war in 10 Minuten zu Hause. D.h. ich bin vorher noch eben zu Bockermann gegangen, der gestern endlich das wohlverdiente E.K. 1 erhalten hat. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Aber mein Befinden wurde schlecht u. schlechter. Ich sollte mit ins Kasino kommen. Aber das war mir einfach unmöglich. So gern ich schon der lang entbehrten Musik wegen gegangen wäre. In meinem warmen Zimmer habe ich mich dann aber doch wieder erholt, u. als der Oberarzt gegen 1/2 9 Uhr noch kam, hatte ich 37,4° Fieber. Das war ja nicht wesentlich. Die Nacht hab‘ ich dann gut geschlafen, u. heute morgen hatte ich 36,6°. Etwas Kopfschmerz, Schwindelgefühl, allgemeine Schwäche sind selbstredend noch da. Ich muß mich natürlich äußerst schonen u. kann’s bei meinen drei guten Offizieren ja gottlob auch. – Vorgestern war’s zuviel. Der weite Marsch, der starke Regen u. nachm. noch ein Vortrag hier im Soldatenheim. Als ich zurückging, hatte ich die Anfänge meines alten Hustens. Auch gestern spürte ich noch etwas. Aber das viele Schwitzen und die große Vorsicht hat vielleicht nochmal vorgebeugt. Rachenkatarrh fürchte ich mehr als alles andere. Jedenfalls fühle ich soviel: Der Alte bin ich nicht mehr mit Gesundheit u. Widerstandskraft. Die 3 Jahre Krieg sind auch bei mir nicht in den hohlen Bauch gezogen, u. mein Lieschen wird, wenn ich den Frieden erlebe, viel zu pflegen u. zu wickeln haben. So wie ich aber fühle, daß meine Kräfte nicht mehr reichen, muß ich mich ernstlich krank melden. Ein Kompagnieführer, der so oft ausfällt, ist kein rechter Führer. Das fühle ich nur zu gut.

Hier im Orte, weit hinter der Front, ist ein wunderbares Soldatenheim. Mit sehr viel Kosten erbaut u. sehr nett eingerichtet. Verwaltet wird das Heim von 2 Hauptmannsfrauen, deren Männer hier auch irgendwo in der Etappe „tätig“ sein sollen. So läßt sich der Krieg schon aushalten. Das wäre auch so ein Posten für Dich, Liesi! Im Sommer das Seebad. Dazu keine Arbeit, keine Sorge, keine Verantwortung, freie Kost u. Kleidung u. Gehalt womöglich noch obendrein: Ich glaube, Du wärst hier längst wieder gesund geworden, hättest Du nebenbei aber noch viel „für’s Vaterland“ getan u. trügest Medaillen u. Orden. In Wirklichkeit hast Du natürlich viel mehr geleistet als beide Hauptmannsfrauen zusammengenommen, u. Deine schönsten Ehrenzeichen sind meine beiden blonden Jungen.

Wenn solche Soldatenheime doch an den Kampffronten aufgemacht werden wollten! Aber da suchst Du vergeblich nach „Hilfsschwestern“ vom Roten Kreuz.

Auch gestern ist keine Post von Dir gekommen. Dein letzter Brief war der vom 2.11., der vorgestern kam. Wann ist nun eigentlich Mutters Geburtstag? Bei der Landeszeitung gibts jetzt wieder Altenbernds Gedichte „Reben u. Ranken“. Die wünschte sie sich früher schon mal, kann ich ihr dann aber vielleicht zu Weihnachten schenken.

Herzlichste Grüße u. Küsse u. Gott befohlen! In treuester Liebe stets u. ganz Euer

Vater.


Feldpostbrief, 12. November 1917
Westkappelle, Montag,
12.11.17, abends 3/4 6 Uhr.

Mein Herzlieb,

um 6 Uhr heute Abend soll nun endlich Post kommen. Ich warte aber auch sehnlichst. – Heute morgen war Besichtigung. Wundervollstes Wetter. Und dann in dem Dünengelände bei Knokke. 9. Komp. zuerst. Die Kompagnie gefiel dem Grafen Dohna gleich bei der Besichtigung gut. Das „Guten Morgen, Euer Exzellenz“ klappte famos. Ich mußte die Kompagnie im Exerziermarsch vorführen. Die Leute strengten sich an. Es gab noch Laden und Sichern. Auch das klappte. Dann wollte ich zum Gefecht entwickeln. Aber der Graf hatte genug. Er sprach den Leuten u. mir seine vollste Anerkennung aus, u. nach knapp 10 Minuten war die Kompagnie entlassen. Die 3 andern u. die M.G.K. haben noch volle 2 Stunden gewirkt. Es hat da auch wohl nicht so knapp u. glatt gegangen. Wir waren derweil am Strande. Scheibenschießen. Die herankommende Flut hat uns zwar oft die Scheiben losgespült u. weggeschwemmt. Aber doch war’s schön am Meere. So schön wie selten. Lachende Sonne, als ob wir im September seien. Und warm dabei. Die Leute haben viel Spaß gehabt. Ich selbst habe viele Muscheln für unsre Buben gesucht. Die schicke ich morgen. Wie gern zeigte ich den beiden Kerlchen auch mal das Meer! Die beiden würden jubeln u. kreischen, wenn so die schaumgekrönten Wellen am Strande hoch u. höher kommen u. im blanken, weißen Sande lecken. Wenn Friede wird, wollen wir auch mal an die See, nicht wahr, Liesi? – – So gut wie heute war mein Befinden noch nie wieder. Ich habe auch den Nachmittagsdienst wieder selbst abgehalten. Es schien mir nötig zu sein. Meine Offiziere geben sich ja alle Mühe. Aber die Erfahrung fehlt. Und da werde ich nun doch wohl allerlei nachholen müssen. Jetzt gegen Abend stellen sich wieder Kopfschmerzen ein.

Abends 9 Uhr.

Vom Kasino bin ich schnell fortgegangen. Ich wußte ja, daß Post kam. Gottlob 2 Briefe auch von Dir. Vom Sonntag- Montag u. vom Mittwoch. Besonders habe ich mich auch über die zwei fleißigen kleinen Buben gefreut. Sie kriegen auch noch jeder eine Karte. Gut, daß Du Bubi hast untersuchen lassen! Jetzt bin ich ganz beruhigt. Du schreibst von seinen roten Backen u. seiner Strammheit. Wie ist’s aber mit Dir, Liesi? Du mußt mal schreiben! Ja, um so manch kleine u. große Freude komme ich, die mir unsere Buben bereiten würden. Aber wenn ich sie nur später noch habe! Dann wird alles, alles vergessen. Mir geht’s wieder gut. Aber hier wird’s kalt. Da muß ich zu Bett. Gute Nacht, mein heißgeliebtes Frauchen! Gott sei mit uns allen. Herzlichste Grüße Dir u. den I. Kindern!

Dein dankbar treuer Paul.


Feldpostbrief, 14. November 1917
Westkappelle, den 14. November 1917,
Mittwoch, abends um 1/2 10 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Ich bekam heute abend schon Deine beiden lieben Briefe vom Freitag u. Sonntag-Montag. Denk nur: Vom Montagmorgen! Also vorgestern! Gestempelt in Lage 12/11, 11-12 v. Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Solche Grüße sind aber doppelt lieb. Und weil mir’s heute Abend wenigstens so einigermaßen geht, will ich auch gleich antworten. Du bist immer so fleißig mit Briefeschreiben gewesen, Liesi! Und ich habe gerade jetzt so wenig antworten können. Daß ich nichts so gern tue, als brieflich mit Dir zu plaudern, das weißt Du genau, Liesi! Und daß kurze Kartenbriefe nichts mit mehr oder weniger heißer u. treuer Liebe zu tun haben, fühlst Du wohl ebenso genau.

Ob ich mit Deiner Beantwortung meiner Fragen zufrieden bin? Durchaus. Besonders mit Punkt 5. Zahlen will ich ja nun auch gar nicht mehr wissen. Wenn Dir die „Kleider mit jedem Tage‘ fester“ sitzen, dann genügt mir das. Und ich hätte aus dem Grunde schon mein Lieschen noch mal so lieb – wenn’s noch möglich wäre. Bleib nun so dabei, zunächst wenigstens mal bis Weihnachten! Dann hoffe ich doch kommen zu können, wenn’s mir bis dahin gut geht. Schick wenigstens vorher kein Weihnachtspaket ab! Nötigenfalls lasse ich’s holen. Und schlimmstenfalls kann ich auch mal Weihnachten ohne ein Paket feiern. Ich las jetzt in den Zeitungen von Weihnachtssendungen u. erschrak, daß wir schon wieder soweit sind.

Dann fragst Du nach den Photographien. Für Waddenhausen war nur eine bestimmt. Du schreibst von Photographien, die Du durch Lieschen hingeschickt; eine sollten die Eltern haben – warum haben sie die noch nicht? – u. eine Onkel Karl. Die kann vielleicht zum Geburtstage, am 22.11., noch hinkommen.

Daß meine Briefe so spät dort ankommen, ist mir vollkommen rätselhaft. Gerade darum gebe ich ja so oft als möglich Urlaubern Postsachen mit. Den am 1.11. geschriebenen hat auch tatsächlich mein Pferdebursche mitgenommen. Sieh doch bitte mal nach, wann u. wo der gestempelt ist. Das interessiert mich denn doch sehr! Und wenn Du dann mal die Zeit findest, schreib doch auch mal, von welchen September-Oktober- u. Novembertagen Du keine Briefe hast! Es scheint mir beinahe, als wenn kaum die Hälfte meiner Briefe überkommt. Dann verliert man natürlich alle Lust zu schreiben. Und ich würde Beschwerde bei der Division einreichen.

Den Brief vom 5.11. hatte mir mein Küchenfahrer, der alte brave Simon Wüstenbecker aus Kirchheide, ebenso wie Utffz. Liese, ein Schüler Willis, besorgt. Der hätte zweckmäßiger auch das Paket besorgt, das nun Bruns am 18.11. bringen wird. Hoffentlich schreibt Br. Dir zeitig genug!

Dann fragst Du nach meiner Meinung wegen des Friedens. Ich habe es mir so nach u. nach abgewöhnt, in dieser Beziehung Optimist zu sein. Aber soviel steht wohl fest: Günstiger war unsere Lage nie. Und wenn in Rußland Lenin am Ruder bleibt u. wir Italien auf die Knie zwingen, dann wird England als klug rechnender Geschäftsmann bald einsehen, daß alles weitere Kämpfen nicht mehr vorteilhaft ist. Dazu kommt, daß im Innern scheinbar ein neuer Burgfriede zustande gekommen ist. Die neuen Männer haben gute Namen. Mögen sie berufen sein, den Deutschen Frieden zu schließen!

Mir tut’s auch leid, daß Bub so oft gestraft werden muß. Deinetwegen. Aber gerade darum danke ich’s Dir doppelt, Liesi, daß Du streng durchgreifst. Daß ich ihn mit‘ nichts dergleichen durchlassen würde, weißt Du auch. Und ich möchte doch auch nicht, daß Bub gleich alle Liebe zum Vater verlöre, wenn ich beim Frieden sollte heimkehren dürfen. Auch Weihnachtslieder muß er können. Sonst wirds Christkind ganz sicher mehr an Helmut denken. Ich bin froh, daß der Dir so viel Freude macht u. denke oft, mit Bubi könnt’s genau so sein, wenn Du ihn Dir erzogen hättest.

Gute Nacht, mein liebes Frauchen, u. Gott befohlen!

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 16. November 1917
Westkappelle, den 16. November 1917,
Freitagabend um 10 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Eigentlich möcht’s ja besser sein, ich legte mich zu Bett. Die Reise nach Sysseele kann jede Stunde in der Nacht losgehen. Aber dann hätte nicht Dein I. Brief vom Dienstagnachmittag mehr kommen müssen. Sieh ihn Dir selbst nochmals an, Liesi! Die liebe, schöne Schrift! Mir wird sie immer und immer lieber. Und welche Liebe spricht aus den paar Zeilen! Du hast den 13. November nicht vergessen, denkst treu an Deinen Paul u. all das Schwere, was er durchgemacht und noch durchmacht. Wenn doch Gott die Zeiten kommen lassen wollte, daß wir gemeinsam all die besonderen Tage aus der langen Trennungszeit im Gedächtnis nochmal durchleben! Recht, recht oft noch! Und mit unsern lauschenden Buben, denen Du von Deiner Angst und Sorge erzählen wirst und ich vom Schweren hier draußen.

Und dann Deine stillen Vorwürfe im Briefe! Du hast ja vollkommen recht, Liesi! Influenza will ihre Zeit haben. Es ist auch nicht übertriebenes Pflichtgefühl allein bei mir gewesen, was mich so schnell das Bett u. das Zimmer verlassen ließ. Ich glaubte aber, draußen rascher u. gründlicher die Sache loszuwerden. Unglücklicherweise mußte ich ja nun gerade das schwüle Wetter u. den üblen Regen am Meere treffen. Für weiterhin verspreche ich Dir aber alle Vorsicht. Besonders auch für den 6. Tag. Auf den bin ich ja nun selbst sehr gespannt.

Daß ich mit meiner Erinnerung an den Kleiderschrank Überflüssiges u. Unnötiges schrieb, wußte ich ja u. habe ich wohl auch gleich dazu gesagt damals. Ich sehe, daß alles in bester Ordnung ist u. freue mich nur, daß die Motten tatsächlich so wenig Schaden angerichtet haben. Sollten wir den Buben nicht schon aus meiner grauen Einjährigen-Litewka oder aus dem blauen Waffenrock einen hübschen Weihnachtsmantel machen lassen können? Mir würdest Du eine sehr große Freude machen. Überleg’s mal, Liesi! Nett müssen meine beiden Jungen sein, wenn ich Weihnachten sollte kommen dürfen. Und mein Lieb natürlich erst recht. Aufs Geld darfst Du da natürlich nicht sehen!

Gar zu gern hätte ich Euch ja Strümpfe u. Schuhe u. Stoffe hier besorgt. Ich habe mich viel bemüht. Aber die Preise sind doppelt so hoch als im August. Ich glaube, für das Sündengeld kauft man besser in Deutschland. Mein kleiner Schuster war in Urlaub. Er wollte Leder für Dich u. Lina u. zu Stiefeln für mich besorgen, hat aber nichts auftreiben können. Da war es in Douai u. in Tournai noch Zeit. Ich denke natürlich auch weiterhin an die Sachen, die ich zu besorgen versprochen habe.

Ob ich noch Zeit und Gelegenheit finden werde? In Sysseele werden wir nur 2-3 Tage bleiben. Dann kommt die Front. Wo, weiß man nicht. Es mag ja auch ziemlich gleichgültig sein. Das Artilleriefeuer ist an der ganzen englischen Front lebhaft. Oft auch oben an der Küste bei Nieuport. Damit wollen die Engländer scheinbar die Italiener entlasten, die nun doch gewaltig in die Enge getrieben werden. In Rußland scheint sich der Friedensfreund Lenin noch zu halten. Wer weiß, ob vom Osten nicht doch noch der Frieden kommt! Oft scheint der Frieden doch so nahe! Und einmal muß er ja doch reifen. Wir Deutschen haben Grund zu hoffen. Englische Minister erklären, daß nach den deutschen Überraschungen auf Oesel u. in Italien mit allem gerechnet werden müsse. Selbst mit einem Einfall in England. Auf gut deutsch: „Italien, hilf Dir selber! Wir haben unsere Not in Frankreich u. im eigenen Lande.“ Aus eigner Kraft aber kann Italien nicht mehr siegen. Seine besten Truppen sind hin u. seine besten Geschütze. Wenn aber Rußland u. Italien ausfallen, dann wird unsere Westfront stark u. stärker, u. unsere Gegner dürfen hier mit Durchbruch u. Sieg nicht mehr rechnen. Wenn das erst klar wird in England und Frankreich, dann wird man schon nach Frieden schreien. Der Schluß kommt morgen früh. Heißen Dank nochmals, Liesi, für Deinen lieben Brief! „Gott befohlen“ u. „Gute Nacht“!

Dein treuer Paul


Feldpostbrief, 18. November 1917
Westkappelle, den 18. November 1917,
Sonntagabend um 1/2 10 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Immer noch in Westkappelle! Wahrscheinlich geht’s erst morgen früh nach Sysseele. Womöglich kommen die 160er in nächster Nacht. Dann sollen wir räumen, bleiben aber wohl bis zum Hellwerden. Auf einige Tage rechnen wir dann auch in Sysseele noch. Allmählich scheint’s doch auch in Flandern ruhiger zu werden.

Der Sonntag hier ist nun doch noch sehr schön geworden. Bei mir war der gefürchtete 6. Tag. Es hat sehr gut gegangen. Etwas Kopfschmerz, aber kein Fieber. Gestern Abend gab Bockermann ein Faß Bier auf sein E.K. 1. Ich bin sehr vorsichtig gewesen. Heute mittag gab’s einen Frühschoppen. Da habe ich garnichts getrunken. Gestern nachm. habe ich Riekehoff-B. besucht, der 1/2 Std. von hier wohnt. Heute Mittag habe ich mit Bockermann u. Hollmann denselben Bummel gemacht. Beidemale war ich müde. Besser ist mir heute nachm. ein Ritt bekommen. Mit Bockermann, dem Adjutanten u. dem neuen Feld-Unterarzt. Wir ritten über Heist, u. von da gings am Strande entlang über Dinbergen nach Knocke. Es war wundervoll! Flut, aber ruhige See. Die Wellen spritzten bis oben auf die Dünenpromenade. Kleine Segelboote der Fischer kamen zurück. Alles so friedlich. Alles wundert sich hier, daß keine Stürme sind, daß es nicht regnet. Wir haben Tage gehabt wie im September so warm u. sonnig. Die Sonne fehlte allerdings heute. In Knocke haben wir nachher eine Tasse Cakao getrunken, u. dann bin ich mit unserm Oberarzt mit der Kleinbahn nach Hause gefahren. Das Pferd hat der Pferdebursche mitgebracht.

Meine Gedanken sind heute oft in Nienhagen gewesen. Ganz sicher fahren wir später oft noch an die See mit unsern Jungen. Wenn ich wiederkommen darf. Aber zunächst wollen wir uns auf Weihnachten freuen. Wenn dann schöne Tage sind, werden wir auch oft draußen sein. Alle 4. Nicht wahr, Liesi? Ich schließe morgen. Gott befohlen u. herzlichste Grüße u. Küsse in treuester Liebe Dir u. Bub und Helmchen!

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 19. November 1917
Sysseele, den 19. November 1917,
am Montagnachmittag um 1/2 4 Uhr

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Vor 2 Stunden sind wir hier angekommen. Meine ersten freien Augenblicke sollen für Dich sein, Liesi! Zur Abwechslung quälen mich allerdings mal wieder Zahnschmerzen. Im übrigen bessert sich’s Befinden langsam. Gestern war der 6. Tag, die Fieber haben sich nicht wieder eingestellt. Auch heute ist die Temperatur normal. Gott sei Dank! Ich machte mir schon Sorgen.

Der Weg nach hier, etwa 16 km, ist mir nicht schwer geworden. Ich bin zusammen mit dem Oberarzt mit der Kompagnie geritten. Die Nacht habe ich nochmal gut geschlafen, wenigstens, nachdem mich die Zähne hatten zur Ruhe kommen lassen. Die Kompagnie, die mich in den Quartieren ablöste, kam erst um 1/2 10 Uhr, u. dann bin ich auch sofort abgerückt.

Eine längere Marschpause haben wir in Damme gemacht, in dem Orte, wo Till Eulenspiegel geboren sein soll. Damme, jetzt 10 – 12 km von der Küste entfernt, hat einst dicht am Meere gelegen, bis alles versandet wurde. Jetzt ein kleines Dörfchen, ist es früher eine Festung mit 6 Toren gewesen. Reste der alten Kirche sind erhalten u. wieder neu gebaut. Die Reste sind aber noch beinahe wie ein Dom.

Gerade wollte ich schreiben, daß Bruns doch morgen zurückkommen müsse, da klopft er schon an. Er ist also am Sonnabend schon dagewesen. Einerlei! Die l. Zeilen sind vom Sonnabend erst. Du u. die Buben, Ihr seid munter gewesen u. habt gut ausgesehen. Mehr will ich ja nicht. Aber doch hatte ich mich im Stillen mächtig aufs Paket gefreut. Die Verpflegung war oft mächtig einseitig hier. Da freut mich alles doppelt: Das schöne Gebäck, der leckere Apfelkuchen, der Käse, die Äpfel u. Nüsse! Die Äpfel lachen so freundlich mit ihren roten Bäckchen, als wollten sie mir ebenso wie die Blümchen von Liebe und Treue daheim erzählen, vom herzlieben Lieb und den lieben Jungen! Habt heißen Dank, alle Drei! – Ich habe noch einen Appell. Nachher werde ich mich in die warme Stube setzen u. lesen. Draußen ist’s so rauh u. kalt.

Seid alle dem treuen Gott befohlen u. geherzt u. geküßt von Euerm dankbaren treuen

Vater.


Feldpostbrief, 23. November 1917
Sysseele bei Brügge, den 23. Novb. 1917,
Freitagmorgen um 1/2 11 Uhr.

Mein liebes, liebes Lieschen!

Immer noch in Sysseele! Seit gestern morgen sind wir zum Abtransport fertig u. warten ständig auf näheren Befehl. Gestern abend kam dann endlich Bescheid, daß vor heute mittag mit Abfahrt nicht zu rechnen sei, u. heute morgen kam vorläufiger Befehl, daß wir heute Abend um 7 Uhr verladen werden.

Es gibt ja nun Leute, welche sagen, jeder Tag sei ein Gewinn, der so herumgehe. Sie haben recht. Aber mir ist dies untätige Warten eine Qual. Mir geht’s auf die Nerven. Und unsern Leuten tut’s auch nicht gut. Dienst wird absichtlich nicht mehr abgehalten. Zur Bahn ist’s ein ziemlicher Marsch, u. wer weiß, was uns dann blüht! Da schont man die Kräfte soweit es irgend geht. Und dabei sind mir in letzter Nacht 4 Leute entlaufen. Schlechteste Elemente natürlich, um die es sicher nicht schade ist. Und feige Burschen sind’s vor allen Dingen. Die haben natürlich längst gehört, daß wir eingesetzt werden u. haben aus lauter Angst das Weite gesucht. Die Kerle haben sich sicher verabredet. Der Rädelsführer scheint mir ein junger Bursche zu sein, der in Flandern schon einmal beim Einrücken in Stellung sich entfernt hatte u. auch bis Herbesthal gekommen war. Er hätte ja fest in Untersuchungshaft sitzen müssen. Nun hat er noch andere mitverführt. Auch schlechte Gesellen. Aber mich ärgert’s doch ganz gewaltig.

Mittags 1 Uhr. Mein Lieb, soeben komme ich vom Bataillon. Wir marschieren um 4 Uhr hier ab. Um 7 Uhr sollen wir in Maldegem verladen werden. Wohin es geht, weiß keiner. Aber ein Zweifel ist auch kaum. Gestern morgen kamen so die ersten Gerüchte über die großen englischen Erfolge bei Cambrai. Der Heeresbericht in der Zeitung gestern Abend bestätigte leider das meiste. Marcoing, die schöne Stadt, verloren mit Hoffmanns Stärkefabrik; die Stadt, in der wir im Mai 1916 noch so schöne Tage verlebt haben. Auch Graincourt. So sind die Engländer leider Gottes dicht heran an der großen Stadt Cambrai. Von allen Seiten. Sie werden natürlich alles versuchen, die Stadt noch in diesem Jahre zu bekommen. Das wäre ja auch ein Riesenerfolg, durch nichts wieder gut zu machen! Und die Franzosen werden St. Quentin zu erobern versuchen. Das würde dann in die Welt hinausposaunt werden. Die Gegner schöpfen neuen Mut.

2 Uhr nachm. – Draußen ist schönster Sonnenschein. Nun, für die Kämpfe mag’s völlig einerlei sein. Eine Kampfpause wird’s im ganzen Winter kaum geben. In Flandern hindert allerdings das Wasser alle weiteren Operationen. Dafür geht’s nun sicher bei Cambrai umso toller los.

Vorhin kam’s l. Batl. hier durch. Koßmann hatte den neuesten Bericht. Danach gehts immer noch böse her bei Cambrai. Aber andererseits scheinen die wilden Gerüchte von gestern doch glücklicherweise arg übertrieben zu sein. Danach sollten nämlich die Engländer nicht bloß Fontaine u. Hendecourt haben – was wohl stimmen wird – sondern sie sollten in Sandemont stehen. In unserm schönen Sandemont vom letzten Sommer. Wir haben’s geglaubt. Denn unser Heeresbericht ließ viel zwischen den Zeilen lesen. Was wäre dann an Artillerie, an Bagagen, an Material verloren gewesen! Als ich letzte Nacht mal wach wurde, hat mich der Gedanke daran nicht wieder schlafen lassen. Wenn man nur erst mal Genaueres wüßte! Gerade bei so bekannten Gegenden tut’s mir immer leid, wenn Gelände verloren geht. Man weiß, wieviel Blut wir früher dort gelassen haben, kennt all die vielen schönen Friedhöfe genau, die in des Gegners Hand fallen. Natürlich nur als Trümmerfelder.

Erstaunt war ich, als gestern Abend noch Post kam. Damit hatte niemand mehr gerechnet. Und nun gar so liebe Post noch. Auch Dein lieber Brief vom letzten Sonntag schon. Da schreibst du vom Paket, das Bruns gebracht. Ich freue mich, daß ich nicht bloß den Jungen eine Freude gemacht habe, sondern vor allem auch Dir, Liesi! Eigentlich sind so Urlauberpakete doch eine schöne Sache! Wie manche wirkliche Freude hast Du mir doch auf diese Weise schon gemacht, u. wie oft habe auch ich Dich schon erfreuen dürfen! Einer zeigt dem andern ja gottlob doch so gern die stille, treue, dankbare Liebe! Und ich fühle mich dann jedesmal so froh u. glücklich. Auch gestern Abend, als Dein lieber, lieber Sonntagsbrief kam. Wie schön soll doch Weihnachten werden, wenn unser aller Wunsch erfüllt werden sollte! Der treue Gott mög’s doch in Gnaden geben! An Helmchen hatte ich ein kleines Paketchen mit Seemuscheln geschickt. Ob er’s bekommen hat? Sag doch dem Bubenjungen auch, wie ich mich freuen würde, wenn er wenigstens etwas singen kann. Mein Befinden ist gut. Temperatur habe ich nie mehr.

Gott befohlen, mein heißgeliebtes Lieschen! Er wolle helfen! Grüß u. küß die I. Jungen u. sei auch Du geherzt u. geküßt von Deinem Dir stets dankbaren und treuen

Paul.


Feldpostbrief, 27. November 1917
Südwestlich Crevecoeur, am Kanal L’Escaut,
zwischen Marcoing u. Crevecoeur,
Dienstag, den 27. Novb. 17, morgens um 10 Uhr.

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Wie schlimm hatte ich’s mir vorgestellt, u. wie schön ist’s hier. Wenn draußen nur nicht der üble Sturm u. Regen wäre. Letzte Nacht hat’s stark geschneit. Nun ist der Schlamm natürlich umso ärger. Die Leute tun mir leid. Sie liegen in kaum angedeuteten Gräben u. haben kleine elende Löcher. Ich hab’s dagegen wirklich gut: Einen Stollen, wie ich ihn im halben Jahre nicht mehr sah. Trocken u. heizbar. Besser wie manche Quartiere der letzten Zeit. Aus dem Stolleneingange trete ich direkt an den breiten Kanal, auf dem gerade hier mächtige Schleppkähne liegen, die erst vor einigen Tagen verlassen worden sind. Auch das Dorf Crévecoeur hat bis zum 21.11. seine Bewohner gehabt. Da ist infolgedessen auch noch alles zu finden. Ein Jammer nur, daß diese Riesenwerte vernichtet werden u. verloren gehen!

Wie das Unglück am 20. u. 21. hat kommen können, wird mir immer mehr ein Rätsel. Hier haben die Engländer überhaupt schon keinen Widerstand mehr gefunden. Kaum ein Granatloch ist zu sehen, die Tanks sind einfach hier spazieren gefahren. Neugierige Zivilisten sind mitgegangen. Dann kam hier der Kanal u. eine hohe Böschung. Weiter gings da vorerst nicht. Sonst hätten alle Wege offen gestanden. Bei einem Schloß hier vor mir ist ein Tank einfach glatt durch eine gute massive Mauer gefahren.

Mir geht’s gut, Liesi! Wie mag’s Euch gehen? Wann kommt mal wieder Post? Gott wolle in Gnaden weiter helfen! Ich grüße und küsse herzlich Dich u. die Kinder u. bin u. bleibe stets und ganz

Dein treuer Paul.


Feldpostbrief, 28. November 1917
Les Rues des Vignes bei Crèvecoeur
Ortskommandantur 28./11.17.
Mittwochnachmittag 2 Uhr.

An mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Gestern Abend kam wieder etwas Post. Heute morgen auch. Und diesesmal waren auch 2 Briefe von Dir mit dabei. Der vom Dienstag u. der vom Buß- u. Bettag.

Ich habe mich sehr gefreut, zumal ich glaubte, daß Postsperre sei. Ob Du nun auch Post bekommst? Hoffen kann man es, da Du ja von 8 Briefen schreibst, die auf einmal gekommen sind.

Von Cambrai konntest Du am Buß- u. Bettage noch nichts wissen (21.11.), da der erste Bericht erst in der Landeszeitung vom 22.11. steht. Deine Sorge verstehe ich, besonders, wenn die Briefsperre tatsächlich bestehen sollte.

Meinen schönen Stollen am Kanal de L’Escaut habe ich gestern Abend schon wieder räumen müssen, da mich die 5. Komp. vom akt. Rgt. 99 dort ablöste. Ich liege nun in einer Bereitschaftsstellung hinter den 3 andern Kompagnien. Die haben den Dorfrand besetzt, u. ich selbst liege mit der Kompagnie im Dorfe. Die Leute liegen in Kellern u. Stuben. Ich selbst bewohne ein Zimmer in der früheren Ortskommandantur. Die Hälfte der Fensterscheiben ist durch aufgenagelte Dachpappe ersetzt. Aber ein Ofen hält die Bude wenigstens so einigermaßen warm. An Kohlen fehlt’s nicht. Große Haufen liegen aufgestapelt. Wer hat denn auch hier an Engländer gedacht? Mitten im tiefsten Frieden hat man gelebt, als das Unglück hereinbrach. Ein Feldrekrutendepot hat hier gelegen u. alles in Stich gelassen. Was für Werte vernichtet werden, davon habt Ihr keine Ahnung. Ich habe gestern allein für Tausende von Mark reine Schafwolle sammeln lassen. Ob sie noch zurückgeschafft werden kann? Wir wollen’s hoffen

Gestern haben die Engländer wieder mit ungeheuren Kräften angegriffen. Bei Bourlon u. Fontaine (dicht bei Cambrai). Auf einzelnen Stellen sind sie wieder zurückgeworfen. Genaueres weiß ich noch nicht. Mit der dem Engländer eigenen Zähigkeit wird er natürlich weiter angreifen u. schließlich auch sein Ziel, Cambrai, erreichen. Opfer scheut er ja nicht. Da mag’s denn vollkommen richtig sein, daß wir morgen versuchen sollen, die Erfolge des Gegners durch Gegenangriff zu verringern. Furchtbar schwer wirds werden, u. riesige Verluste wirds geben, aber unsere Heeresleitung wird schon wissen, weshalb es nötig ist.

Ich mache ja nun trotz meiner 38 Monate Krieg einen Angriff zum erstenmale mit u. weiß genau, was das bedeutet. Ich bin natürlich aufgeregt u. unruhig. Aber in Lebensgefahr stand ich ständig, u. mehr wird ja auch morgen nicht sein. Einen Angriff des Feindes abwehren, ist gewiß nicht leichter. Und dem geht tage- u. stundenlanges Trommelfeuer voraus. Das entnervt natürlich mehr als ein Angriff. Und darum wollen wir fest dem Herrn vertrauen. Er kann helfen. Und beten wollen wir für unsere gute, reine, deutsche Sache, die unser Gott doch nicht verlassen wird u. die so oft nun schon in größter Gefahr war. Wenn Du diesen Brief erhältst, mein Lieb, dann hast Du hoffentlich auch von deutschen Erfolgen bei Cambrai schon gelesen!

Hier können wir uns auch nicht halten. Vor uns hat der Gegner eine beherrschende Höhe besetzt. Hinter uns ist der breite Kanal. Bei einem ernsten engl. Angriff geht alles, was vorn liegt, verloren. Da ist gar kein Zweifel. Und solche Stellungen sind immer furchtbar. Da fehlt einem von vornherein das Vertrauen auf den Sieg beim feindlichen Angriff. Und das ist die Hauptsache.

Du glaubst also, Liesi, daß alle meine Briefe überkommen. Das freut mich sehr. Daß sie sich arg verzögern bei unserm häufigen Hin und Her ist selbstverständlich. Urlauberbriefe scheinen nur in einzelnen Fällen besonders früh anzukommen. Aber man hofft doch immer noch auf schnellere Beförderung u. gibt sie deshalb mit.

Du fragst auch nach meinem Fieber, Liesi! Ich fühle gottlob gar nichts mehr u. mache mal wieder scheinbar die Erfahrung, daß es mir draußen am besten geht.

Du hattest auf Ruhe bis Weihnachten gehofft? Das wäre ja nun ein bischen sehr viel verlangt gewesen. Das kann man bei den Angriffen u. Anstrengungen unserer Gegner auch nicht erwarten. Aber mit einer etwas ruhigeren Stellung hatte ich auch gerechnet.

Daß Du nicht gern allein mit nach Detmold oder sonst zu Verwandten gehst, verstehe ich, Liesi! Ich weiß, wie dann Erinnerungen auf Dich einstürmen, die Dir alle Stimmung nehmen. Aber trotzdem solltest Du zuweilen gehen! Bub u. Helmchen oder schon einer von beiden Lieblingen helfen doch über manches weg. Schade, daß Bub die Photographie vergessen hat!

Wie ich den Buß- u. Bettag verlebt habe? In aller Ruhe noch u. in Sysseele. Ich schrieb Dir’s ja auch schon. Du schreibst von mächtger Sehnsucht. Ich kenne das. Mich hat sie heute gewaltig gepackt. Aber was hilft’s? Wir müssen aushalten, u. Du hast recht, wenn Du meinst, daß wir immer dankbar bleiben müssen, weil Gott bisher so gnädig mit uns war!

Helmchen scheint nun viel zu singen. Der liebe kleine Junge! Wolle Gott ihn uns doch erhalten u. uns beide auch ihm! An dem haben wir, glaube ich, noch recht oft Freude. An Bubi – wills Gott natürlich hoffentlich auch. Daß er uns beide lieb hat, weiß ich!

Dein Befinden hat sich inzwischen hoffentlich ganz gebessert! Im Allgemeinen hat’s Dir doch scheinbar gut gegangen, u. Influenza lag doch jetzt überall in der Luft.

Augusts Brief war beigelegt. Auch über den hab ich mich sehr gefreut. Grüß August zunächst wieder u. alle andern Lieben auch! Küß mir beide lieben Jungen u. laß uns alle dem treuen Gott befohlen sein! Hoffentlich kann ich bald gute Nachricht geben!

Laß Dich herzen u. küssen, mein Lieb u. sei innig gegrüßt von Deinem Dir stets dankbaren u. treuen

Paul.


Feldpostbrief, 29. November 1917
Les Rues des Vignes, den 29. Novb. 1917,
Donnerstagabend um 4 Uhr.
Keller der Ortskommandantur

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Auch heute bin ich noch hier. Aus der Sache heute morgen ist nichts geworden. Gründe sind mir unbekannt. Ob nun morgen? Befehle sind noch nicht da, allerlei Vorbereitungen aber bereits getroffen.

Soeben wurden wir telefonisch vom Rgt. benachrichtigt, daß 29 russische Divisionen mit unsern Truppen einen Waffenstillstand abgeschlossen haben u. daß unsere Oberste Heeresleitung mit der russischen verhandle. Das muß demnach amtlich sein u. ist kaum noch zu bezweifeln. Wo aber einmal ein Waffenstillstand geschlossen ist, da wird auch niemand wieder zu den Waffen greifen. Über die Folgen kann ich mir kein rechtes Bild machen. Aber hoffentlich ist’s der Anfang vom Ende.

Ich habe dem treuen Gott wieder viel zu danken. Im Hause der Ortskommandantur hatte ich mir gestern ein nettes Zimmer zurecht gemacht. Es fing dort an, gemütlich zu werden. Bis 8 Uhr heute morgen hatte ich im Bette gelesen. Schlafen konnte ich wegen des heftigen englischen Feuers nicht. Da wurde auch das Dorf beschossen. Ich ging hinaus u. war kaum 5 Minuten draußen, als ein Aufschlagschrappnell durchs Dach ging. Genau über meinem Bette wars krepiert. Die Matratze wie ein Sieb u. ein als Kopfkissen dienender Sandsack mit Werg hatte ein großes Loch! 5 Minuten vorher lag dort mein Kopf. – Sofort bezogen wir den Keller. Kaum 1 Stunde später sauste ein Schrappnell durch die Kellertür. Tröster mehrfach ganz leicht verwundet, mein Schreiber etwas schwerer. Ich stand 2 m seitwärts. – Dankt Ihr Gott mit mir! Er wolle weiter helfen. Seid alle drei herzlichst gegrüßt u. geküßt von

Euerm treuen Vater.


Schlusswort

Dies war der letzte Brief unseres am 30. November 1917 bei Cambrai gefallenen Großvaters an seine Frau. Sie erhielt ihn am 5. Dezember 1917.

Am 3. Dezember war ihr ein Telegramm zugestellt worden: „Ltn. Diekmann den Heldenkampf gefallen.“

Am 4. Dezember schrieb sie in das Tagebuch für ihre Kinder: „Nun ist das Furchtbare über uns hereingebrochen. Die liebe, treue Hand des guten Vaters schreibt Euch keine Zeilen mehr…“

Am 22. Dezember schrieb Feldwebel Rose (Kompanie unseres Großvaters) an Leutnant Rudolf Diekmann, den Bruder ihres Mannes, der auch an der Front eingesetzt war:

„Am 30.11. morgens war der große Sturm: den ganzen Tag habe ich mich erkundigt nach der Kompanie. Es kamen einige verwundete durch, die sagten alle das Herr Leutn noch gesund wäre. Bis des Abends als ich zum Batl. kam. Wurde es mir gesagt, das Herr Leutn gefallen sein sollte. Was ich nicht erst glauben konnte. Bis des Nachts ein Verwundeter von der Kompanie kam, und brachte mir die Nachricht. Ich dachte Ich hätte zuviel bekommen, so eine traurige Nachricht zu erhalten. Des andern morgen bin ich dann mit dem Wagen hingefahren, Und habe seine Leiche geholt. Er war schwer getroffen der Schuß war in die rechte Achselhöhle rein gedrungen bis in die Brust…“

Am 27. Dezember erhielt die Witwe einen Brief, und zwar geschrieben im Auftrage des Hauptmanns Kuhne:

„… Dann ging er wieder zu seinen Leuten zurück und erhielt, als er sich ein Bild von der Lage machen wollte, einen Kopfschuß. Ich kann Ihnen, werte Frau Diekmann, die Versicherung geben, daß Ihr Mann vollkommen schmerzlos verschieden ist. Er hat nichts von dem Schuß gemerkt. Dieselben freudigen Züge, wie wir sie den ganzen Morgen sahen, wenn er bei uns war, dieselben Züge lagen auch nach dem Tode auf seinem Antlitz. Ein schmerzloser, seliger Tod.“


(Quelle: https://www.dhm.de/fileadmin/lemo/suche/search/index.php?q=*&f%5B%5D=seitentyp:Zeitzeuge&f%5B%5D=epoche:Erster%20Weltkrieg)

3 Gedanken zu “Paul Diekmann

  1. @ Deutscher Volksgenosse

    Ich möchte Dir mal sagen, dass Du ganz tolle Arbeit machst auf Deiner Seite, gerade auch im geschichtlichen Bereich ! Du gibst wertvollen Menschen unseres Volkes wie Paul Diekmann hier eine Stimme und hilfst dadurch, noch besser zu verstehen. Alles rückt dadurch noch näher ran !

    Man könnte solche Dokumente (Feldpost) auch noch auf WKII erweitern. Deine Leser könnten suchen helfen, eindrucksvolles Material zu finden. Aus meiner Familie könnte ich Dir auch etwas geben, das bisher noch nie veröffentlicht wurde. Ich bin noch ein bisschen mit der Sütterlinschrift am kämpfen, kriege das aber hin, ich übe wieder. Manchmal kann man nur heulen über den Briefen, wenn man sich in die Soldaten hineinversetzt.

    Besonders angesichts Deines Alters bin ich sehr beeindruckt, was Du leistest und wieviel Du in kurzer Zeit gelesen und verstanden hast ! Die Sucht nach Wahrheit hat Dich anscheinend gepackt und treibt Dich, das kenne ich – vermutlich viele, die tief eingestiegen sind und denen alle Schuppen von den Augen gefallen sind.

    Mach weiter so, einfach große Klasse, Deine Arbeit !

    Mit aufrichtigem Gruß

    Bauz

    Gefällt 1 Person

    • @Bauz

      Danke. Ich bin durch Führerreden bei YouTube zum Nationalsozialisten geworden ohne dass ich die genaueren Hintergründe und Dokumente kannte. Allein das Wort unseres Führers hat mich Heim zu meiner Rasse geführt. Alles was danach kam war nur noch die Verinnerlichung der NS-Literatur.

      Auf die Briefe die sich in deinem Privatbesitz befinden bin ich schon sehr gespannt. Wenn möglich dann scanne sie ein denn so können wir hier neben der Abschrift auch die Originale veröffentlichen.

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    • PS: Ich hatte mich zunächst bei meiner Suche auf den WK1 beschränkt weil die ganzen Schlachten ja nun ihren 100sten Jahrestag „feiern“.

      Ich habe auch noch viel Feldpost vom WK 1 auf dem Schirm so das ich da noch sehr viel zu tun habe.

      Wenn du Feldpost vom WK2 hast dann schick mir die Links ich werde im Laufe der Zeit alles hier veröffentlichen.

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