Sommersonnenwende

Ewig dreht das Rad des Lebens
Ewig kreisen Zeit und Erde
Ewig neut sich so des Jahres
und des Menschen „Stirb und Werde“.

Zu Zeiten der Sommersonnenwende am 21.Tage des Brachmondes hat die Sonne den Höhepunkt ihrer Kraft und Einwirkung auf die Natur und damit auch den Menschen erreicht. Während dieser Zeit ruht die Arbeit auf den Feldern und die Frucht reift still vor sich hin. Eine Gelegenheit für die ländliche Bevölkerung ein ausgelassenes Fest zu feiern und sich von den Mühen der vergangenen Monate zu erholen, um frisch gestärkt der Ernte entgegenzusehen.

Wie allen indogermanischen Völkern war auch den Germanen der Lauf des Jahres bestimmend für Arbeit und Feier. Während die keltischen Völker nach der Zweiteilung ihres Jahreslaufes nur Feiern zur Maien- und Herbstzeit kannten, lagen bei den Germanen, die drei Jahreszeiten unterschieden, die bedeutendsten Festzeiten in unmittelbarer Nähe der Tag- und Nachtgleichen, bzw. der beiden Sonnenwenden. Galt die Mittwinterzeit, die Wiederkehr des lebenspendenden Lichtes, als höchste Festzeit, an der überall Julfrieden herrschte, so waren das Frühlings- oder Osterfest, die Sommersonnenwende und die Totengedenktage die festliegenden Tage des ungebotenen Things, der grossen Rats- und Gerichtsversammlungen aller freien 20 Männer eines Volksstammes.

Alle Jahreslauffeste sind von den gleichen Sinnbildern begleitet: Feuer, Lebensbaum und Lebenswasser, obwohl doch die Natur zu den verschiedenen Jahreszeiten ein ganz unterschiedliches Bild bietet.
Jahrhundertelang hat der eindringende Christianismus versucht, diese alten Volksbräuche auszurotten, und erst, als dies trotz strenger Strafen gegen Zuwiderhandelnde nicht gelang, begann man die Bräuche zu verfälschen und ihnen einen christlichen „Sinngehalt“ unterzuschieben. So wurde das höchste Fest unserer nordischen Ahnen, die Feier der Wiederkehr des Lichtes, zum Geburtstag des Jesus von Nazareth erklärt, das kräfteweckende, lebenspendende Maiengrün der Weidenzweige fand als „Palmbuschen“ Eingang in das kirchliche Osterbrauchtum und die Dank- und Freudenfeuer der Mittsommerzeit wurden Johannes dem Täufer geweiht. Kranz und Rad, seit Urzeiten im Norden Sinnbild der Unendlichkeit des Lebens in seiner ewigen Wiederkehr, lebten weiter in den „Osterrädern“, dem „Kirmesbaum“ und dem „Adventkranz“.

Im heutigen Brauchtum der Julzeit tritt das im Freien abgebrannte Feuer gegenüber dem ewig grünenden Lebensbaum zurück und findet nun seine Darstellung im Licht der Kerzen und dem noch in einzelnen Landschaften gebräuchlichen kultischen Neuentfachen des Herdfeuers. Herd und Altar waren bei den indogermanischen Völkern ein- und dasselbe und galten als heilig. Demgegenüber haben sich zur Mittsommerzeit vor allem die Feuerbräuche erhalten, während das Lebensbaum-Brauchtum dieser Zeit oft mit den Frühlingsbräuchen verschmilzt oder sich nach „Hohe Maien“, der christlichen „Pfingstzeit“, verlagert. In vielen deutschen Gauen setzt man auch heute noch feierlich den „Maibaum“, einen mit bunten Bändern und meist 3 Kränzen geschmückten hohen Baum, oder man steckt Sträusse, die oft aus siebenerlei Kräutern gebunden sind, an die Ecken der Felder. In manchen Gegenden Thüringens gibt es buntgeschmückte „Eierbäume“, sowohl zu Ostern und Hohe Maien als auch zur Sommersonnenwende und sie werden genau so im Reigen umtanzt, wie es bei den eiergeschmückten Bäumen in den Vogesen zur Neujahrsnacht Brauch ist.
Hängt beim Maibaum der grüne Kranz immer waagerecht, so finden wir ihn zur Sonnwendzeit oft senkrecht auf hohen Stangen befestigt, sei es bei den schwedischen Mittsommerstangen, dem Mimosquost in Nordschleswig oder der Queste und dem Ouestenbaum im Harz und in Thüringen. Im Salzburgischen trägt man Prangstangen über die Felder, während in der Heidelberger Gegend und im Odenwald beim „Sommertagumzug“ Haselgerten mitgetragen werden, die mit immergrünen Pflanzen, Äpfeln und Brezeln geschmückt sind. Eier und Äpfel zählen seit altersher zu den Sinnbildern der Fruchtbarkeit und Brezel und Kranz verkörpern die Unendlichkeit.
Es gibt aber auch Umzüge, bei denen Gestalten mitgeführt werden, die in grünes Laub – seltener in Stroh – gewickelt sind. Die Gestalt trägt verschiedene Namen: in den Alpenländern nennt man sie meist „Pfingstlümmel“, in der Saarpfalz „Pfingstquak“ und vom Augsburger Umland bis tief hinein ins Schwäbische „Wasservogel“. Der letztgenannte Brauch stellt schon die Verbindung zu den verschiedenen Wasserbräuchen her, die vielfach zu Ostern, zu Pfingsten oder zur Sonnwendzeit überliefert sind. Quellen und Brunnen waren für unsere Vorfahren verehrungswürdige Stellen, wohl in Erinnerung an den Urdbrunnen, aus dem alles Leben stammte. Auch heute noch ist es in verschiedenen deutschen Landschaften üblich, Brunnen und Quellen zur Festzeit mit Blumen zu umkränzen oder in ernstem Schweigen ihr segenbringendes Wasser nach Hause zu tragen. In vielen süddeutschen Orten, von den Ardennen bis nach Oberkrain, lässt man zur Mittsommerzeit bei einbrechender Nacht brennende Lichter die Bäche und Flüsse hinabschwimmen, während man am Kurischen Haff brennende Teertonnen ins Meer treiben lässt.

So, wie beim Tode berühmter germanischer Helden ihre Grabhügel umritten wurden, fanden auch in den Nächten der grossen Stammesfeier Ritte um Hügel und Brunnen statt. Aus der Freude aller indogermanischer Völker am Wettkampf entwickelten sich hieraus später Kampf- und Reiterspiele. Die Rennbahnen in der Nähe der berühmten Sonnenheiligtümer von Stonehenge und den Externsteinen geben hiervon noch genau so Zeugnis wie jene über Jahrhunderte überlieferten Reiterspiele wie das Ringelstechen oder das Vogelschiessen, die heute noch mancherorts am Nachmittag des Sonnwendtages gebräuchlich sind.

Die eigentlichen Feuerbräuche sind aber am weitesten verbreitet und gleichen sich in ihrem Ablauf von Lichtmess, Fasnacht, Ostern und Walpurgisnacht bis zur Sommersonnenwende. Die Biikenfeuer in Nordfriesland werden am 22. Hornungs in der Nähe alter Grabhügel abgebrannt und zeigen damit noch sehr gut die altnordische Sitte, die verstorbenen Vorfahren am Leben und Feiern der Sippengefährten teilnehmen zu lassen. Im schwäbisch-alemannischen Siedlungsraum sind die Höhenfeuer vor allem zur Fasnachtszeit gebräuchlich, was in den Ausdrücken Fasnetfunken und Funkensonntag seinen Niederschlag findet. Sie gehen vielleicht ebenso wie die irischen Feuer am Fasnachtsdienstag auf die alte keltische Jahresteilung zurück. Jakob Grimm ist in seiner „Deutschen Mythologie“ noch der Ansicht, die Osterfeuer wären mehr im Norden, die „Johannisfeuer“ mehr im Süden Deutschlands gebräuchlich, doch hat die neuere Volkskundeforschung diese Annahme nicht bestätigen können.

Osterfeuer sind auch im Sauerland, im Harz und in Tirol nachgewiesen. Im Klagenfurter Becken ist zu Ostern ein Fackeltanz üblich und des Osteräderrollen in Lügde in Westfalen gleicht genau jenem, das schon 1576 von dem Donauwörther Humanisten Sebastian Frank erwähnt wird. Diese Feuerräder kennt man aber auch zur Sonnwendzeit in vielen Orten in Luxemburg, im Moselland und in der Eifel, im Elsass und in der Rhön, im Odenwald, in Nassau, in Bayern und Schwaben, in der Schweiz und in Schlesien. Es sind grosse, hölzerne Räder, die mit viel Stroh oder Werg umwickelt sind und brennend von den Höhen ins Tal gerollt werden. In anderen Gegenden werden kleinere hölzerne Scheiben auf eine Stange gesteckt und brennend ins Tal geschleudert. Von den Burschen werden dazu gereimte Liebeswünsche gerufen oder altüberlieferte Sprüche für Flursegen und Erntedank.

Die Feuerstösse selbst sind meist kunstvoll aufgebaut, oft ragt in ihrer Mitte ein hoher, mit Blumen oder Kränzen geschmückter Stamm empor. In manchen Gegenden ist es der Maibaum, der vorher wochenlang mitten im Dorf stand. Aus Frankreich ist der Brauch bekannt, am 1. Mai einen Baum zu fällen und so kunstvoll zu keilen, dass er rautenförmig auftreibt. Er wird dann zur Sonnenwende auf einem Hügel abgebrannt. So, wie oft der Maibaum im Reigen umtanzt wird, geschieht es auch mit dem Feuer, nicht nur bei uns, sondern auch in England, Dänemark und Norwegen.

Überall ist der Glaube verbreitet, dass das heilige Sonnwendfeuer Segen bringe, sei es für die Fluren, über die die Räder rollen oder die Scheiben fliegen, sei es für das Vieh, das durch das fast herabgebrannte Feuer getrieben wird, wie vor Jahrhunderten bei Seuchengefahr durch das kultisch entfachte „Notfyr“. Auch die Menschen sollen dieser läuternden Kraft der Flammen teilhaftig werden. Deshalb springen sie übers Feuer, Bursch und Mädel gemeinsam, wenn sie in Zukunft auch gemeinsam den Lebensweg mit einer Fackel oder einem Span heimgetragen, um das vorher sorgfältig gelöschte Feuer neu zu entfachen und bis zum nächsten Sonnwendfeuer zu bewahren.

Vielfach gerieten jedoch die alten Bräuche gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Vergessenheit als Industrialisierung und Verstädterung die alten bäuerlichen Lebensformen zu verflachen begannen. Im Brennpunkt des Volkstumskampfes jedoch, im Grenzgebiet z.B. Deutsch-Österreichs, lebten die alten Formen weiter und in den Jahren der deutschen Not wurden die ursprünglichen Freudenfeuer mehr und mehr zu vaterIändischen Mahnfeuern. Vom Wandervogel und der Bündischen Jugend wurde diese Form aufgegriffen und in ganz Deutschland verbreitet, sodass für uns heute die Feier der Sonnenwende auch das Bekenntnis zu Volk und Vaterland einschliesst, auch wenn wir uns in den Formen möglichst an altüberliefertes Brauchtum halten wollen.

Mythologie

Das Fest der Sommersonnenwende ist mir dem Tode Baldurs durch die Hand seines Bruders Hödur verknüpft. Es steht im Jahreslauf gegenüber der Wintersonnenwende. So wie wir zur Wintersonnenwende uns mit Baldur und seinem Vater Odin verbinden, sind wir nun eins mit ihm und seiner Mutter Frigga. Dieses Fest soll uns an den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen erinnern. Ähnlich wie die Sonne ab diesem Tage langsam stirbt, verkörpert diese Zeit unser Leben im Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein. Ein Zeitpunkt an dem auch unser eigener Körper die höchste Kraft erreicht hat und von nun an langsam durch das Alter geschwächt wird.

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft´gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.”
Ludwig Uhland (1787-1862), „Sonnenwende”

Die Nacht zum 21. Juni ist die kürzeste Nacht des Jahres und markiert den Beginn des Sommers, vielerorts finden Feiern statt, die den Sommer und die Sonne, die nun ihren höchsten Stand erreicht hat, mit Feuern begrüßen. Solche Feste waren in Europa bei Kelten, Germanen und Slawen bekannt.

Die Sonnenwendfeiern finden nicht unbedingt zum astronomischen Zeitpunkt statt, vielfach sind sie mit den Feierlichkeiten der Johannisnacht zum 24. Juni, dem Festtag Johannes des Täufers, verbunden. Symbol des Johannistages ist eine teilweise geschälte, mit Blumen bekränzte Fichte. Um diesen Johannisbaum werden Reigen getanzt, immer linksherum, dem Lauf der Sonne entsprechend.
Andere Bräuche sind aus Eichenlaub geflochtene Johanniskronen an Türen und Dächer gebunden, ein Anklang an den Gott Donar (Thor), dem die Eiche heilig ist und der als Gewittergott das so geschmückte Bauwerk verschonen sollte. Weiteres Brauchtum siehe weiter unten und unter Johannes.

Die Sonnenwende markiert im Mythos einen Höhe- und Wendepunkt. Die germanische Sage weiß von Siegfried zu berichten, der von Hagen zur Sonnenwende getötet wird. Siegfried ist der strahlende Sonnenheld, der tagsüber unüberwindlich ist. Mit der Sonnenwende verliert er Macht und Leben.

Damit ist aber kein Tod im eigentlichen Sinne gemeint, vielmehr darf auf eine Wiederkehr gehofft werden und tatsächlich zeigt der Jahreslauf, daß dem Absterben im Herbst und der toten Zeit des Winters im Frühjahr neue Fruchtbarkeit folgt, die sich im Sommer zur ganzen Pracht entfaltet und der Zyklus weitergeht.

Es ist dies die Vermählung der Erdgöttin in Heiliger Hochzeit mit dem Sonnenheros, wie es in Mythen vielfach überliefert ist, z. B. die Isis und der sterbende Osiris.

GRIMM führt die Mutmaßung an, an Stelle des nordischen Gottes Baldur, dem die Mittsommerzeit heilig war, könne in christlicher Zeit der Johannes getreten sein, die Johannesfeuer könnten an Baldurs Leichenbrand erinnern (Deut. Myth., III, S. 78).
Brauchtum und Aberglaube zur Sommernachtgleiche

„wer eines montags drei stunden nach sonnenaufgang zur zeit der sommernachtgleiche geboren ist, kann mit geistern umgehen.” (GRIMM, Dt. Myth., III., A. 810, S. 463)

Brauchtum und Aberglaube zur Johannisnacht

Am Johannistag pflücken Jungfern stillschweigend in der Stunde nach Mittag neunerlei Blumen, darunter Storchschnabel, Weide und Feldraute. Mit einem zu gleicher Stunde gesponnenen Faden wird daraus ein Kranz gebunden und rückwärts in einen Baum geworfen. Soviele Würfe es bedarf, ehe der Kranz im Baum hängenbleibt, soviele Jahre wird es dauern, bis die Jungfer heiraten wird.

Mancherorts werden in der Johannisnacht brennende Räder einen Hang herabgerollt, verbreitet sind auch Fackelumzüge und der Tanz um das Johannisfeuer.

Ein Sprung über das Johannisfeuer soll das Jahr über vor Fieber bewahren (GRIMM, 1992, Bd. III, S. 468, Nr. 918), von Sünden reinigen und Schwangeren die Niederkunft erleichtern (WEHR, 1991, 135).

Die Asche des Johannisfeuers wird aufgehoben und unter der Türschwelle vergraben, da ihr noch lange Zeit magische Kraft innewohne (WEHR, 1991, 135).

Aus Eiern sollen Hexen in der Johannisnacht die Zukunft vorausgesagt haben. Der Zeitpunkt wird auch gern für einen Hexensabbat genutzt.

Wird beim Kräutersammeln in der Johannisnacht versehentlich ein Johanniskraut zertreten, so ist zu befürchten, daß plötzlich ein Pferd aus dem Boden steigt und den Unachtsamen in rasendem Ritt davonträgt.

Allgemein soll dieser Zeitpunkt für das Sammeln von Kräutern besonders günstig sein (Holunder, Johanniskraut).

Mädchen sollen in der Johannisnacht ihren Zukünftigen sehen, wenn sie zwischen 11 und 12 Uhr einen Kranz aus neunerlei Blumen winden — so jedenfalls der im „Sechsten und siebenten Buch Mosis” enthaltene „Magisch-sympathetische Hausschatz” (n. BAUER, 1996, S. 135). An gleicher Stelle heißt es, wenn das Mädchen einen Kranz aus Klebkraut windet und dabei dreimal ums Haus geht, wobei es spricht: „Klebekranz ich winde dich, Schätzchen, empfinde mich”, dann erscheine ihr der Zukünftige im Traum. Wird der Kranz während der Umgänge allerdings nicht fertig, so droht dem Mädchen Krankheit.

Wird eine Frau in der Johannisnacht schwanger, so soll das Kind später die Gabe des Bösen Blicks haben — vielleicht kirchliche Propaganda gegen allzu ausgelassene heidnische Festgebräuche.

Menhir – Sonnenwende

12 Gedanken zu “Sommersonnenwende

  1. Danke für diesen schönen Beitrag!

    Hoch über dem Chaos der Welt erhebt sich, weithin leuchtend, der Berg der Mitternacht, der hohe Hügel der Verheißung. Inmitten der Brandungen erregter Tage trotzt er, schroff und unzugänglich, von Ewigkeit zu Ewigkeit und bietet Zuflucht und Heimat nur den wenigen, die gewohnt sind, unter Opfer und Entbehrung ein gefährliches Dasein zu
    leben. Kalt ist der Stein des Berges im Norden, und rauh sind die Winde, die sich an seinem Gipfel spalten.

    Schwächlingen graust vor seiner wilden Eintönigkeit. Und Menschen, die da glauben, Schönheit erwüchse nur in den vor Stürmen geschützten, wärmeerfüllten Tälern, für
    chten, daß ihr Herz erstarren müsse in der Kälte jener Erhabenheit.

    Die wenigen aber, die auf dem Berge der Freiheit wohnen, um der Sonne nahe zu sein und den Sternen, sehen unter sich die Wolken und den Dunst, den Nebel und den Staub, die sich wie dichte Schleier über die Täler decken, und wissen, daß sie in der Enge dort unten nicht atmen können. Sie spähen in die Niederrung und rufen jedem Wanderer, der sich
    ihnen nähert, ermahnende Worte zu, daß sich sein Fuß nicht verirre, daß er zu ihnen herauffinde über alle Schluchten und Abgründe hinweg.

    Und wenn es in der Welt dunkel wird, wenn die Menschen der Täler im Träume alle Hoffnung hingeben an Wünsche des ewigen Friedens und der fortdauernden Glückseligkeit, dann beginnt der Berg in Mitternacht zu glühen, und die
    Herzen der Wenigen leuchten in ihrer Begeisterung für das gefährliche Wachsein wie Fackeln in der Nacht.

    Und wenn von den Tälern herauf die müden Melodien verzweifelter Frommer klagend klingen, schicken die Wenigen das Jauchzen ihres Herzens mit dem wehenden Wind in die endlose Weite der gärenden Welt.

    Zuweilen, wenn die Sonne der Freiheit die Nebel zerteilt oder wenn in sternenklaren Nächten die Fackeln vom Berge weithin leuchten, heben die Menschen der Täler verwundert ihre Augen auf und schauen zu den Wenigen empor.

    Sie schaudern wohl, wenn sie die Gefährdeten dort oben am Grat des Todes sehen, und fühlen sich in ihrer geborgenen Niederung glücklich.

    Das Verhalten der Wenigen erscheint ihnen sinnlos, weil sie keinen Ertrag erspähen können, denn sie haben erkennen gelernt, daß die Früchte des Tages in den Tälern schnell reifen, und sie können an den hohen steinigen Hängen keine Frucht erkennen.

    Vergebens fragen die Menschen der Täler nach dem Sinn jenes einsamen Lebens. Nur sehr selten befällt einen aus dem Tale, einen Jungen, der sich durch seine Kraft aus Traum und Taumel lösen konnte, die Sehnsucht, hinaufzusteigen in die trotzige und freie Einsamkeit.

    Er nimmt lächelnd Abschied von den Seinen, sein Blick sieht die Weite, er will nicht mehr das enge Glück des Tales preisen, er sieht auch nicht mehr, daß jene, die ihm das Geleit geben, um ihn weinen wie um einen Toten. Die Zurückbleibenden aber zerreißen sich das Gewand der Trauer um den Verlorenen, der jubelnd in den großen Krieg des
    Lebens zog, und fragen ängstlich nach dem Warum des Aufbegehrens gegen die Geborgenheit. Die große Sehnsucht erklärt ihnen nicht das Warum.

    Die Einsamen sind die Wächter in den ewigen Feuern der Freiheit. Wenn es kalt wird in der Welt, und wenn Eis und Schnee drohen, alles Lebendige erstarren zu machen,
    dann gehen sie auf den Gipfel des Berges, um unter dem hohen Sternenhimmel ein Feuer zu entzünden, das Himmel und Erde in einem gewaltigen Leuchten verbindet.

    Und wer in den Tälern dem Untergang entrinnen will, der macht sich auf, den Berg der Freiheit zu ersteigen. So ist das Feuer das Zeichen derer, die in Freiheit wachen und das Schwert nicht aus der Hand legen. Feuer ist der Feind alles Schwachen, es brennt alle Spreu, alles Morsche auf, um das Edle um so fester zu binden.

    Im Feuer, das das Leben weckt und erhält, schmieden die Einsamen ihr Schwert, das sie als Krieger bis an das Ende ihrer Tage tragen.

    Im Feuer gehärtet: so ist das Schwert das Sinnbild des ewigen Willens zur Freiheit, die Glanz vom gewaltigen Leuchten ist, das Sternenhimmel und Erdenraum vereint.

    Und das Eisen, das dort im Feuer gehärtet wird, ist die beste Gabe, die der tiefe geheimnisvolle Schoß der Erde birgt. So findet sich im Schwerte alles Hohe, was Erde und Ewigkeit zu geben haben, Eisen und Feuer, Willen, Wachsein und Bereitschaft. Nur den Einsamen aber ist das Schwert Offenbarung. Den Menschen der Täler ist es grauenumwittertes Geheimnis.

    „Das Schwert ist das Recht und die Wahrheit“, so sagt ein alter deutscher Waffenspruch.

    Am Schwerte scheiden sich die Welten. Wenn das Schwert rostet, stirbt die Ehre, dann aber stirbt mit ihr das Recht und die Wahrheit. Die Einsamen wissen, daß die Trägheit der Niederungen mehr Herzen getötet hat als das Schwert, darum trauen sie dem einschläfernden Alltag, der sich „Frieden auf Erden“ nennt, nicht. Denn mit den Wolken die aus der Niederung aufsteigen, schleichen sich alle Gewalten der Finsternis ein.
    Warum aber greift der Krieger zum Schwert? Solange es überhaupt ein Denken des Nordens gibt, solange gibt es eine Besinnung auf die Kraft, die der Widrigkeit des Schicksals ein trotziges Dennoch bietet. Der Mensch des Nordens muß wissen, daß selbst unter dem tiefsten Eise noch Leben schlummert, das die Sonne des Frühlings zu wecken vermag. Er muß wissen, daß über den sturmzerissenen Wolken die ewige Sonne leuchtet. Dieser Glauben ist Trost, ist Auflehnung, ist Empörung. Er beugt sich nicht dem
    Alltag des Zustandes. An den Widrigkeiten wachsen die Kräfte. Und das Schwert, das sich der Krieger schmiedete, ist nichts anderes als der zu Eisen geballte Widerstandswillen. Es ist tiefstes Wissen des Kriegers, geboren aus dem Gesetze der ewigen Auflehnung, die nur der gefahren umlauerte Norden kennt: daß das letzte Heil im Schwerte liegt!
    Das Schwert kennt keine Lüge, so wenig wie der Tod.Wer je und je zum Schwert gegriffen hat, um das Schicksal „Leben“ zum Zweikampf herauszufordern, wuchs über die Ängste in das Land der letzten Entscheidung: in das Land der Freiheit!

    Der erste, der einst ein Schwert sich hämmerte, mag es nur zur Wahrung seines Lebens geschwungen haben. Aber schon der Schwertträger, der sich im Besitze seiner Waffe allen kommenden Widrigkeiten überlegen fühlte, verband mit seinem trotzigen Wissen den Stolz, den Widrigkeiten gefährlich zu sein. Das Bewußtsein, Furcht einflößen zu können, gab eine unerhörte Selbstachtung in die Herzen der Schwertträger und ließ sie zu Kriegern emporwachsen. Das Kriegertum wurde der mit der Freiheit gekrönte
    Adel jenes Teiles der Menschheit, der fähig war, ein Leben in Wachheit und Bereitschaft zu führen. „Wehrhaft sein“ war die selbstverständliche Forderung ehrenhafter Männer, die wußten, daß sie mit dem zum Kampf verpflichtenden Schwerte über sich selbst hinauszuwachsen vermochten.

    „Der sich ehrt, der sich wehrt“, verkündet ein Waffenspruch.

    Zum Zeichen seiner Ehrenhaftigkeit trägt der Krieger sein Schwert auch dann, wenn friedliche Jahre über die Welt kommen. Und wenn die Üppigkeit des Genusses seinen Sinn verführen will, tastet der Krieger nach dem Schwert, das
    ihn an die herrliche Freiheit des gefährlichen Lebens erinnert, in dem aller Genuß vor der Erhabenheit der Tat ins Nichts der Bedeutungslosigkeit versinkt. Ohne Schwert ist der Mann dem Schicksal seines Lebens ausgeliefert, mit dem Schwerte in der Hand aber
    überwindet er, was soeben noch unüberwindlich schien. Die Gesinnung des Schwertes aber ist die heldische Bereitschaft des Herzens.

    Das Schwert ist der letzte Kamerad des Kriegers, wenn alle um ihn in die Nacht des Todes gesunken sind. Solange er das Schwert trägt, trägt er auch die Hoffnung auf den endlichen Sieg. So gibt das Schwert dem Krieger Kunde vom Leben und erfüllt sein Herz mit trotziger Zuversicht. Das stolze Wissen von der Überlegenheit der Tat über jeden Zustand läßt den Krieger immer wieder die Gefahr und mit ihr die Stunde der Bewährung suchen. Die Welt wäre für ihn nicht mehr lebenswert, würde sie ungefährlich. Darum ist das Wesen des Kriegers nicht von der Stille, sondern vom Sturme. Er verachtet die träge Ruhe und liebt die große
    Unruhe, die alle Offenbarungen des Erlebens birgt. Das Kriegertum des Mannes sehnt sich immer wieder in die lockenden Weiten der Gefahr. Alles will der mit dem Schwert gerüstete Krieger erfahren, die Welt und den Himmel, das Gestern, das Heute und das Morgen. Wohin er dringt, wo auch immer sein Fuß Neuland betritt, überall dorthin trägt er auch die brennende und leuchtende Fackel seiner furchtgelösten Freiheit als Botschaft vom hohen Hügel der Verheißung. Sein Leben ist Sturmlauf, nicht ruhige Beschaulichkeit. Die Menschen der Täler sehen in ihm einen Dämon und hassen ihn, weil er die Götzen ihrer Geborgenheit, die sie Glück nennen, zerschlägt. Sie sehen in ihm einen Verführer ihrer Söhne, weil er ihnen kriegerische Weisen der Sehnsucht ins Herz singt.

    „Im Herzen Mut, Trotz unterm Hut, Am Schwerte Blut, Nur so wird’s gut!“

    Die Waffensprüche auf den Schwertern sind kurz angebunden, hart, herrlich, gerade so wie die Krieger, die sie ersannen. Und die Lieder der Krieger künden vom Tode, dem der Mut der Tapferen den Schrecken nahm. Leben und Sterben liegen beim Krieger eng beieinand
    er. Heute rot, morgen tot! Dieses Sprichwort ist alles andere als eine demütige Verbeugung vor dem Schicksal, vielmehr liegt in ihm die Mahnung, den Tag zur Tat zu nützen, denn der Tod setzt der Tat ein Ende. Die Nähe des Todes, das Du und Du mit Freund , zwingt zur Ballung des Lebenswillens und steigert so die Lebensinnigkeit, aus der eraus allein die großen und gewollten Taten der Freiheit erwachsen.

    Aber ist nicht jeder,der vom Blute her Krieger ist und Freude am Schwerte hat, ein Zerstörer seines Lebens? So fragen die Menschen der Täler und flüstern ängstlich die Warnung, daß, wer sich in Gefahr begebe, in ihr umkomme! Sie wissen nichts davon, die Menschen der Täler, daß jedes Wandeln auf der Höhe mit der Gefahr des Absturzes verbunden ist. Daß jedes sehnsüchtige Schweifen in die Ferne den Untergang bringen kann. Daß jeder, der mit
    vollen Segeln der Hoffnung und Zuversicht das Schiff seines Lebens in die Meere der Verheißung fahren läßt, Gefahr läuft, in den Stürmen des Daseins unterzugehen. Der Geborgene lebt gewiß sicherer, ungefährlicher, harmloser, ohne Kümmernis und ohne Leid, er lebt aber auch unfruchtbar. Er schafft keine Werte der Erkenntnis, weil ihm die Erfahrung, gerade das, was auf den abenteuerlichen Fahrten des Lebens an Einsicht, Weisheit und Gewißheit gewonnen wird, fehlt. Der Abgrund des Grauens, der sich für den Menschen der Geborgenheit zwischen Leben und Tod auftut, wird von den Kriegern überbrückt, weil sie sich im Wissen um das Gesetz des Daseins damit abgefunden haben, daß nur durch
    kühnes Wagen die Wege zur Freiheit erforscht werden können.

    Ist überhaupt ein Ziel wert, daß der Wanderer zu diesem Ziele auf dem Wege dorthin sein Leben verliert? So spricht der Zweifel in den Herzen der Ängstlichen. Denn sie errechnen, daß das Unerreichte kein Ergebnis ist! Krieger aber sind keine kalten Rechner, sie wagen nicht um eines Preises sondern um ihrer Sehnsucht willen.

    Die Erde ist im Laufe der Jahrtausende ein unübersehbares Totenfeld geworden. Das Gesetz der Verwerfung und des Neuwerdens bestimmt, daß aus dem Gestorbenen in gewandelter Form etwas Neues werde. Nicht einmal der Halm stirbt, ohne neues Wachen zu bewirken, zu fördern. Krieger und Feige deckt die gleiche, ewig sich aus Totem zu Lebendigem erneuernde Erde, und hämisch stellen die Schwachen fest, daß der Tod alles gleichmache. Das ist ihr Trost, daß sie den Verräter neben den Treuen betten dürfen.
    Sie wissen nichts davon, daß während die Gräber im Winde verwehen, der Willen zur Freiheit, der einst die Herzen der Krieger erfüllte, als gewaltige Kraft von Ewigkeit erhalten bleibt und als großes Leuchten auf dem Berge in Mitternacht seinen Wohnsitz nimmt. Die Namen der Tapfersten aber werden zu Fackeln!

    „Besitz stirbt, Sippen sterben, Du selbst stirbst wie sie. Eines nur weiß ich, Das ewig lebt: Der Toten Tatenruhm!“

    Das ist die ernste und verpflichtende Lehre vom ewigen Leben des Kriegers, eine Lehre, die nur im hohen Norden der Erde, am Berge in Mitternacht, erstehen konnte.
    Es gibt nur eine Wiederkunft der Toten, an die die Krieger glauben: die ehrende Erinnerung an tapfere Taten, die die Wolken der Schmach, die einst die Sonne der Freiheit verhüllen wollten, vom Himmel rissen.

    Ein Volk ist das, was seine Seele will! Die Gestalter des Willens aber sind die Krieger. Darum lebt das Volk von ihrer Tat. Der Willen der Nation offenbart sich im Reich, für das die Krieger kämpfen und fallen. Weil sie sich dem Befehl verschrieben haben, verzichten sie auf die Wahl ihres Loses. Vor dem Willen der Nation, dem gerechten Willen zur Unsterblichkeit, dessen nur ein starkes, kriegerisches Volk fähig ist, haben sich alle Toten zu verantworten wie bei einem Appell. Wenn der Willen der Nation die Frage erhebt: Wofür seid ihr gestorben?, dann müssen die Schwachen schweigen. Sie wissen weder einen Grund für ihr Leben noch für ihr Sterben anzugeben, weil sie sich ganz der verlockenden
    Bestechung des Götzen Zufall hingegeben haben. Nur die Krieger können Antwort geben, indem sie auf ihre Taten weisen, die dem Wachen, dem Bereitsein, dem Wachsen und dem Leuchten gedient haben. Nur wenige sind es, die in die einzige, in die wirkliche Ewigk
    eit, in die Ewigkeit der Nation eingehen, weil sie Werte geschaffen haben. Der Ruhm der Taten und der Werte scheidet das Unverwesliche vom Verweslichen. Nur wer bei diesem Appell Antwort geben kann, ist gerecht.

    Wer aber ist Krieger? Nicht der, der nur bereit ist, sein Leben hinzugeben. Es gibt Schwärmer, Heilige und Narren, die für eunen Tand ihr Leben bereitwillig mit der zerstörerischen Wut eines Selbstmörders wegwerfen. Sterben können ist noch kein
    Zeichen einer überlegenen Haltung.Nicht der, der aus Gehorsam ohne Widerspruch Uniform und Waffe trägt, um sich nach einer gewissen Zeit wieder in die durch den unfreiwilligen Dienst unterbrochene Geborgenheit zurückzubegeben und den Rest seines Lebens mit einer gewissen stolzen Bewunderung an jene Jahre, die er als „Vaterlandsverteidiger“ zubrachte, zurückzudenken. Krieger kann einer nur aus seinem Blute sein, denn Kriegertum ist das Aufjauchzen der Seele, die zum fernen Leuchten des Berges strebt. Es ist die geläuterte Haltung des Menschen, der die Sehnsucht nach Freiheit über die Verlockung der Geborgenheit siegen ließ. Kriegertum ist der Lebensstand der Starken, die sich dem Wagnis verschrieben haben. Es ist das
    Immerbereitsein zum Kampfe um die läuternde und stärkermachende Erkenntnis, die Mobilmachung gegen die Widrigkeit des Schicksals, das ständige Unterwaffen
    stehen.

    Das Leben des Kriegers ist nicht „glücklich“ im Sin
    ne eines Friedensschlusses mit Schicksal und Zustand. Es kennt mehr Leid und Wunden, Enttäuschungen und Abgründe als das Leben der Geborgenen. Mehr aber als alles Glück der Erde an Zufriedenheit und Behaglichkeit zu geben vermag, gibt dem Krieger das Bewußtsein seines schöpferischen Wertes. Trotzig und stolz ist der Krieger, wenn die Geborgenen zufrieden und glücklich sind. Darin liegt der Mut des Kriegers, daß er, der Gefahren ungeachtet, immer wieder den Sprung in das Wagnis tut, um stärker zu werden. Er unternimmt es, von Mal zu Mal stärkere Gegner zum Zweikampf zu fordern, um an der Zahl der Siege das Wachstum seiner Seele festzustellen. Bei dieser Zerreißprobe muß er sich damit abfinden, daß er eines Tages der Unterlegene sein wird. Diesen dämonischen Urwillen zum Siege für die Nation nutzbar zu machen, ist die
    letzte Weisheit des Kriegers. Wertvoll zu sein, ist das Ziel seines Daseins.
    Der Hinweis auf die Erfüllung seiner Pflicht, auf seine Taten, ist seine Antwort beim Appell!
    „Wir wissen um des Volkes Not,
    Wir wissen um den Tod der Gewehre.
    Wir sind die Schaffer von Raum und Brot
    Wir sind die Träger der Ehre“

    Kurt Eggers – – Von der Freiheit des Kriegers

    Gefällt 1 Person

  2. „zur Rechten sieht man wie zur Linken,
    einen halben Türken heruntersinken.“ 😉

    Ludwig Uhland

    Der wackere Schwabe

    Als Kaiser Rotbart lobesam
    zum heil’gen Land gezogen kam,
    da mußt er mit dem frommen Heer
    durch ein Gebirge wüst und leer.
    Daselbst erhub sich große Not,
    viel Steine gab’s und wenig Brot,
    und mancher deutsche Reitersmann
    hat dort den Trunk sich abgetan;
    den Pferden war’s so schwer im Magen,
    fast mußte der Reiter die Mähre tragen.

    Nun war ein Herr aus Schwabenland,
    von hohem Wuchs und starker Hand,
    des Rößlein war so krank und schwach,
    er zog es nur am Zaume nach;
    er hätt‘ es nimmer aufgegeben,
    und kostet’s ihn das eigne Leben.
    So blieb er bald ein gutes Stück
    hinter dem Heereszug zurück;
    da sprengten plötzlich in die Quer
    fünfzig türkische Ritter daher.

    Die huben an auf ihn zu schießen,
    nach ihm zu werfen mit den Spießen.
    Der wackre Schwabe forcht sich nit,
    ging seines Weges Schritt vor Schritt,
    ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
    und tät nur spöttisch um sich blicken,
    bis einer,dem die Zeit zu lang,
    auf ihn den krummen Säbel schwang.

    Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
    er trifft des Türken Pferd so gut,
    er haut ihm ab mit einem Streich
    die beiden Vorderfüß‘ zugleich.
    Als er das Tier zu Fall gebracht,
    da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
    er schwingt es auf des Reiters Kopf,
    haut durch bis auf den Sattelknopf,
    haut auch den Sattel noch zu Stücken
    und tief noch in des Pferdes Rücken;
    zur Rechten sieht man wie zur Linken,
    einen halben Türken heruntersinken.

    Da packt die andern kalter Graus;
    sie fliehen in alle Welt hinaus,
    und jedem ist’s, als würd‘ ihm mitten
    durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.
    Drauf kam des Wegs ’ne Christenschar,
    die auch zurückgeblieben war;
    die sahen nun mit gutem Bedacht,
    was Arbeit unser Held gemacht.

    Von denen hat’s der Kaiser vernommen.
    Der ließ den Schwaben vor sich kommen;
    er sprach: »Sag an, mein Ritter wert!
    Wer hat dich solche Streich‘ gelehrt?«
    Der Held bedacht sich nicht zu lang:
    »Die Streiche sind bei uns im Schwang;
    sie sind bekannt im ganzen Reiche,
    man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.«

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